WEIDENHAUSEN: Die Marienkirche teilt ihren Besuchern in einer Symbolsprache Wahrheiten aus der Geschichte mit

Hier spielt die Zahl Acht eine ganz besondere Rolle


28.12.2020

Die Innenräume der evangelischen Marienkirche von Weidenhausen ziehen den Besucher stimmungsvoll in ihren Bann. Tritt man durch die alte Eingangspforte, die den Weg durch den uralten noch aus dem Mittelalter stammenden wehrhaften Turm weist, hindurch, und geht voran, findet man sich bald in einem ganz besonderen Kirchenschiff wieder, dessen Konstruktion verblüfft: Hier öffnet sich einem ein achteckiger Zentralbau mit einem eindrucksvollen, zeltartigen Mansarddach darüber „Die Akustik in dieser Kirche ist wahrhaft außergewöhnlich“, schwärmt Pfarrer i. R. Heinrich Scheib. „Ähnliche Zentralbauten findet man in der Region höchst selten bei Gotteshäusern. Man mag sich erinnert fühlen an den von Karl dem Großen erbauten Aachener Dom oder die Dresdner Liebfrauenkirche.“ Aber der Kirchenbau setze vor allem auch mit einer besonderen Symbolsprache Akzente. „Denn die Zahl Acht verbindet man nicht umsonst im christlichen Glauben mit Vollkommenheit“, so der Geistliche. „Diese Zahl Acht findet sich auch an entscheidenden Stellen der Bibel: Acht Seelen waren einst in der Arche Noah und die acht Seligpreisungen Jesu aus seiner Bergpredigt sind uns überliefert. Auch sei denkbar, dass das Achteck – von oben betrachtet – wie ein Kreis die Kreuzform umschließe und somit auf den Sohn Gottes einen deutlichen Hinweis hinterlasse. „Es sind in diesem Zusammenhang auch durch Wünschelrutengänger Nachforschungen angestellt worden, was die Beschaffenheit des Bodens angeht, auf dem die Mauern dieses Gotteshauses hier in Weidenhausen stehen“, so Pfarrer Heinrich Scheib. „Dabei kam heraus, dass sich die Kirche genau auf einer Kreuzung von Wasseradern befindet. Diese Kreuzung vollzieht das Kirchenschiff im Grunde detailgetreu nach. Und das ist schon faszinierend. Ohnehin hat man gerade im Mittelalter für den Bau von Kirchen meist herausragende Standorte gesucht und selten ein Gotteshaus an beliebiger Stelle errichtet.“

Wer sich in dem Kirchenschiff genauer umschaut, dem fallen alsbald die vielen geschwungenen Schriften auf, die überall die Wände umher zieren und zusammen mit aufgemalten Ornamenten im bäuerlichen Barockstil das Auge erfreuen: „Herr Ich Hab Lieb Die Stäte Deines Hauses und Den Ort Da Deine Ehr Wohnet“, lautet ein Psalmwort, zu dem man den Blick hinaufgleiten lassen kann. An anderer Stelle wurde ein Gedanke über die Vergänglichkeit schriftlich fixiert, wenn es dort heißt: „Diesseß Blümlein ist So schön / Es muß Ver Gehen / So wird der Me(n)sch Hir An Gesehen“. So sieht man sich plötzlich von vielen wundervollen und sinnstiftenden Schriften umgeben, soweit der Blick auch reicht. Auch darf nicht vergessen werden, dass die Marienkirche von Weidenhausen auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken kann. „Dieses besondere Gotteshaus wurde erstmals im Jahr 1309 erwähnt, was gleichzeitig auch die Ersterwähnung des Dorfes Weidenhausen ist“, gibt Pfarrer i. R. Heinrich Scheib zu bedenken. „Damals vermachten Konrad und Ingehild von Bernshausen aus ihrem Vermögen der Kirche ,unserer´ gendigen Frown‘ zu Weidenhausen eine Stiftung von zwei Schillingen. Die auf ewige Zeiten jährlich zu Ostern der Kirche zukommen sollte.“ Die Kirche profitierte tatsächlich über 500 Jahre lang von dieser finanziellen Zuwendung, bis sie im Jahr 1825 mit einer einmaligen Geldzahlung abgelöst wurde.

„Ohnehin muss unsere Kirche schon erheblich früher bestanden haben“, mutmaßt der Geistliche, denn die Stiftung der Bernshäuser Adeligen zeigt, dass die Kirche damals schon über die Grenzen des kleinen Kirchspiels hinaus Bedeutung erlangt hatte. Sie ist nämlich nicht zuletzt auch eine Tochterkirche der Martinskirche in Raumland, die ja auf die Missionstätigkeit von Bonifatius zurückgeht und daher auch heute noch von vielen Bonifatiuskirche genannt wird.“ Wie das ganze Wittgensteiner Land und auch das angrenzende Siegerland gehörte die Marienkirche von Weidenhausen lange Zeit zum Erzbistum Mainz, Propstei Amöneburg bei Marburg. „Dies sollte sich erst ändern als auch die Reformation in Wittgenstein Einzug hielt“, so Heinrich Scheib, „das war im Jahr 1555, zunächst in lutherischer Form, später dann in Form des reformierten Bekenntnisses und des Heidelberger Katechismus.“ Sämtliche Bilder und Figuren wurden dabei aus der Kirche entfernt. „Das Ganze ging dabei wohl auf sehr geordnete Art und Weise vonstatten. Es handelte sich also nicht um eine wilde Bilderstürmerei wie sie damals andernorts wütete“, so Heinrich Scheib.

Bis auf den heutigen Tag steht die Marienkirche in Weidenhausen unter dem Patronat des fürstlichen Hauses Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. „Der wehrhafte spätromanische Turm stammt noch aus der Zeit vor ihrer Ersterwähnung und wurde wohl kurz nach 1200 erbaut“, so der Geistliche. „Die gestufte welsche Turmhaube hat man ihm schließlich in der Barockzeit aufgesetzt. Wohl etwas schief und nicht gerade, was möglicherweise auch auf eine Tradition zurückgeht. Leicht schiefe Gotteshaus-Türme nämlich sollten die Menschen früherer Tage an das geneigte Haupt des Heilands am Kreuz erinnern und an seinen Tod mahnen.“ Nach Abbruch des baufällig gewordenen ursprünglichen alten rechteckigen Kirchenschiffs wurde dann im Jahr 1765 an den stehen gebliebenen alten Turm das heutige achteckige spätbarocke Gebäude angebaut.

Ein paar Veränderungen durchlebte die Marienkirche in der Neuzeit. So erhielt das ursprünglich zentral ausgerichtete Kircheninnere 1949 seine heutige Gestalt. „Eckehard Lütke aus Marburg baute im Jahr 2001 eine neue Orgel als Meisterstück ein. Im denkmalgeschützten Turm befinden sich heute zwei Stahlglocken, deren Klang jeder Anwohner der Ortschaft von Kindheitstagen an kennt. Was ebenfalls zur Marienkirche gehört, sind zwei Abendmahlskelche aus echtem Silber, eine silberne Schale und ein Kreuz aus massivem Holz. Pfarrer i. R. Heinrich Scheib: „Dieses Holzkreuz habe ich vor Jahren extra einmal anfertigen lassen.

Es zeigt als Schnitzereien Jesu Empfängnis durch den Heiligen Geist und Geburt, seinen Kreuzestod, seine Auferstehung und Himmelfahrt. In all dem ist Gottes wunderbares Wirken in dieser Welt sichtbar geworden. Und das ist es, was Gottes Wort bezeugt und was all die Jahrhunderte hindurch auch in der Weidenhäuser Kirche verkündigt worden ist und worauf christlicher Glaube und christliche Hoffnung sich felsenfest gründen können.“
   

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