BIRKELBACH: Die evangelische Kirche ist ein Zeichen für den guten Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft – und das nicht nur in der Weihnachtszeit

Die Kaiserin selbst widmete eine Bibel


29.12.2020

Wer die evangelische Kirche der Ortschaft Birkelbach bei Erndtebrück betritt, fühlt sich von dem Geist längst vergessener Tage umfangen.

Das schwere, dunkle Holz der Innenverkleidung verströmt eine besondere Geborgenheit und Würde. Tritt man weiter hervor, öffnet sich dem Betrachter eine gewaltige Halle mit hohen, schlanken Fenstern, durch die das Licht Einzug hält. Und überall leuchten einem aus der Höhe der gebogenen Gewölbe Sinnsprüche der Heiligen Schrift in geschwungenen Lettern entgegen, die Trost und Zuversicht versprechen und dem Gemüt Ruhe zuflüstern. Man fühlt sich direkt aufgehoben und beseelt.

Christian Womelsdorf

„Denn er ist unser Friede“ (Epheser 2,14) heißt es an einer Stelle über dem riesigen Chorraum. „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ (Matthäus 11,28) verkündet wiederum ein Zitat Jesu Christi aus dem Neuen Testament in unmittelbarer Nähe. „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“, schwingt weiterhin mit, wenn man durch die einzelnen übersichtlich angelegten Sitzreihen geht und die Größe und Würde der Räume auf sich wirken lässt.

Bereits im Mittellalter ist für Birkelbach eine Kapelle bezeugt, die im Jahr 1707 durch eine neue Kirche ersetzt wurde. Das heutige Gotteshaus wiederum erbaute man hier im Jahr 1901. Bezeichnenderweise wurden seine Mauern und Türme an einem 1. Adventssonntag ihrer Bestimmung übergeben. Hierbei zog die versammelte Gemeinde in einem eindrucksvollen Festzug aus der benachbarten Schule, die in der Zwischenzeit als Kirche gedient hatte, zum neuen Gotteshaus.

Damals erhielt die Gemeinde für ihre neue Kirche auch eine Bibel. 1898 gedruckt liegt sie heute noch auf dem Abendmahlstisch. Nachdem sich die Gemeinde im September von Pfarrerin Simone Conrad verabschiedet hat, ist hier Jaime Jung jetzt als Vertretung im pfarramtlichen Dienst tätig. Der 45 Jährige mit deutschen Vorfahren stammt aus Brasilien und arbeitet seit zwei Jahren in Wittgenstein. Mit Ehrfurcht liest er aus der mehr als 120-jährigen Bibel. Solch ein altes Exemplar habe er zuvor noch nie im Gottesdienst genutzt.

Das kunstfertig hergestellte Werk schimmert nahezu geheimnisvoll in den lichtdurchfluteten Räumen des Gotteshauses. Der in braunes Leder gefasste Einband trägt schwere metallene Symbole, die in Form eines Menschen, eines Löwen, eines Stiers und eines Adlers die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes versinnbildlichen. Zudem prangt ein edel geschnittenes und mit besonderen Verzierungen geschmücktes Metallkreuz auf der Mitte des Buchdeckels. Schlägt man dieses historische Buch der Bücher auf, dann liest man sogar eine handschriftliche Widmung darin. Geschrieben von einer leibhaftigen Kaiserin. Mit geschwungenen Buchstaben auf dem leicht vergilbten, aber sehr gut erhaltenen Papier.

Auch wenn das Ganze Eindruck macht, so ist es doch ebenfalls eine Tatsache, dass Kaiserin Auguste Viktoria, Prinzessin von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und außerdem die Ehefrau des deutschen Kaisers Wilhelms II., so manch eine neue evangelische Kirche in der damaligen Zeit mit solch einer Bibel und Widmung bedachte. Der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein zur Bekämpfung des religiös-sittlichen Notstands wurde unter ihrer Schirmherrschaft gegründet, aus dem entstand der Evangelische Kirchenbauverein. Engagiert förderte Kaiserin Auguste Viktoria die Errichtung evangelischer Kirchenbauten in Berlin, gerade in den neuen Arbeiterquartieren. Aber auch außerhalb der Hauptstadt setzt sich die sozial engagierte Kaiserin sehr für den Bau evangelischer Kirchen ein.

Mit der neuen Kirche für Birkelbach und der besonderen Bibel erhielt die Gemeinde aber auch eine durch Spenden finanzierte Orgel, die von der Firma Hirthmann & Co in Dachwig bei Erfurt erbaut wurde. Zur Indienststellung des Gotteshauses schrieb der damalige Pfarrer und bekannte Chronist Julius Nase für das ehrwürdige Haus sogar ein eigenes Lied, in dem es unter anderem heißt: „So kommen wir mit Dir heraus; schließ Du uns selbst die Türe auf, Du, unser guter Hirte; dem die Herde ist geschenkt, dass sie geweidet und getränkt im Wort von Dir nicht irre. Sei Du, Jesu, selbst die Türe, die uns führe zu der Weide in des ew‘gen Lebens Freude (1901).“

Zwischen 1955 und 1960 erfolgten daraufhin umfangreiche Renovierungsarbeiten in und an der Kirche, bald erhielt das Gebäude auch eine zweimanualige Orgel, die von Kemper & Sohn aus Lübeck erbaut worden war.

Außerdem klingen in der Kirche die beiden Eisenhartgussglocken aus dem Jahre 1924, die knapp 40 Jahre später durch zwei Bronzeglocken mit der Inschrift „Vergiß nicht, was er dir Gutes getan! (Psalm 103,2) Ev. Ref. Kirchengemeinde Birkelbach. Weihnachten 1961.” ergänzt wurden.

Ein ganz wichtiges Jahr war für die Kirchengemeinde, zu der neben Birkelbach auch Birkefehl, Röspe und Womelsdorf gehören, 2010: Eine turnusmäßige Begehung zeigte, dass im Kirchengebäude Wurmbefall war. Doch die Menschen vor Ort ließen sich nicht ins Bockshorn jagen, groß war ihr ehrenamtliches und finanzielles Engagement, sodass der Holzwurm schnell vertrieben werden konnte. Die Renovierungsarbeiten, die in diesem Rahmen nötig waren, führten dazu, dass die vielen ermutigenden Bibelsprüche in der Kirche nochmal sehr viel besser zur Geltung kamen. Damals war Simone Conrad hier Pfarrerin. Im Spätsommer 2020 wurde sie zur Superintendentin des Wittgensteiner Kirchenkreises gewählt. Die halbe Pfarrstelle hier ist unbesetzt. Deshalb ist es ein Segen, dass Jaime Jung nach zwei Jahren in Deutschland nun als Pfarrer in der Westfälischen Kirche von Westfalen gewählt werden kann.

Und selbst wenn im Kirchenkreis vergangene Woche alle Präsenzgottesdienste für Heiligabend und Weihnachten abgesagt wurden, so gibt es für die Birkelbacher Kirchengemeinde am ersten Weihnachtsfeiertag doch einen Video-Gottesdienst aus ihrer Kirche. Auch wenn es schade sei, dass es keine Gottesdienste mit Menschen in der Kirche gebe, so könne er doch verstehen, dass die Präsenzgottesdienst zum Schutz der Menschen abgesagt worden seien, das sei für ihn auch ein Zeichen der Nächstenliebe.„Nur die Kamera und ich sind in der Kirche“, beschreibt er die Situation für seinen Weihnachts-Videobeitrag. Nach drei Monaten als Vertretung in der Kirchengemeinde ist das für ihn ein besonderer Gottesdienst. Denn mit dem Video bewirbt er sich beim Presbyterium um die halbe Birkelbacher Pfarrstelle. Zu sehen ist es am ersten Weihnachtsfeiertag auf dem YouTube-Kanal der Kirchengemeinde, den Jaime Jung gerade ganz frisch eingerichtet hat. Und bei diesem Gottesdienst wird er aus der Bibel lesen, die schon seit knapp 120 Jahren in der Birkelbacher Kirche liegt.
  

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