RAUMLAND: Darum zieht die Raumländer Kirche mit ihren spannenden Geschichten die Besucher immer wieder aufs Neue in ihren Bann

Wo manches Geheimnis hinter Mauern schlummert


28.12.2020

Ihre gewaltigen grauen und massig angelegten Säulen und die hohen, weiß getünchten Gewölbe atmen den Geist von Jahrhunderten. Das Licht fällt durch die gebogenen Fenster in die Innenräume dieser uralten und statthaften Kirche mit ihrem dreischiffigen Hallenlanghaus und den vielen verborgenen Winkeln und von Schatten umspielten Ecken. Und je mehr man sich auf diese besonderen Räumlichkeiten einlässt und ihre Geschichte ergründet, umso mehr treten einem verborgene und geheimnisvolle Geschichten aus längst vergessenen Zeiten entgegen, dass man mitunter den Atem anhält und immer wieder aufs Neue erstaunt: Die evangelische Kirche von Raumland vermag es, ihre Besucher immer wieder aufs Neue in ihren Bann zu ziehen.

Die Geschichte dieses imposanten Bauwerks über den Dächern der Ortschaft reicht weit in der Geschichte zurück. „Um das 8. Jahrhundert wirkten christliche Missionare in der Region – und die Ortschaft Raumland war bald zu einem Missionsstützpunkt für das Gebiet entlang der Flüsse Eder und Odeborn geworden”, erinnert Pfarrer Dr. Dirk Spornhauer von der evangelischen Kirchengemeinde Raumland. Die Ortschaft Raumland selbst wird erstmals in einer Schenkungsurkunde der Grafen Reginhard und Meginhard an das Kloster Fulda um das Jahr 800 erwähnt. Die Kirchengemeinde wiederum geht auf die Missionstätigkeit des Bonifatius von Hessen zurück.

Maler und Lackierer

„Das heutige Kirchengebäude stammt aus der Zeit um 1200”, so Dr. Dirk Spornhauer. „Diese Kirche wurde aller Wahrscheinlichkeit nach dem heiligen Martin von Tours gewidmet und wird auch als Bonifatiuskirche bezeichnet.” Das Gotteshaus sei typischerweise nach Osten hin ausgerichtet, dem Aufgang der Sonne entgegen. Denn mit ihm spiegele sich gleichsam die alte christliche Tradition des Gebets „ad ortientem” – zum Aufgang wider. Nicht umsonst wenden sich die Gläubigen im Gebet immerzu Gott und dem Sonnenlicht zu. „Und dieses Licht fällt mit dem Sonnenaufgang durch die Fenster unserer Kirche und durchströmt sie mit aller Kraft und Energie”, beschreibt Dr. Dirk Spornhauer das Phänomen. Hier haben die Bauherren wirklich nichts dem Zufall überlassen. Das ist architektonische Präzision, vergleichbar mit vielen anderen bekannten Bauwerken aus dem Christentum und der Antike, in denen sich Gebäude und Anlagen voll und ganz nach dem Sonnenlicht und seinem Zauber ausrichten.”

Ebenso wie die Ausrichtung nach Osten sei auch die Konstruktion der Kirche an sich faszinierend. „Hierbei handelt es sich um eine spätromanische, südwestfälische Hallenkirche mit drei Schiffen, deren Gewölbe, Pfeiler und Gurtbögen die Blicke des Eintretenden gleich in ihren Bann ziehen. Hier wurden schwere Bruchsteine als Bausubstanz verarbeitet. Und im Jahr 1730 erhielt das Gotteshaus auf der Südseite zusätzlich eine große Stützmauer, um die gesamte Konstruktion auszubalancieren.”

Beim Gang durch die altehrwürdigen Mauern und Räume, an den alten, hölzernen Sitzreihen vorbei und durch die lichtdurchfluteten Gänge hindurch, werden die unterschiedlichen Epochen, die dieses Haus erlebt hat, wieder lebendig. „So deuten beispielsweise links und rechts der Eingangsportale tiefe Einbuchtungen darauf hin, dass diese Kirche vor langer Zeit einmal auch eine Wehrkirche gewesen ist”, so Dr. Dirk Spornhauer, „denn in diesen Einbuchtungen hinter den Türen konnten schwere Holzpfähle eingelassen werden, die mögliche Eindringlinge von außen zusätzlich zu den Türen aufhalten sollten.”

Spannend sind ebenfalls die einzelnen Emporen, die die Raumstruktur des Kirchenschiffs dominieren. „Diese Emporen sind an allen drei Seiten zwischen die Pfeiler gespannt und wurden hier ab dem späten 17. Jahrhundert nach und nach – wohl mit zeitlichem Abstand zueinander – eingelassen”, so Dr. Dirk Spornhauer. „Die älteste Empore befindet sich dabei im Osten der Südseite der Kirche. Eine eingeschnittene Inschrift an der Empore im Westen der Südseite nennt den Namen des damals amtierenden Pfarrers Henrich Birckenhever, verstorben 1699.” Die sehenswerteste und am reichsten geschmückte Empore wiederum im Osten der Nordseite wurde von dem Zimmermann Mannus Riedesel um 1720 angefertigt: „Das Spannende hier ist, dass die Schnitzereien neben Pflanzenmotiven auch die Fratze des Teufels zeigen, die einen goldenen Ring in ihrem geschlossenen Maul trägt”, so Pfarrer Dr. Dirk Spornhauer. Dies lasse natürlich Spielraum für Interpretationen aller Art zu. „Eine davon könnte lauten, dass der Teufel innerhalb dieser Räume im wahrsten Sinne des Wortes den Mund zu halten hat”, so der Geistliche augenzwinkernd. Anschließend an die Nordseite befindet sich die jüngste Empore, die aus dem Jahr 1771 stammt.

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Wer schließlich den Chor der Raumländer Kirche betritt, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Denn hier ziehen den Betrachter bilderreiche Szenen aus dem Neuen Testament von den hohen Wänden aus in ihren Bann. „Diese beachtlichen Wandmalereien wurden im Jahr 1985 nach vielen Jahrhunderten, in denen sie verborgen waren, freigelegt und stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts”, sagt Dr. Dirk Spornhauer. „Sie alle zeigen auf mitunter drastische und anschauliche Weise die Passion Christi und nehmen den Betrachter mit auf den Kreuzweg des Gottessohnes.” Der gesamte Zyklus ist dabei nicht mehr erhalten. Was dem Kirchenbesucher aber von den Wänden aus auf lebendige Art und Weise entgegentritt, sind ausgewählte Szenen des Kreuzweges wie zum Beispiel auch der Verrat an Jesu Christi, der Judaskuss, die Dornenkrönung und Verspottung des Gottessohnes, dann wieder Jesus am Kreuz, die Kreuzabnahme, die Beweinung des Herrn, Christus in der Vorhölle, die Auferstehung, die Frauen am Grab, das Aufeinandertreffen zwischen Jesus und Maria Magdalena, von dem der bekannte Spruch „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater” überliefert ist, des Weiteren der ungläubige Thomas, der seine Hände in die Wunden des auferstandenen Jesus legt und schließlich die Himmelfahrt Christi. „Viele dieser uralten Malereien sind nur noch teilweise zu erkennen, denn die vielen Jahrhunderte haben an den Darstellungen doch ihre Spuren hinterlassen. Vieles kann auch nur erahnt werden, anderes wiederum wird erst auf den zweiten oder dritten Blick verständlich. Aber je länger man sich auf diese Bilder einlässt, umso mehr lässt sich am Ende auch erkennen”, so der Geistliche. Dabei falle allem voran ins Auge, dass die dargestellten Szenen mitunter sehr drastisch und blutrünstig dargstellt seien. „Immer wieder erblickt man den blutenden Sohn Gottes, und auf manchen Bildern fließt das Blut hier tatsächlich in Strömen. Was natürlich der Epoche zugeschrieben werden muss, in der den Menschen eben, die der Schrift nicht kundig waren, die Inhalte der Bibel über möglichst aufrüttelnde Darstellungen nähergebracht werden mussten. Es sind eben Bilder echten religiösen Gefühls der damaligen Zeit. Und deshalb sind wir auch froh, dass wir die Szenen hier an Ort und Stelle freilegen konnten.” Überhaupt müsse man sich die gesamte Raumländer Kirche der damaligen Zeit entsprechend bemalt und von starken Bildern überhäuft vorstellen. „Aber im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Bildnisse eben mit Farbe übermalt und alle übrigen Bilder und Symbole sowie Figuren aus den Räumen entfernt.”

Eindrucksvoll erhebt sich in der Mitte des Chorraums auch ein uralter und sorgsam gestalteter Abendmahltisch. „Dieser Tisch stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts” und zeigt auf der Frontseite geschnitzte Säulen und ein mächtiges Tor, während er auf der Rückseite als ganz normaler Tisch mit von Pflanzen umrankten Beinen zu erkennen ist.

Ansonsten beherbergt die Raumländer Kirche drei uralte Gedenktafeln, die dem 1778 in Raumland verstorbenen Pfarrer Philipp Hofmann, dessen 1756 verstorbenem zwölfjährigen Sohn und Elisabeth Becker aus dem Jahr 1693 gewidmet sind. Überall tauchen immer wieder aufs Neue Symbole der Vergänglichkeit des Lebens auf, große Totenschädel blicken den Betrachter an, und eine Tafel zeigt einen jungen Engel, der an einem entblößten Schädel ruht.

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Zu weiteren Schätzen des besonderen Gotteshauses zählen daneben auch Abendmahlgeräte aus dem 17. und 18. Jahrhundert, zwei Weinkannen, eine zinnerne Taufschale von 1774 und ein einfach geformter Teller, die allesamt in einem Tresor aufbewahrt werden. „Was uns aber besonders stolz macht, ist die Tatsache, dass wir hier in der Raumländer Kirche das älteste zusammenhängende Glockengeläut in Westfalen vorweisen können”, so Dr. Dirk Spornhauer. Die uralten Glocken, die um 1350 gegossen wurden und deren Klang jedes Kind der Ortschaft kennt, überdauerten die Jahrhunderte, Witterungen und Kriege. Sie ereilte eben nicht das Schicksal vieler anderer Klangkörper, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden.

„Spannend ist auch, dass unsere heutige Raumländer Kirche wahrscheinlich den dritten Kirchenbau an diesem Ort darstellt”, so Dr. Dirk Spornhauer. „Vor einigen Jahren fanden hier im Zuge von Heizungsarbeiten archäologische Grabungen statt. Dabei stießen die Wissenschaftler auf mehr als 20 Grabgruben. Einige der Bestattungen lagen so hoch, dass unmittelbar Sargreste und Skelette freigelgt werden konnten. Der überwiegende Teil dieser Gräber orientierte sich von der Lage her an einem Vorgängerbau der Kirche, also auf eine Zeit noch weit vor 1250.”

Zudem ermittelten die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL) Mauerreste einer Vorgängerkirche, deren Achse gegenüber des heutigen Gebäudes über ihr um 10 Grad nach Norden hin verschoben war und die wohl die Gestalt einer Saalkirche hatte. „Und weitere Ausgrabungen ließen darüber hinaus auf eine weitere, noch ältere Vorgängerkirche an eben diesem Ort schließen.”

Aus der Vergangenheit erhalten sind weiterhin ein paar stattliche Grabmäler aus dem 19. Jahrhundert, deren Gedenksteine im westlichen Teil des heutigen Kirchofs im Schatten von Bäumen und Büschen unter freiem Himmel liegen. „Dabei muss man bedenken, dass der Kirchhof hier viele Jahrzehnte lang als Friedhof für die Gemeinden Raumland, Hemschlar, Rinthe und die Höfe Balde, Melbach, Leimstruth und Rohrbach bis 1878 diente.”

Und so hält die Raumländer Kirche noch so manche spannenden Geschichten und Geheimnisse aus verflossenen Jahrhunderten bereit, von denen sich einiges erahnen lässt, anderes wiederum unter dicken Mauern und viele Meter unter der Erde bisher verborgen blieb.

   

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