FEUDINGEN: Darum besitzt die evangelische Kirche einen so besonderen Stellenwert für die Menschen der Gemeinde

Ein Wahrzeichen, das gebraucht und gemocht wird


29.12.2020

Schier unglaubliche Geschichten weiß die altehrwürdige evangelische Kirche Feudingen zu erzählen. Die Erfahrungen vieler Jahrhunderte haben sich über ihre geschwungenen und verzierten Sitzreihen gelegt. Ihre hohen, ausgestalteten und bemalten Gewölbe atmen den Geist der Geschichte, und das Tageslicht, das sich seinen Weg durch die spitzbogigen Fenster sucht, entfacht in den verwinkelten Gängen, im prachtvollen Chorraum, unter den Emporen und zwischen den massigen Säulen eine ganz besondere Atmosphäre. Und wenn dazu die Stimme der alten, mit vergoldetem Schmuck bedachten Orgel erklingt und die drei mächtigen Glocken aus der Höhe des Turmes ihre Stimme erheben, könnte der Augenblick kaum feierlicher sein.

„Es kommt nicht von ungefähr, dass die Feudinger diese Kirche als ihr absolutes Wahrzeichen betrachten und ihr daher immer zugetan sind und verbunden sein werden“, sagt auch Pfarrer Oliver Lehnsdorf von der evangelischen Kirchengemeinde Feudingen. „Wann immer es in der Vergangenheit darum ging, sich für dieses Gotteshaus zu engagieren, war die Spendenbereitschaft der Feudinger einfach unübertroffen. Alle wollten sich einbringen, wenn es beispielsweise darum ging, das Schieferdach zu erneuern oder die Orgel zu renovieren. Diese Kirche ist daher mehr als nur ein Treffpunkt, sie ist der Mittelpunkt der Ortschaft Feudingen und ihrer Nachbargemeinden. Von hier aus nahm vor über 800 Jahren alles seinen Anfang, schließlich entstanden die ersten Häuser Feudingens um ein Gotteshaus herum, was auch entsprechende Quellen belegen“, so der Geistliche.

Dabei handelt es sich bei dem heutigen um eines der ältesten Gotteshäuser im Kirchenkreis Wittgenstein. „Diese Kirche wurde von einem unbekannten Baumeister als Martinskirche etwa 1218 bis 1245 erbaut“, beschreibt auch der neue Küster und Organist der evangelischen Kirchengemeinde Feudingen Philipp Dreisbach. „Als Baumaterial verwendete man seinerzeit Bruchsteine aus der Umgebung.“ Besonderen Eindruck entfacht das auf sechs Säulen ruhende zwölfteilige Gewölbe. „Diese raffiniert angelegte Deckenkonstruktion besteht aus flachen, aufrecht gegeneinander gesteckten Steinen, die sich so gegenseitig halten“, sagt Philipp Dreisbach. „Der Schlussstein über dem Chorraum ist wiederum mit einer Rosette bemalt.“

Im Inneren der Kirche finden sich immer wieder symbolische Hinweise auf Christus. So auch in den zwei Reihen der Pfeiler, die an die Zwei-Naturen-Lehre erinnern, die Jesus als wahren Menschen und als wahren Gott erklärt. „Und noch eines fällt besonders auf, wenn man sich die mächtigen Säulen unserer Kirche einmal genauer anschaut: Sie sind etwas schief angelegt und führen nicht senkrecht in die Höhe“, so Philipp Dreisbach. „Dies ist mit voller Absicht geschehen. Denn das Gotteshaus steht auf einem aufgeschütteten Berg und kann sich nur aufgrund dieser eher trichterförmigen Konstruktion entsprechend halten. Ein anderes Bauwerk wäre vermutlich über die Jahrhunderte hinweg ins Wanken geraten. Nicht aber diese Kirche.“

„Bei der Feudinger Kirche handelt es sich um eine romanische südwestfälische Wandpfeilerhallenkirche“, sagt auch Pfarrer Oliver Lehnsdorf. „Dreischiffige Hallenkirchen dieser Art haben ihre architektonischen Vorbilder in Südfrankreich. Zudem stehen Schwesterkirchen zu unserer Kirche in Raumland, Arfeld, Netphen, Breidenbach und Winterberg.“ Die Ursprünge eines Gotteshauses reichen in Feudingen aber in der Geschichte noch weiter als dieses Gebäude zurück. „So wird angenommen, dass vor diesem Bau bereits eine kleine Kirche an demselben Ort gestanden hat“, sagt Pfarrer Oliver Lehnsdorf. „Zum einen spricht der Standort einfach dafür, der Kirchberg und das Aufeinandertreffen verschiedener Flüsse. Zum anderen finden wir in der ersten urkundlichen Erwähnung Feudingens aus dem Jahr 1218 den Hinweis auf einen Oberpfarrer namens ,Eginolf‘. Man nimmt daher an, dass es bereits in jener Zeit ein entsprechend großes Kirchspiel mit etwa 25 Dörfern gegeben hat, mit Feudingen als Zentrum des Oberen Lahntals. Weiterhin ist anzunehmen, dass die Pfarrei von Bonifatius oder einem seiner Schüler gegründet wurde.“

Bezeichnend ist, dass sich die Kirche seit ihrer Entstehung an Ort und Stelle über die Jahrhunderte nur geringfügig verändert hat. „In ihrer Grundstruktur ist sie so erhalten geblieben“, sagt auch Presbyter Karl-Christoph Sonneborn. „Ein paar Veränderungen aber gab es dann doch“, fügt Philipp Dreisbach hinzu. „So war der Fußboden ursprünglich deutlich höher als heute. Der Haupteingang befand sich auf der Turmseite, was man heute noch an der Mauerung und an den Resten der Türaufhängung ablesen kann.“ – „Und es gab früher noch keine Emporen“, beschreibt auch Pfarrer Oliver Lehnsdorf. „Diese kamen erst später hinzu. Und sie sind allen Gottesdienstbesuchern wirklich willkommene Einrichtungen. Denn man muss sich vorstellen, dass zu jedem größeren Fest die Kirche zumindest vor der Corona-Pandemie immer sehr gut gefüllt war. Und da ist ein zusätzlicher Platz, den die Emporen bieten, einfach sehr hilfreich.“

In der Anfangszeit der Feudinger Kirche, so mutmaßt man, gab es wahrscheinlich auch noch keine Sitzbänke, die das Kirchenschiff füllten, denkbar wiederum waren vereinzelte Bänke, die man für die älteren und schwächeren Gottesdienstbesucher unmittelbar an den Seitenwänden aufgestellt hatte. „Auch waren die ursprünglichen Fenster deutlich kleiner als heute und mit einem Rundbogen versehen“, sagt Philipp Dreisbach. „Und der Hochaltar befand sich im oberen Chorraum in der mittleren Apsis“, fügt Pfarrer Oliver Lehnsdorf hinzu. Auch muss es Seitenaltäre gegeben haben, die sich wohl in den Nebenapsiden und an den Seitenwänden befanden. Aber über deren Verbleib ist nichts überliefert. „Weiterhin muss man sich vorstellen, dass die frühere Feudinger Kirche im Inneren komplett bemalt war“, so der Geistliche. „Von allen diesen kunstvoll aufgetragenen Motiven sind heute aber nur noch die Rosetten in den vorderen, mittleren Gewölben und die von dort aus bis zu den Pfeilern gezogenen Bänder erhalten geblieben. Diese Bemalungen wurden jedoch bei der letzten großen Kirchenrenovierung Anfang der 1980er Jahre freigelegt.“ Und Oliver Lehnsdorf spricht in diesem Zusammenhang noch eine weitere Besonderheit an, die Jahr für Jahr immer wieder viele begeisterte Besucher in das Gotteshaus an der Lahn zieht. „Richtet man im Chorraum der Kirche den Blick nach oben, so werden einem dort ein paar Gemälde auffallen, die für eine reformierte Kirche sehr unüblich sind. Viele Jahre waren sie daher auch mit Farbe übermalt, konnten aber 1923 in Teilen wieder freigelegt werden. Diese Gemälde stammen aus dem 15. Jahrhundert, und auch wenn die Jahrhunderte ihnen sehr stark zugesetzt haben, so lassen sich doch biblische Szenen ausmachen.“

Die Emporen und das Gestühl erhielt das besondere Gotteshaus erst zwischen 1673 und 1701. „In jener Zeit wurde auch der Fußboden abgesenkt und erhielt einen Fischgrätenboden aus Steinen, die man am Ufer der Lahn gesammelt hatte“, so Philipp Dreisbach.

Tritt man aus dem heutigen Portal der Kirche hinaus ins Freie, so findet man sich auf dem bewiesten und von alten, knorrigen Bäumen umsäumten Hof des Gotteshauses wieder. „Man muss sich vorstellen, dass man hier im Grunde auf einem riesigen Friedhof steht“, gibt Philipp Dreisbach zu bedenken. „Über Jahrhunderte wurden die Toten des Kirchspiels Feudingen hier auf dem Kirchhof rund um unser Gotteshaus begraben“, fügt auch Pfarrer Oliver Lehnsdorf hinzu. „Nur in den Pestjahren, in denen bis zu 320 Tote zu beklagen waren, wurden die Verstorbenen auf einem eigens angelegten Pestfriedhof außerhalb der Ortschaft begraben. Als dann im Laufe des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung der Ortschaft immer weiter anwuchs und der Kirchhof bald nicht mehr genügend Platz bot, wurde ein neuer Friedhof am Hardtchen angelegt, der bis heute eine würdige Ruhestätte ist.“ Auch sonst haben die Mauern dieses altehrwürdigen Gebäudes schier unglaubliche Geschichten miterlebt. „So zogen sich bei einer Belagerung der Ortschaft die Feudinger in die Mauern der Kirche zurück.

Beim Versuch, in die Kirche zu gelangen, traf ein Schwerthieb eines Belagerers die schwere Bibel, die noch heute diesen Hieb deutlich zeigt“, erinnert Philipp Dreisbach.

Dem Dachstuhl der Kirche widerfuhr ebenfalls ein schweres Schicksal, als im Jahr 1816 ein Blitz in den Turm schnellte, worauf dieser völlig niederbrannte und mit ihm auch die Glokken in die Tiefe gerissen wurden. Wenn heute die neuen mächtigen Glocken ertönen, dann schwingen in dem hohen Turm mit den überaus schweren Klangkörpern aus Stahl aus dem Jahr 1923 auch die Aufschriften „Seid Fröhlich in Hoffnung“, „Geduldig in Trübsal“ und „Haltet an am Gebet“ mit. „Auch geht die Sage um, dass sich unter der Feudinger Kirche irgendwo ein Schatz befindet“, sagt Philipp Dreisbach. „Aber Genaueres dazu lässt sich heute nicht mehr in Erfahrung bringen.“ Zu den Kostbarkeiten des Gotteshauses gehört neben dem wertvollen alten Altarsbesteck mit versilberten Tellern und Kelchen auch eine mechanische Turmuhr der Firma Weule aus dem Jahr 1924 und die eindrucksvolle und mit goldenem Schmuck verzierte Orgel, sagt Pfarrer Oliver Lehnsdorf.
   

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