DIGITALISIERUNG: Die Region wehrt sich mit allen Kräften gegen den Super-Gau

Der Handel ist im Wandel

Mit dieser Vorlage weisen Händler in der Wirtschaftsregion Siegen-Wittgenstein und Olpe darauf hin, dass sie trotz der Schließung weiterhin für ihre Kunden erreichbar sind – online, zum Beispiel über eine eigene Homepage oder die Social-Media-Kanäle.Grafik: IHK

21.01.2021

Wir Kunden entscheiden heute, wie die Innenstädte von morgen aussehen.

Mit leeren Innenstädten endet das Jahr 2020, mit geschlossenen Türen beginnt 2021: Neues Jahr, altes Leid! Und das wird auch erst mal so bleiben. Bis mindestens Mitte Februar dürfen Einzelhandel, Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe nicht öffnen. So wollen es Bund und Länder. Das kostet Kraft, Nerven – und viel Geld. Kurzum: Es geht, mitunter, um Existenzen. Doch wer in diesen Tagen mit Marco Butz von der Industrie- und Handelskammer Siegen über den stationären Handel spricht, ihn über das Hier und Jetzt und über die Perspektiven berichten lässt, der bekommt erfreulicherweise nicht nur Schlechtes zu hören. Der Einzelhandel liegt zwar auf der Intensivstation, gestorben aber ist er noch nicht.

Marco Butz, Leiter des Referats Hochschule, Wirtschaft und Einzelhandel, der Unternehmer schon seit Jahren dazu ermutigt, an ihrer digitalen Sichtbarkeit zu arbeiten, der stets auf den möglichen Nutzen von Facebook, Instagram und Co. hinweist, hat in den vergangenen Wochen und Monaten nämlich durchaus auch eine positive Entwicklung ausmachen können. „Ja, ich kann schon sagen, dass die Händler in ihrer Allgemeinheit zurzeit besser aufgestellt sind, als das noch vor dem ersten Shutdown im Frühjahr 2020 der Fall war.“ Auch in unserer Region seien es immer mehr Geschäfte und Dienstleister, die ihre Kunden nun auch digital im Netz begrüßen – mit einer eigenen Website, per App, in den sozialen Netzwerken oder wie und wo auch immer. Möglichkeiten dazu gibt es jedenfalls einige. Welche, darüber hat die heimische IHK in den vergangenen Monaten mehrfach informiert – sozusagen in Vorbereitung auf einen möglichen zweiten Lockdown, aber eben auch für die Zeit danach. Für die Zukunft.


"Ich kann schon sagen, dass die Händler in ihrer Allgemeinheit zurzeit besser aufgestellt sind, als das noch vor dem ersten Shutdown im Frühjahr 2020 der Fall war."

Marco Butz
IHK Siegen


Mit Webinaren, Seminaren oder auch Workshops zum Thema habe man im vergangenen Jahr mehr als 500 Händler erreicht. Darüber hinaus habe die IHK Siegen im selben Zeitraum insgesamt 84 Unternehmen geschult, in denen es um das Erstellen eines eigenen Social-Media-Accounts gegangen ist, aber auch um das Entwickeln einer Social-Media-Strategie. „Für uns als IHK Siegen war das ein hohes Pensum. Zum Ziel gesetzt hatten wir uns Anfang des Jahres 60 Unternehmen.“ Doch dann kam die Pandemie. Und damit verbunden hielten auch Ängste und Sorgen Einzug. Von jetzt auf gleich wurde den Händlern bewusst, wie wichtig eine gewisse Erreichbarkeit ist, wenn man selbst quasi nicht mehr erreichbar ist. Zumindest nicht persönlich. „Viele haben die vergangenen Monate genutzt, um an ihrer digitalen Sichtbarkeit zu arbeiten“, freut sich der IHK-Mann über das Engagement. „Dabei geht es ja gar nicht darum, einen eigenen Webshop einzurichten. Hierfür ist schnell eine Summe im fünfstelligen Bereich erforderlich, und das kann ein kleiner Händler kaum leisten.“

Nein, sagt Marco Butz, digitale Sichtbarkeit bedeute nicht etwa, einen Webshop einzurichten und mit den großen Online-Playern in Konkurrenz zu treten. „Diesen Kampf hat man schon verloren, bevor er überhaupt begonnen hat.“

Michael Bär

Vielmehr müsse sich der stationäre Handel seiner Stärken bewusst werden und diese auf den verschiedenen digitalen Plattformen auch in den Vordergrund stellen „Es geht um Beratung und Service.“ Beratungskompetenz beginne dort, wo der Händler mit seinem Smartphone durch das geschlossene Ladenlokal laufe und dem Kunden am anderen Ende der Leitung den gewünschten Kleidungsartikel präsentiere. Beratung, ergänzt Marco Butz, umfasse aber auch einen gewissen Service. „Wenn zum Beispiel die Inhaberin eines Bekleidungsgeschäftes für ihre Kundin ein Auswahlpaket erstellt und es ihr zuhause vor die Tür stellt. Das kann sie aber nur, weil sie im Gegensatz zum anonymen Onlinehändler den Geschmack, die Konfektionsgröße und das Budget ihrer Kundin kennt.“

Leider nicht alle, aber glücklicherweise viele Händler hätten die Zeichen der Zeit erkannt und nützliche Kooperationen geschlossen. So würden zum einen Waren gemeinsam ausgeliefert, zum anderen werde stärker zusammengerückt. „Gerade im Bereich Social-Media ist das zu spüren, alle helfen sich irgendwie gegenseitig“, freut sich Marco Butz. „Die Hauptsache ist doch, der Einzelhandel funktioniert wieder.“

Und ja, das tut er. Denn obwohl die Ladentüren in diesen Tagen geschlossen zu halten sind, sind die Fachhändler trotzdem für ihre Kunden da. Am Telefon, per E-Mail, per Whatsapp, mit Infozetteln im Schaufenster. Das eine Mal wird die Ware direkt an der Ladentür übergeben, das andere Mal bis vor die Haustür geliefert. „Immer mehr machen zum Beispiel ,Click & Collect’, was eine tolle Sache ist, die Infrastruktur jedenfalls ist dafür da. In der Regel wird im Vorfeld bestellt und bezahlt, dann wird abgeholt – kontaktlos“, sagt Marco Butz weiter. Doch bei allen Maßnahmen und alternativen Vertriebswegen, die sich der stationäre Handel hat einfallen lassen, sicherlich gezwungenermaßen, ist eines doch immer noch wichtig: „Man muss all das als Kunde auch wollen.“ Denn dass die aktuellen Verordnungen für den Umsatz nicht gerade förderlich seien, liege logischerweise auf der Hand: „Je weniger lang der Lockdown dauert, desto besser ist es für die Händler. Gerade den inhabergeführten Geschäften geht es nicht rosig.“ Nicht, dass er falsch verstanden werde, ergänzt der IHK-Experte, der Lockdown sei sicherlich erforderlich, keine Frage. „Aber wenn du siehst, wie der Handel und die Gastronomie am Ende sind und alle Reserven aufgebraucht sind, dann ist das schon echt bitter.“ Zumal das auch Auswirkungen auf uns alle, auf die Menschen vor Ort habe.

„Ich mache mir wirklich Sorgen um unsere Innenstädte, in denen große Leerstände entstehen können.“ Denn gerade dort, in den Zentren, seien vornehmlich die Schuh- und Modehäuser dieser Welt angesiedelt – denen aber geht es zurzeit besonders schlecht. „Ist ja auch klar: Wenn ich im Homeoffice arbeite, wieso sollte ich mir dann neue Kleidung kaufen? Warum sollte ich einen Anzug oder ein Abiball-Kleid kaufen, wenn es kein Meeting oder keine Veranstaltung gibt? Uns fehlen aktuell einfach die Anlässe.“

Und doch wirbt der IHK-Fachmann um Unterstützung. Jetzt. Und in den kommenden Tagen und Wochen. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir unsere Händler unterstützen können. Bei jedem Einkauf im Internet sollten wir uns bewusst machen, dass er Auswirkungen haben kann: auf unsere Innenstädte, auf die Menschen hinter den Kassen, auf die Ausbildungsplätze in der Region und auf die Stadtentwicklung.“ wette

Mit Herz und Hand

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Erst wurde diskutiert, dann beraten und schließlich beschlossen: Seit vorgestern Abend steht nun fest, dass der zweite Lockdown in die Verlängerung der Verlängerung gehen wird. Somit bleiben Einzelhandel und Dienstleistungsbetriebe bis Mitte Februar geschlossen. Mindestens. So wollen es Bund und Länder.

Wir alle müssen uns längst in einem Alltag zurechtfinden, den wir uns in dieser Form sicherlich niemals hätten vorstellen können. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand: Geschlossene Türen im Einzelhandel, keine Filme in den Kinos, keine Bewirtung von Gästen in Cafés und Restaurants, keine Kultur, keine Freizeitgestaltung. Anders formuliert: Das Leben, wie wir es kennen und lieben, macht zurzeit Pause. Hinzu kommen Existenz- und Zukunftsängste. Die Corona-Pandemie trifft gerade die Selbstständigen unter uns sehr hart, andere befinden sich in Kurzarbeit, wiederum andere haben ihren Job komplett verloren.

Und doch gibt es auch in diesen Tagen Positives zu berichten. Geschichten über Menschen aus unserer Nachbarschaft zum Beispiel, die helfen und unterstützen, oder Möglichkeiten, wie mit kreativen Ideen der aktuellen Lage getrotzt werden kann. All das sind kleine Mutmacher, die wir Ihnen mit der vorliegenden Sonderveröffentlichung „Wir sind weiterhin für Sie da“ sehr gerne ans Herz legen möchten. Denn Handel, Gastronomie und Dienstleister sind – wo immer möglich – auch weiterhin für uns da. Nur müssen wir uns auch auf die veränderten Strukturen und neuen Vertriebswege einlassen.

Ja, die Situation ist ernst. Aber längst nicht aussichtslos. Wir alle können helfen. Die Ladentüren sind zwar geschlossen, aber trotzdem steht uns das Fachpersonal mit Rat und Tat zur Seite. Eine E-Mail, ein Anruf, eine Whatsapp, ein Klick, fast alle Artikel sind auch weiterhin im stationären Handel erhältlich. Ob das Buch aus der Buchhandlung, Spielzeug für den Kindergeburtstag oder eine neue Espressomaschine: Wir können bestellen und kurz darauf abholen, oder aber wir werden beliefert. Und das oft schneller, als es selbst die großen Online-Player in der Lage sind. Doch der lokale Handel punktet gerade in diesen Tagen auch noch mit etwas anderem: mit Service.

Persönliche Erfahrungen, die wir selbst gemacht haben, aber auch Gespräche, die wir für die vorliegende Sonderveröffentlichung geführt haben, haben gezeigt: Dort, wo es möglich ist, machen die Unternehmer tatsächlich das Beste aus der Situation – mit Abstand, mit sorgfältigen Hygienekonzepten, mit großer Hilfsbereitschaft, mit viel Energie und bewundernswertem Einfallsreichtum.

Der Titel unserer aktuellen Sonderbeilage greift dies treffend auf. „Wir sind weiterhin für Sie da.“ In unseren Beiträgen lassen wir die Hauptakteure aus den unterschiedlichsten Bereichen zu Wort kommen, zeigen Ideen auf und haben uns unter den Menschen in der Region umgehört. Fast alle Branchen sind weiter für uns da – mit Herz und Hand. Nutzen wir es. Jetzt!

Ihre
Redaktion für Sonderthemen

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