Markus Jung erforscht unbekannte Stollen, Kellergewölbe und Schächte in Siegens Oberstadt

Stief im Siegberg

01 Markus Jung hat inzwischen eine umfangreiche Datensammlung. Auf der Homepage „Siegener Unterwelten“ werden seine Projekte auszugsweise veröffentlicht. Foto: Markus Jung

14.07.2021

Wenn Markus Jung vor der Tür steht und klingelt, heißt es, trittfestes Schuhwerk und einen warmen Pullover anziehen: Denn es geht nicht etwa in den sommerlichen Garten, sondern unter Tage. Verborgene Schächte, alte Kellergewölbe und Brunnen, verlassene Bunker oder verschüttete Verbindungsgänge sind es, die den 35-Jährigen zu den unterschiedlichsten Objekten in Siegens Oberstadt führen. Während die Fußgänger hier mit einem Eis in der Hand über das buckelige Kopfsteinpflaster schlendern und die hübschen Fachwerkhäuser oder die imposante Nikolaikirche auf sich wirken lassen, steigt Markus Jung in die Tiefen unterhalb der Straßen, fernab der quirligen Altstadt. Mit einer Taschenlampe in der einen Hand und einem Koffer voller Messgeräte in der anderen geht es oftmals durch schmale Luken und verwegen steile Treppen hinab in den Siegberg.

Und das aus gutem Grund: Der ausgebildete Elektroniker für Infrastruktursysteme erforscht in seiner Freizeit die unbekannten, unterirdischen Gegebenheiten des Siegbergs. Schon als Jugendlicher interessierte ihn die Geschichte der Krönchenstadt. „Ich habe schon immer gerne gelauscht, wenn es um frühere Zeiten ging: wie damals das Straßenbild aussah oder wo welches Haus stand“, erzählt er. Heute dokumentiert, fotografiert und vermisst er auf Einladung und mit Genehmigung der jeweiligen Besitzer jeden Gang, jeden Keller und jede Abzweigung akribisch. „Jeder Besuch ist eine Reise in die Vergangenheit. Es macht Spaß, alte Treppen entlangzugehen, auf denen vermutlich schon im 14. Jahrhundert Kaufleute auf und ab gelaufen sind“, freut er sich. Was als ein Hobby begann, ist mittlerweile so viel mehr geworden: Denn nicht nur das Festhalten der baulichen Konstruktionen ist Markus Jung wichtig, sondern auch deren Aussage. So gewinnt er mit Hilfe alter Katasterpläne, die online zugänglich sind, Einblick in die jeweiligen früheren Gegebenheiten und setzt sie in einen historischen Kontext. Tatkräftige Unterstützung erhält Jung dabei auch durch ein Netzwerk an Fachleuten, das er sich in den vergangenen Jahren in vertrauensvoller Zusammenarbeit aufgebaut hat.

Bis zu sechs Monate ist der Hobbyhistoriker, der unter anderem im Vorstand des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins und als Mitglied im Arbeitskreis Stadtbildoffensive aktiv ist, mitunter mit einem Projekt beschäftigt, bis er alles Wissenswerte zusammengetragen hat. Seine Datensammlung ist inzwischen so umfangreich, das Markus Jung sie seit etwa fünf Jahren unter dem Titel „Siegener Unterwelten“ zusammenfasst. Auf seiner gleichnamigen Homepage und in den sozialen Netzwerken publiziert der Siegener immer wieder kleine Ausschnitte seiner faszinierenden Forschungsarbeit. Allerdings ohne die dazugehörigen Adressen, denn viele der Bauten sind in Privatbesitz und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

„Verborgenes sichtbar machen“ ist das Ziel seiner Arbeit. „Die Orte und Räume, die man vorfindet, sind oft wie vor 80, 100 oder 300 Jahren. Die Zeit ist dort stehen geblieben. Es gibt nichts Modernes, manchmal nicht einmal Licht oder Strom – aber dafür viel Geschichte zum Anfassen“, berichtet er begeistert. „Ich versuche, diese Geschichte einzufangen und für Interessierte öffentlich zugänglich zu machen“, bringt er sein Bestreben auf den Punkt. Und: „Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Geschichte der Generationen, die vor uns Siegen so erschaffen haben, wie es ist. Unter der Grasnarbe ist noch vieles so wie noch vor 200 oder 300 Jahren, das haben bisherige Begehungen gezeigt. Schön wäre es, die Fundamente, die wie Wurzeln unseres Hier und Jetzt im Dunklen schlummern, bekannter zu machen.“

Markus Jung hofft, dass er irgendwann einmal die Ergebnisse seiner Arbeit in einem Wer mehr über die Arbeit von Markus Jung wissen möchte, für den lohnt sich ein Blick auf seine Webseite www.siegener-unterwelten.de. Hier stellt der Siegener immer wieder Projekte vor und informiert in kurzen Ausschnitten über sie. Eindrucksvolle Fotos sind Teil dieser Berichte und vermitteln einen guten Eindruck, wie es Gut ZU WISSEN Buch sammeln und veröffentlichen kann. „Alle Forschung und Dokumentation bringt nichts, wenn nicht am Ende eine Publikation darüber erscheinen wird. Obwohl der Begriff ,Ende‘ hier wohl nicht recht passt“, findet er. „Es wird vermutlich eher ein Zeitabschnitt sein, in dem die bisher gesammelten Informationen, Bilder und Weiteres veröffentlicht werden können.“ Denn alles abschließend zu erforschen, sei wohl in einem einzigen Leben nicht möglich. Auch Führungen durch einzelne Objekte, etwa zu besonderen Anlässen, könnte er sich vorstellen oder einen Rundgang durch die Oberstadt mit Informationen zu einigen seiner Projekte. Allerdings müssten hier auch die Besitzer der Anlagen mit ins Boot geholt werden.

Und welche unterirdische Entdeckung ist besonders in Erinnerung geblieben? Markus Jung ist lange still. Zu viele sind es, die ihm durch den Kopf gehen. Dann: „Die ehemalige öffentliche Badestube, die 1444 erstmals urkundlich erwähnt wurde.“ Der 35-Jährige vermutet ihre Relikte, einen hohen Gewölbekeller, vor etwa drei Jahren in der Nähe der kath. Marienkirche entdeckt zu haben. Den Überlieferungen nach soll es in Siegen noch eine zweite gegeben haben. Markus Jung wird dranbleiben. Text: Katja Wehmeyer 
     

Gut zu wissen

Wer mehr über die Arbeit von Markus Jung wissen möchte, für den lohnt sich ein Blick auf seine Webseite www.siegener-unterwelten.de. Hier stellt der Siegener immer wieder Projekte vor und informiert in kurzen Ausschnitten über sie. Eindrucksvolle Fotos sind Teil dieser Berichte und vermitteln einen guten Eindruck, wie es unterhalb der Straßen des Siegbergs aussieht. Wer selbst in der Oberstadt wohnt und die Arbeit des Hobbyhistorikers unterstützen möchte, indem er ihm Gelegenheit gibt, seinen Gewölbekeller, Gang, Brunnen oder ähnliches zu dokumentieren, kann sich auch direkt an ihn unter info@siegener-unterwelten.de wenden.

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