Pia A. Döll, Innenarchitektin und Präsidentin des „bdia bund deutscher innenarchitekten“, im Interview

Innenarchitektur ist kein Luxusgut

Trennwände können ganz unterschiedlich eingesetzt werden und sind auch Geschmackssache. Foto: bdia Handbuch Innenarchitektur 2021/22 – Gandalf Hammerbacher

2.07.2021

Nie waren Innenräume wichtiger – das hat uns die zurückliegende Zeit gezeigt. Bedingt durch Homeoffice und Co. mussten sie teils ganz neuen Anforderungen gerecht werden. Pia A. Döll, Innenarchitektin und Präsidentin des „bdia bund deutscher innenarchitekten“, spricht im Interview unter anderem über loftartiges Wohnen, flexible Lösungen, offene Bürokonzepte und darüber, wie die Corona-Pandemie unsere Innenarchitektur beeinflusst hat.
    

Hat die Pandemie unsere Innenräume verändert?

Pia A. Döll: Zumindest wurde noch nie zuvor so deutlich, wie wichtig gute Innenräume für unser Wohlbefinden, unsere Produktivität, unseren Alltag und unsere Familien sind. Das Bewusstsein hat sich geändert und Innenarchitektur ist kein Luxusgut, sondern dient den Menschen, sich in ihren Innenräumen wohl zu fühlen. Eine richtige Aufteilung des Innenraums, eine den Bedürfnissen der Menschen entsprechend passende Nutzung des Raums im Zusammenspiel mit Licht, Materialien, dem Boden und den Wänden bis hin zum Interieur – dazu ist Wissen und Können notwendig. Die Innenarchitektur ist hier das richtige Werkzeug.

Sind die Grundrisse im privaten Bereich offener geworden oder wird jetzt eher auf die Möglichkeit zur Abtrennung von Räumen bzw. Nischen geachtet?

Offene Grundrisse waren in den letzten Jahren ein Trend im Wohnungsneubau, obwohl Innenarchitektinnen sowie Innenarchitekten und Fachleute darauf hinwiesen, dass ein offener Grundriss nicht per se für jeden Menschen das Richtige ist. Gerade Familien oder Selbständige, die bereits vor Corona zu Hause gearbeitet haben, wissen um den Vorteil, auch mal die Tür zumachen zu können. Die Fragen nach gestalterischen Lösungen, wie bestimmte Bereiche abgetrennt werden können, ist in den letzten Monaten gestiegen. Im Homeoffice können Rückzugsmöglichkeiten rar werden und manche haben vielleicht die loftartige Wohnung mit offenem Wohn- und Küchenbereich verflucht, die sie eben noch toll fanden.

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Wird öfter als sonst ein Arbeitszimmer mit eingeplant?

Ja. Seitens der Bauherren gibt es ein viel stärkeres Bewusstsein, die technischen Voraussetzungen dafür gleich mit zu planen. Flexible Lösungen werden öfter nachgefragt und sind auch ein Zeichen von Nachhaltigkeit, wenn Räume später umgenutzt werden können. Zum Beispiel, wenn die Kinder erwachsen werden oder ein Angehöriger mit einzieht.

Wie wichtig sind Trennwände als Gestaltungselement?

Trennwände können ganz unterschiedlich eingesetzt werden und sind auch Geschmackssache. Gut ist es, wenn sinnvolle Funktionen mit geplant oder kombiniert werden: zusätzlicher Stauraum, elektrische Anschlüsse, die hier versteckt sind.

Hat sich bei der Gewichtung von Wohnfläche und Außenanlage etwas verändert? Hat der Garten an Bedeutung hinzugewonnen?

Balkon oder Terrasse sind das verlängerte Wohnzimmer, nicht nur in Zeiten von Corona. Ohne Balkon oder Terrasse sind Wohnungen schlechter zu verkaufen oder zu vermieten. Corona hat das zusätzlich verstärkt. Innenarchitektinnen und Innenarchitekten unterstützen bei der Planung von Wasser- oder Stromanschlüssen oder präsentieren als Sichtschutz individuelle Lösungen, die man nicht im Baumarkt findet.

Gibt es Veränderungen bei der Verwendung von Baumaterialien? Worauf legen Bauherren oder Immobilienbesitzer heute Wert?

Nachhaltige Baustoffe und deren regionale Verfügbarkeit werden verstärkt nachgefragt. Das Bewusstsein ist bei den Menschen da und wo nicht, ist es Aufgabe guter Planung, auf nachhaltige Baumaterialien und Lösungen hinzuweisen. Auch Linoleum kann ein nachhaltiger Bodenbelag sein und dabei sehr gut aussehen. Der gesamte Produktionszyklus ist hier zu beachten und die Nutzungsdauer, die Hersteller sind hier sehr innovativ.

Was steht aktuell mehr im Vordergrund: die Funktionalität oder der Wohlfühlfaktor eines Hauses/einer Wohnung?

Im besten Fall beides! Volle Funktionalität bedeutet nicht, dass es clean und statisch aussehen muss und umgekehrt. Die bequeme Couch, auf der wir relaxen wollen, ist nicht automatisch ein bunt gewürfelter Haufen flauschiger Kissen. Eine gute Innenraumgestaltung kombiniert immer die Bedürfnisse des Nutzers und die gewünschten Funktionen mit Gestaltung und Design.

Gibt es bestimmte kreative Gestaltungselemente, die gerade gerne in Innen räumen verwendet werden?

Im Augenblick wird wieder viel Wandschmuck verwendet, ob als Fotokunst, Gemälde, Druck oder ein aus Metall gestaltetes Kunstwerk. Man möchte sich wieder stärker ausdrücken in den eigenen vier Wänden. Die Spachteltechniken der 80er sind dagegen passé. Wände werden mit Kunst in jeder Form gestaltet.

Reicht manchmal auch ein kleines Budget aus, um eine Veränderung in der eigenen Immobilie zu bewirken?

Ja! Zunächst geht es darum, was die Nutzer benötigen, wo der sprichwörtliche Schuh drückt. Je nach Budget werden individuelle innenarchitektonische Lösungen präsentiert.

Wie wichtig ist die Lichtplanung für unser Wohnen?

Gutes Licht ist sehr wichtig. Es verbreitet gute und behagliche Stimmung, Wärme. Mehrere Lichtquellen sind angenehm. Schaffen Sie sich Lichtinseln, die sich auf den Raum verteilen und vermeiden Sie eine Einheits-Lichtsoße.

Wie wirkt sich die Farbgebung auf uns aus? Ist in der Pandemie der Trend zu einer bestimmten Farbe auszumachen?

Einen bestimmten Trend gibt es jedes Jahr, forciert durch die Industrie. Während der Pandemie hat sich das nicht unbedingt verändert, aber die Menschen setzen sich mehr mit ihrem Zuhause auseinander. Da wird oft als Erstes die Wand in Angriff genommen. Starke Farben sind Typ- und Geschmacksfragen, es spricht prinzipiell nichts gegen rote oder dunkle Wände. Aber Farbe wirkt sehr stark auf uns, viel stärker als ein neues Möbel. Eine professionelle Beratung ist sehr sinnvoll.

Gibt es, neben dem Arbeitszimmer, einen Raum, der in der Pandemie an Bedeutung hinzugewonnen hat?

Zwei Räume haben an Bedeutung gewonnen, erstens die Küche: Es wird zum Einen mehr auf Hygiene geachtet aber auch viel mehr gekocht. Die Küche wird insgesamt mehr zum Aufenthalt genutzt, auch als Ausweichort zum Arbeitszimmer. Zweitens der Rückzugsraum: Wer immer kann, richtet sich einen solchen Raum ein oder zumindest eine Rückzugsecke.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Gestaltung von Großraumbüros?

Es gab einen Riesenschritt in Richtung Digitalisierung mit Videokonferenzen und Cloud- Working. Das Homeoffice wollen viele weiterhin nutzen. Das Büro wird der Ort des kreativen Austauschs werden, wo ich mit den Kollegen zusammen an Ideen arbeite. Daher werden Unternehmen auch zukünftig offene und kommunikative Bürokonzepte nachfragen, die aber mit flexiblen Lösungen aufwarten sollten, wie das Homeoffice und Präsenzzeiten kombiniert werden können. Auch Hygienelösungen werden in die Planung verstärkt mit einfließen. Großraum ja, Virenschleuder nein. Interview: Katja Wehmeyer

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