FERNDORF: Ein Virus macht den Start in die 2. Handball-Bundesliga zum Himmelfahrtskommando – aber für alle!

Eine Saison mit 1000 Fragezeichen

Mit diesen Spielern, Trainern und Betreuern startet der TuS Ferndorf am Samstag im Auswärtsspiel beim TV Großwallstadt in die komplizierte Spielzeit 2020/21 der 2. Handball-Bundesliga. Zu erkennen sind hinten (von links): Mirza Sijaric (Sportlicher Leiter), Josip Eres, Patrick Weber, Branimir Koloper, Toni Sario, Thomas Rink, Andreas Bornemann, Lukas Pechy und Hilmar Gudmundsson (Torwarttrainer). In der mittleren Reihe stehen (von links): Trainer Robert Andersson, Michael Becker (Teambetreuer), Torben Matzken, Julian Schneider, Jonas Faulenbach, Lucas Schneider, Mattis Michel, Kevin John (Athletiktrainer) und Alex Orlov (Co-Trainer). Vorne sitzen (von links): Lene Wagener, Nina Büdenbender (beide Physio), Tim Rüdiger, Marin Durica, Lucas Puhl, Tim Hottgenroth, Linus Michel, Katharina Reitz (Physio) und der Corona-Verantwortliche Bernd Spies. Foto: Verein

2.10.2020

Neue Tribüne soll rechtzeitig fertig werden

Saisonstart im Oktober, Spielplan bis Ende Juni, Handball-Reisen am Tag vor Heiligabend und am Tag vor Silvester – die Spielzeit 2020/2021 in der 2. Handball-Bundesliga wird keine normale sein. Ganz sicher nicht! Fast ein halbes Jahr nach dem durch die Corona-Pandemie erzwungenen Abbruch der vorigen Spielzeit starten die mittlerweile 39 Clubs der 1. und 2. Handball-Bundesliga ein Himmelfahrtskommando, bei dem aktuell keiner weiß, wie es ausgeht und ob man den 26. Juni als letzten Spieltag überhaupt „erlebt“.

Denn Corona ist immer noch und beherrscht den Alltag der Spieler, Trainer und Betreuer mehr denn je. Die Entwicklung der letzten Wochen – dies zeigen die vielen „Fälle“ im Amateurfußball – lassen jeden einzelnen Spieltag künftig zur Zitterpartie werden: Kann gespielt werden? Dürfen Zuschauer in die Hallen? Funktionieren die Hygienekonzepte auch im Liga-Alltag und nicht nur bei Testspielen? Dirk Stenger, Geschäftsführer des TuS Ferndorf, musste in den letzten Monaten mehr Freizeit als jemals zuvor für das Thema Handball in Corona-Zeiten abzweigen – und ist trotzdem nicht wirklich schlauer: „Wir können erstmals eine Saison einfach nicht seriös planen. Aber das geht 38 anderen Handball-Clubs genauso!“


"Aber das geht 38 anderen Handballclubs genauso."

Dirk Stenger
Geschäftsführer der TuS Ferndorf Handball GmbH


Zuschauer in den Hallen sind derzeit nur begrenzt zugelassen. Was dies für den zweimaligen Tabellenneunten des „Handball-Unterhauses“ bedeutet, war auch bei Redaktionsschluss dieser Sonderbeilage noch reichlich unklar. Nachdem bei den beiden letzten Testspielen gegen Hagen und Hüttenberg jeweils maximal 240 Zuschauer zugelassen waren, hofft der TuS darauf, noch mehr Besucher in der gerade runderneuerten Sporthalle Stählerwiese begrüßen zu dürfen. Im Gegensatz zu den Testspielen kommt beim Heimspielauftakt am 10. Oktober gegen den EHV Aue die mobile „Spielfeld-Tribüne“ (früher: Quast-Tribüne“) hinzu. Und wenn alles gut läuft, auch noch die völlig neu erbaute Tribüne hinter dem Tor (in Richtung Zweifach-Halle). Dort sollen nach entsprechenden Zusagen der Baufirma Mitte kommender Woche noch die Sitzschalen montiert werden.

Da die Lieferzeiten für den Plexiglas-Schutz der Zuschauer auf dieser neuen Tribüne zum Spielfeld hin extrem lange angegeben wurden (Mitte 2021), installierte man bereits ein Provisorium, so dass einer tatsächlichen, pünktlichen Freigabe zum Aue-Spiel eigentlich nichts im Wege stehen sollte. Doch was bedeutet das für die zulässige Zuschauerzahl? Dirk Stenger verwies darauf, dass man aufbauend auf die Erkenntnisse aus den beiden Testspielen „in zwei, drei Punkten“ nachgebessert habe. Es stünden nun aber noch letzte Gespräche mit der Stadt Kreuztal und letztlich auch noch mit dem Kreisgesundheitsamt an, weshalb man im Vorfeld keine „Zielvorgaben“ nennen wolle.

Stenger gab aber auch an, dass trotz aller Schwierigkeiten und Auflagen etwas über 500 Dauerkarten verkauft wurden. Wie passt das zusammen? Stenger: „Je nachdem, wie viele Zuschauer in die Halle dürfen, werden wir eine gerechte Lösung finden.“

Es sind aber in Zeiten wieder steigender Corona-Zahlen auch andere Szenarien denkbar. Beispiel ASV Hamm: Aufgrund der dortigen, sehr hohen 7-Tages-Inzidenz (Corona-Fälle in einem Landkreis pro 100 000 Einwohner) muss der Liga-Rivale mit dem ehemaligen Ferndorfer Trainer Michael Lerscht sein Heimspiel gegen den TV Emsdetten morgen Abend vor leeren Rängen austragen. Beispiel HSV Hamburg: das Spiel des HSV beim TuS N-Lübbecke wurde sogar bereits auf den 1. Dezember verlegt, nachdem mehrere Spieler der Hamburger positiv getestet wurden.

Szenarien, die auf alle Vereine zukommen können. Und das vermutlich an jedem Spieltag. Beim TuS Ferndorf wurden bislang alle Spieler plus Trainer und Betreuer jede Woche getestet. Sollte die 7-TagesInzidenz im Kreis-Siegen-Wittgenstein aber die kritische Marke von 35 übersteigen (aktuell 22,3), käme jede Woche ein zweiter Corona-Test hinzu. „Wir haben unsere Spieler und Betreuer genauestens eingewiesen und verlangen von ihnen extreme Vorsicht. Bisher ist zum Glück noch nichts passiert“, berichtet Stenger über die letzten Wochen.


"Im Februar geht uns das Geld aus."

Dirk Stenger
Geschäftsführer der TuS Ferndorf Handball GmbH


Doch gerade die vielen Tests kosten eben auch viel Geld. Zwar wird es staatliche Hilfen für die Profi-Vereine geben, doch löschen diese nur „alte Brände“: Das 200 Millionen-Euro-Hilfspaket der Bundesregierung sieht vor, dass ausbleibende Ticket-Einnahmen von April bis Dezember 2020 nach Abzug von Gebühren und Mehrwertsteuer mit 80 Prozent der Netto-Erlöse erstattet werde. In diesen Zeitraum fielen bzw. fallen zwölf Heimspiele des TuS – da werden noch etliche Rechenschieber bewegt werden. Vielleicht ist eine Erstattungssumme um die 100 000 Euro realistisch, vielleicht aber auch nicht.

Doch Dirk Stenger muss für die neue Spielzeit kalkulieren. „Selbst bei einer Zuschauerzahl von durchgehend 400 werden uns 250 000 Euro fehlen, plus etwa 40 000 Einnahmen aus Catering. Obendrein entstehen uns aber durch corona-bedingte Maßnahmen wie Hygienekonzept und Testungen Kosten von rund 50 000. Ein Minus von ca. 340 000 Euro. Bei einem Etat von ursprünglich 900 000 Euro dürfte jedermann klar sein, dass uns im Februar das Geld ausgeht.“

Rrrums, das sitzt! Andere Vereine mit größeren Sporthallen können zwar höhere Zuschauereinnahmen einplanen, aber diese Diskrepanz zum „kleinen“ TuS Ferndorf gab es schon immer. Die Sorgen sind die gleichen, nur gewissermaßen auf einem höheren Niveau! Noch einmal Stenger: „Die Verantwortlichen der HBL haben uns zugesichert, dass sie keinen Verein in die Insolvenz laufen lassen wollen.“ Das aber kann nur bedeuten: weitere staatliche Hilfen, wenn auch ab Winter noch immer keine höheren Zuschauerzahlen möglich sein werden... geo
    

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