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SIEGEN: Prof. Dr. Christoph Strünck über die sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Ältere, die gute alte Postkarte und gelungene Hilfsangebote

Zuspruch und Zuversicht

  • Für einige ältere Menschen ist der Kontakt zur Außenwelt derzeit noch etwas eingeschränkt. Der Bereich des Digitalen hat für die soziale Teilhabe in der Krise an Bedeutung gewonnen. Archivfoto: sz

Schritt für Schritt tastet sich unser Land derzeit wieder in einen Alltag zurück, der noch ein ganzes Stück von dem entfernt ist, den wir vor Covid-19 kannten. Der Lockdown – die totale Einschränkung des öffentlichen Lebens – wurde zwar aufgehoben, dennoch gelten in allen Bereichen weiterhin strenge Vorsichtsmaßnahmen, um die Ausbreitung des Corona-Virus’ zu verhindern.

Prof. Dr. Christoph Strünck von der Universität Siegen ist Direktor des Instituts für Gerontologie mit Sitz in Dortmund. Als Dekan der Lebenswissenschaftlichen Fakultät ist er auch am Modellprojekt „Medizin neu denken“ beteiligt. Von Berufs wegen beschäftigt sich der Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik beispielsweise mit älteren Menschen als gesundheitlicher Risikogruppe oder auch mit den Folgewirkungen von wenigen sozialen Kontakten auf Ältere. Im Interview mit der Siegener Zeitung erläutert der 50-Jährige u. a. die sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Senioren.

Viele ältere Menschen spürten vor allem die Kontaktbeschränkungen, sagt Christoph Strünck. „Sie wirken sich auf ihre psychische und körperliche Gesundheit besonders negativ aus. Das gilt in extremer Form für Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen. Das allgemeine Besuchsverbot wurde kürzlich gelockert. Die Pflegeheime sind im Unterschied zu Krankenhäusern vom Staat alleine gelassen worden in dieser Krise. Andererseits gibt es Pflegeheime, die schon in den letzten Wochen eigene Konzepte entwickelt haben, um trotz Besuchsverbot Begegnungen zu ermöglichen, etwa in speziell ausgestatteten Besucherboxen außerhalb der Pflegeheime.“ Aber es gehe auch um gesunde Großeltern, die zu Beginn der Krise angehalten worden seien, keinen direkten Kontakt zu ihren Enkelkindern zu haben.


„Wir sehen momentan, wie kreativ Menschen sein können, wenn es um soziale Unterstützung geht, gerade auch für Senioren.“


„Soziale Auswirkungen hat aber auch die öffentliche Diskussion über Alter und Ältere. Es macht sich leider wieder ein negatives Altersbild breit in Deutschland. Es gibt immer wieder Äußerungen, dass der Lockdown mit all seinen negativen Folgen ,ja vor allem für die Älteren’ gemacht worden sei, während andere die Konsequenzen zu tragen hätten. Da wird ein Generationenkonflikt konstruiert, den es so nicht gibt“, erklärt Christoph Strünck.

Zudem muss deutlich differenziert werden: Die Gruppe der über 60-Jährigen, die oftmals pauschal als „Risikogruppe“ bezeichnet werde, sei natürlich keine einheitliche Gruppe. „Wir sprechen wegen der deutlich steigenden Lebenserwartung inzwischen von einem dritten Lebensalter ab 65 und einem vierten Lebensalter ab ca. 80 Jahren. Vor allem im dritten Lebensalter sind Gesundheitszustand sowie wirtschaftliche und soziale Lage höchst unterschiedlich. Man sollte sich ohnehin nicht an der Anzahl der Lebensjahre orientieren, also dem ,chronologischen Alter’, sondern am sogenannten ,biologischen Alter’: Wer sportlich aktiv war und ist, kann mit über 80 Jahren einen besseren Gesundheitszustand haben als viele Jüngere. Außerdem kommt es auf die soziale Lage an: Wer soziale Kontakte hat und auch wirtschaftlich am sozialen Leben teilnehmen kann, dem geht es wahrscheinlich auch gesundheitlich besser.“

Richtig sei aber auch, so Strünck weiter, dass ab einem Alter von 60 Jahren das Immunsystem graduell schwächer werde und statistisch betrachtet die Sterblichkeitsrate in höheren Altersgruppen signifikant höher sei. „Insofern ist es verständlich, dass die Altersgruppe ab 60 Jahren in der Corona-Krise als besonders schutzbedürftig betrachtet wird.“


Hörakustik-Meister

Wie können etwa Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte gerade jetzt aktiv werden? „Wir sehen momentan, wie kreativ Menschen sein können, wenn es um soziale Unterstützung geht, gerade auch für Senioren. Video-Konferenzen in den Familien, privat organisierte Einkaufshilfen, der regelmäßige verabredete Anruf zwischen Nachbarn und auch die gute alte Postkarte: Das sind ganz wichtige Initiativen, die uns zeigen, dass wir soziale Wesen sind. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es ärmere alte Menschen momentan doppelt hart trifft, denn bestimmte Hilfsangebote fallen teils noch aus.“

In vielen Kommunen gebe es gelungene Beispiele, wie Hilfe organisiert werden kann: Bürgervereine oder Nachbarschafts-Initiativen hätten in Windeseile einen Einkaufs-Service für Ältere aufgebaut. „Hier bieten Menschen ihre Hilfe an und vernetzen sich untereinander. Kommunen haben schnell reagiert und bündeln alle Angebote und Dienstleistungen im Alter, auch von frei-gemeinnützigen Trägern, die sie offensiv bewerben. Und viele Kirchengemeinden hatten auch schon vor Corona Telefon-Dienste aufgebaut. Ehrenamtliche rufen ältere Menschen regelmäßig an, wenn diese das wünschen“, weiß Christoph Strünck.

Doch Senioren können auch selbst etwas tun: „Bewegung und Begegnung sind gerade im Alter das A und O. Solange man es kann, ist natürlich der Spaziergang an der frischen Luft besonders gut. Doch auch in der Wohnung kann man Bewegungsübungen machen. Wer mit den digitalen Möglichkeiten zurechtkommt, kann sich dabei auch mit anderen vor einem Computer-Monitor über das Internet zusammenschalten. Schwieriger ist es, Begegnungen zu schaffen, vor allem für die jenigen, die nicht viele soziale Kontakte haben und alleine leben. Anregung für neue Formen der Begegnung geben auch die Seniorenvertretungen vor Ort, die kann man anrufen.“

Ein Rüstzeug für die aktuelle Situation seien Zuspruch und Zuversicht. „Das kommt nicht von alleine, und es fällt auch nicht allen gleich leicht. Aber die Corona-Krise macht uns auch bewusst, wie wichtig der Kontakt und Zusammenhalt zwischen den Generationen sind, unabhängig von der eigenen Familie, und wie wertvoll jeder Mensch ist, unabhängig vom Alter. Nach der Corona-Krise werden wir uns intensiver damit beschäftigen, wie wir alt werden wollen und was wir dafür brauchen. Dazu gehört im Übrigen auch die Erkenntnis, dass Ältere nicht nur Hilfe benötigen, sondern selbst anderen helfen, ob ehrenamtlich oder in der Familie“, meint der Politikwissenschaftler.

Auch den digitalen Medien kommt im Leben älterer Menschen eine neue Rolle zu. „Die Bedeutung des Digitalen für soziale Teilhabe – und auch für die gesundheitliche Versorgung – wird nach Corona eine ganze andere sein. Nicht wenige Seniorinnen und Senioren entdecken jetzt digitale Möglichkeiten, vor denen sie zuvor eher Angst hatten. Auch immer mehr Pflegeheime ermöglichen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern, über Skype oder andere Programme Kontakt mit ihren Angehörigen zu halten. Es ist richtig, dass nicht alle Älteren über die entsprechende technische Ausstattung oder die notwendigen Basis-Kompetenzen verfügen. Wenn sich eine Gesellschaft aber an Telefon und Fernseher als (unpfändbare) Grundausstattung gewöhnt hat, sollte dies in Zukunft auch für den Internet-Zugang gelten, und zwar für alle.“

Generell warnt Christoph Strünck davor, wieder in eine negative Vorstellung vom Alter als „Problem“ zurückzufallen. „Es ist ein Segen, dass die Lebenserwartung so stark steigt, und möglichst viele – gerade auch die Jüngeren – wollen und sollen davon profitieren. Dafür braucht es aber auch entsprechende Rahmenbedingungen. Daher müssten wir auch über die Zeit nach Corona nachdenken. Der Zahl der gesunden Jahre im höheren Lebensalter ist in Deutschland deutlich geringer als in einer Reihe anderer europäischer Länder. Das fällt derzeit nicht so auf, weil wir uns auf die Akutversorgung in den Krankenhäusern konzentrieren. Und die ist in Deutschland tatsächlich deutlich besser als in vielen anderen Ländern. Aber in der Langzeitversorgung und auch beim Thema Prävention sind wir nicht so gut. Wenn möglichst viele Menschen möglichst lange gesund und selbstständig bleiben sollen und wollen, dann muss sich hier noch einiges verändern.“
    

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