ANNO DAZUMAL: Viele Menschen verrichteten noch bis ins späte 19. Jahrhundert ihr Geschäft im Freien / Die moderne Toilette gibt es noch gar nicht so lange

Vom einfachen Abort zum Designer-WC

  • Um 1890: Das industriell hergestellte, eiserne Trichterklosett war mit einer Holzbrille versehen. Kot und Urin fielen in eine darunterliegende Grube. Fotos: wette

wette. Sie sind tief oder flach, stehen oder hängen, sind rund oder eckig, mal weiß, oft luxuriös: Unsere Toiletten sind längst so vielfältig wie unsere Kleidungsstücke. Und doch dienen sie alle nur dem einen Zweck: dem Verrichten unserer Notdurft. Dabei hat die Entwicklung der Toilette tatsächlich erst in den vergangenen Jahren so richtig an Fahrt aufgenommen.


Das Water Closet feierte zwar im Jahr 1851 seine Premiere. In die Häuser kam es aber erst viele Jahrzehnte später.


Noch vor etwas mehr als 120 Jahren sah die Situation komplett anders aus. Viele Menschen verrichteten bis ins späte 19. Jahrhundert ihr Geschäft im Freien. Wer es auf dem Land erledigen wollte, ging dazu in den Stall, an den Misthaufen oder in die Büsche. Toiletten kannten nur die Reichen – oder jene, die im Zuge der Industrialisierung in die großen Städte zogen und dort auch lebten. Doch auch hier waren die Voraussetzungen anfangs denkbar schlecht. Denn um ein modernes Water Closet (WC) nutzen zu können, waren der Anschluss an fließendes Frischwasser und die Abwasser-Kanalisation erforderlich. Flächendeckende Kanalisationssysteme aber kamen erst später – zunächst in den großen Städten des Landes, dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, auch in den Kleinstädten und auf den Dörfern. Aborte ohne Wasserspülung – im Volksmund als Plumpsklo bekannt – waren in vielen ländlichen und kleinstädtischen Gegenden Deutschlands teilweise sogar bis in die 1980er-Jahre üblich. Wenn auch als Ausnahme.


elements siegen

Das Water Closet (daher der Name WC) feierte 1851 seine Premiere, als es auf der ersten Weltausstellung in London präsentiert wurde. Das Modell stieß auf großes Interesse: Die Londoner standen Schlange, um es für einen Penny benutzen zu dürfen. „To spend a penny“ ist bis heute in Großbritannien ein Euphemismus für den Toilettengang. Einziges Problem: Ein solches WC konnte sich nicht jeder leisten. Erschwinglicher waren da schon andere Modelle, wenngleich auch sie ihren Preis hatten. Einen Überblick mit vielen Modellen zum Anschauen – nicht zum Probesitzen – zeigt aktuell die Ausstellung „Von der Rolle – KloPapierGeschichten“ im LVR-Industriemuseum in Bergisch Gladbach. Hier wird unter anderem das eiserne Trichterklosett präsentiert, das um 1890 in einer Schule in Evingsen im Märkischen Kreis gestanden hat. Ein kleines Holzhaus hinter der Dorfschule habe jeweils vier Abortkabinen für Mädchen und Jungen sowie ein Lehrer-Klo enthalten, heißt es. „Die Kabinen waren mit eisernen Trichterklosetts ohne Wasserspülung ausgestattet. Darunter befand sich eine gemauerte Grube“, schreibt das LWL-Freilichtmuseum Detmold über seine Leihgabe.

Das industriell hergestellte Trichterklosett bestand aus einem eisernen Klosettbecken und war mit einer Holzbrille versehen, die heute allerdings nur noch in Teilen erhalten ist. Eine Wasserspülung gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die Ausscheidungen fielen direkt in die darunter liegende Senkgrube.

Etwas komfortabler waren da schon Zimmerklosetts. Das eine, ausgestattet mit Wasserspülung, kam um 1900 zum Einsatz und war eine technisch raffinierte Toilette. Betätigt wurde sie mit einer Handpumpe, die beim Schließen des Deckels eine Wasserspülung auslöste. Das andere, ausgestattet mit einer Pumpenspülung, wurde um 1920 benutzt. Es bestand aus Eisenblech und hatte seitlich eine Handpumpe für die Wasserspülung. Die Spülung reinigte allerdings nur den oberen Klosetttrichter, der darunter stehende Toiletteneimer musste von Hand entleert werden. Komfortabel Platz nehmen konnten die Menschen um die Jahrhundertwende auch auf dem Toilettenstuhl: Um die gepolsterte Variante zu benutzen, mussten Sitzfläche und Holzdeckel abgenommen werden. Verkauft wurde er für 25 Mark. Zum Vergleich: Ein Großteil der damaligen Bevölkerung verdiente seinerzeit lediglich etwa 60 Mark im Monat.


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In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg schritt die Entwicklung voran. Sogenannte Klosettschüsseln oder -trichter aus braun glasiertem Steinzeug ersetzten die älteren Kastenaborte aus Holz. Viele von ihnen waren weiter ohne Wasserspülung. Durch die trichterförmige Klosettschüssel fielen die Fäkalien in eine darunter liegende Jauche- oder Senkgrube. Gleichzeitig verbreitete sich allmählich das WC, wie wir es heute kennen: das Wasserklosett. Damals noch mit Spülkasten und Kettenzug. Auf dem Land aber kam das Modell – auf das mangelhafte Kanalisationssystem wurde bereits kurz eingegangen – erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Die Kloschüssel aus weißem Porzellan war ein Flachspüler mit Deckel und Brille aus Holz. Der gusseiserne Spülkasten hing hoch über der Toilette, um durch das Fallrohr den für die Reinigung erforderlichen Wasserdruck aufzubauen.

Uns bekannter sind wohl noch die WCs, die um 1970 verbaut wurden. In nahezu jedem Haus gab es jetzt ein für die damalige Zeit modernes WC. Die älteren Spülkästen mit Kettenzug wurden vielfach durch moderne Druckspüler ersetzt; doch der Wasserdruck reichte nicht immer für eine zufriedenstellende Spülwirkung. Farbige Fliesen, darauf abgestimmte WC-Vorleger und Deckelbezüge waren typische Gestaltungselemente in Bad und WC der 1970er Jahre.    

Heute ist es ein gewisser Luxus, den wir vom stillen Örtchen erwarten: Spülrandlos soll die moderne Toilette sein, in ansprechendem Design, mit integriertem Bidet zum Reinigen des Anal- und Intimbereichs (siehe auch Bericht auf Seite 3).

- Die Sonderausstellung „Von der Rolle – KloPapierGeschichten“ ist voraussichtlich bis zum 7. Februar 2021 im LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach zu sehen. Einen weiteren, ausführlichen Beitrag über die Geschichte der Toilette lesen Sie auch morgen in der Wochenendausgabe der Siegener Zeitung.

    

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