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FERNDORF: Mit seinem neuen Kuh- und Rinderstall bietet der Irlenhof seinen Tieren viel Abwechslung im Tagesablauf

Auch Helga mag es gemütlich

  • Der neue Kuh- und Rinderstall des Irlenhofs hat es in sich und bietet einige Besonderheiten – unter anderem die Photovoltaikanlage auf dem Dach. Foto: Michael Wetter

wette. Noch wird sich die kleine Helga ein wenig gedulden müssen. Gerade einmal zwei Tage ist das Kälbchen alt. Viel von der Welt gesehen hat es also noch nicht. Das liegt unter anderem daran, dass es die ersten Tage alleine in einer kleinen Box verbringen musste und erst in wenigen Tagen an die Gruppe gewöhnt werden soll. Und damit eben auch erst nach und nach an den Hof. Noch also weiß Helga gar nicht, wie schön ihr neues Zuhause tatsächlich ist und wie gut sie es im Vergleich zu vielen anderen Nutztieren auf dieser Welt einmal haben wird. Jedenfalls solange sie lebt.

Denn in ca. sechs Monaten, wenn Helgas Magen endlich dazu bereit ist, die saftig grünen Weiden des Umlandes abzugrasen, wird auch sie sich auf dem Irlenhof komplett frei bewegen dürfen. So, wie es jetzt schon die älteren Milchkühe und Rinder mehr oder weniger tun können. „Unsere Kühe können sich den Tag bei uns ganz nach ihren Wünschen gestalten“, sagt Florian Stücher, der gemeinsam mit seinem Bruder Felix und Vater Peter offiziell den Hof betreibt.

Was sich irgendwie lustig anhört, hat durchaus einen ernsten Hintergrund. Und eine offizielle Bezeichnung. „Freien Kuhverkehr nennt man das“, ergänzt Florian Stücher. Das heißt, dass die Tiere liegen, fressen, spazieren gehen, frische Luft tanken, sich massieren oder melken lassen können, wann immer sie möchten. Das wiederum erfordert Platz. Und genau den hat der Familienbetrieb im vergangenen Jahr geschaffen. Die Überlegungen hierzu datieren aus dem Jahr 2018, als die Stüchers eine wegweisende Entscheidung trafen. Schließlich stand die Frage im Raum, ob und wie es mit der Milchkuhhaltung weitergehen soll. Das „Ob“ wurde mit einem deutlichen „Ja“ beantwortet. Bei der Frage nach dem „Wie“ begab sich die Familie zunächst einmal auf die Suche nach neuen Impulsen und nachhaltigen Ausrichtungen.


Das neue Gebäude ist 1500 Quadratmeter groß und hat eine riesige Photovoltaikanlage auf dem Dach.


„Für uns stand jedenfalls schnell fest, dass wir die Anbindehaltung, wie sie früher gemacht wurde, aufgeben und einen artgerechten Stall bauen wollen“, erinnert sich Florian Stücher. Also habe man sich mehrere Ställe angeschaut, um möglichst viele Ideen zu sammeln. Grenzen setzten sich die Stüchers dabei keine – nur zwei Voraussetzungen, die erfüllt werden sollten: „Der neue Stall sollte artgerecht sein, aber auch wirtschaftlich.“ Gesagt, getan.

Im Mai 2019 wurde mit dem Bau des Kuh- und Rinderstalls begonnen, keine sechs Monate später konnte er bereits bezogen werden. Das neue Zuhause der Tiere – es bietet Platz für 60 Milchkühe, 15 trockenstehende Kühe sowie 36 Rinder – ist 1500 Quadratmeter groß und hat einige Besonderheiten. Zum Beispiel den kleinen Auslauf, den die Betreiber liebevoll als Wintergarten bezeichnen. „So etwas gibt der Kuh Abwechslung im Tagesablauf. Im Winter steht sie ja den ganzen Tag im Stall und hat nun die Möglichkeit, etwas Sonne zu tanken oder sich einfach mal nassregnen zu lassen.“

Eine weitere Besonderheit sind die vielen Fressplätze im neuen Stall: „Jede Kuh hat bei uns einen eigenen Platz“, sagt Florian Stücher beim Rundgang über den Hof. Wartezeiten am Büfett gibt es hier also nicht. Darüber hinaus seien die Laufwege im Stall bewusst breiter angelegt worden; dadurch sollen die Kühe besser laufen können. Und auch die Liegeplätze im Stall gehen weit über das geforderte Mindestmaß hinaus. Für eine gewisse Wohlfühlatmosphäre sorgen unter anderem die Kuhbürste, die per Sensor von den Tieren selbst aktiviert wird, und ein neuer Melkroboter, der für ganz neue „Arbeitszeiten“ in der „Firma“ sorgt.

„In den Melkroboter kann die Kuh reingehen, wie sie Lust hat. Das gestaltet ihren Alltag viel freier – und unseren natürlich auch“, sagt Florian Stücher. Das Gerät wird mit Lasersensoren und einer 3D-Kamera betrieben. Und steckt voller Technik. „Der Roboter erkennt die Position der Kuh und ihres Euters. Dann macht er das Euter sauber, zieht an und melkt. Er erkennt zum Beispiel auch, ob die Milch sauber ist.“

Weil aber nicht nur der Hofladen des Irlenhofs rege besucht wird, sondern viele Familien gerne auch einen Blick in die einzelnen Tierställe werfen, hat die Betreiberfamilie eine sogenannte Besuchertribüne im neuen Stall realisiert. Hier sollen sich später mal die Menschen niedersetzen, ausruhen und einfach dem Stalltreiben bei einem Glas frischer Milch zuschauen können. „Man wird hier aber auch seinen Kindergeburtstag feiern können“, verrät Felix Stücher, der in diesem Zusammenhang auch den vielen fleißigen Helfern dankt, ohne die der Betrieb in seiner jetzigen Form sicherlich nicht möglich wäre.

Neu ist auch das Güllesilo am oberen Ende des Grundstücks. Der Güllelagerbehälter ist bewusst sehr groß dimensioniert worden, um nachhaltig – dieses Wort fällt während des einstündigen Besuchs übrigens sehr oft – agieren zu können. „Mit dem neuen Behälter können wir die Gülle bis zu neun Monaten lagern und sie dann einsetzen, wenn die Natur sie auch braucht“, erklärt Felix Stücher weiter. Besonders stolz ist man im Familienbetrieb auf die neue Photovoltaikanlage, die sich über das komplette Stalldach zieht. „Die Anlage ist so dimensioniert, dass sie den ganzen Betrieb rein rechnerisch vier Mal mit Strom versorgen kann.“ Auch das ist freilich ein klares Statement in Sachen Nachhaltigkeit.

Wer nun Lust bekommen hat, sich selber ein Bild vom erweiterten Irlenhof zu machen, kann das gerne tun – und während der Öffnungszeiten des Hofladens zum Beispiel am Automaten mit einem mitgebrachten Gefäß ganz frisch seine eigene Milch abzapfen. Hier, auf dem Hof, läuft eben Vieles anders als andernorts. Was gut ist. Denn auch Helga mag es lieber gemütlich.

Auf einen Blick

- Rückblick: Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Irlenhof wohl im Jahr 1067. Tatsache ist, dass er seit 1435 in Familienbesitz ist. Der Hofladen wurde im Jahr 2012 eröffnet.
- Ausblick: In diesem Jahr soll damit begonnen werden, den alten Kuhstall zu entkernen. Dort soll zu einem späteren Zeitpunkt das Geflügel für die Direktvermarktung untergebracht werden. Darüber hinaus sollen an Ort und Stelle noch eine Vogelschutzhecke und zahlreiche Obstpflanzen gepflanzt werden. Am 3. und 4. Oktober wird auf dem Hof das Kürbisfest gefeiert.
- Produkte: Im Hofladen des Irlenhofs gibt es unter anderem Geflügel-, Schweine- und Rindfleisch aus eigener Herstellung sowie Eier und saisonales Obst und Gemüse. Darüber hinaus kann in einem mitgebrachten Behälter frische Milch gezapft werden.
- Öffnungszeiten Der Hofladen ist montags und mittwochs von 9 bis 12 Uhr, freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 8.30 bis 14 Uhr geöffnet. Der Selbstbedienungsladen hat täglich von 9 bis 20.30 Uhr (im Winter bis 18 Uhr) geöffnet.
- Homepage: www.irlenhof.de.

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