Die gebürtige Fellinghausenerin Renate Schmidt schreibt als Luise Midgard ein Buch über schönes und schweres in der Kindheit

Ein Blick zurück mit Kinderaugen


24.02.2021

„Fliegen konnte ich schon immer – Eine Kindheit in den 60er Jahren“. Luise Midgard nennt sich die Autorin dieses im vergangenen Jahr im Verlag „Worte & Leben“ erschienenen Buches, das auf 146 Seiten die Kindheit eines kleinen Mädchens in ihrer Großfamilie lebendig werden lässt. „Ein kleines Dorf irgendwo in Westdeutschland, Mitte letzten Jahrhunderts“ sind laut Klappentext Ort und Zeit des Erzählten. Die reine Lektüre verrät dem Leser nicht die konkrete Verortung der biografischen Aufarbeitung: Luise Midgard ist Renate Schmidt, Jahrgang 1958, die aus ihren Kindertagen in Fellinghausen erzählt. Die zwölf Kapitel sind ebenso leichte wie schwere Kost: Naiv-kindlich sind Gedankengänge und Sprachstil, ganz in den gefühlten Alltäglichkeiten eines heranwachsenden Kindes gehalten, dessen Horizont vollkommen in den elterlichen und gesellschaftlichen Maßstäben eines grundanständigen und frommen Kleinbürgertums aufzugehen scheint. Doch die vordergründig schlichte Erzählweise ist ein klug gewähltes Mittel, um neben zum Schmunzeln einladenden Schilderungen familiärer Beschaulichkeit zugleich eine Menge gesellschaftskritischen Sprengstoff zu transportieren.
                

Eigentlich lag es Renate Schmidt, heute Lehrerin am CJD Gymnasium Braunschweig, bislang näher, ihre literarische Begabung lyrisch zum Ausdruck zu bringen. Doch den Wunsch zu fliegen, der sie schon in der Kindheit begleitete, vermochte sie diesmal nicht in Verse zu packen. Das Thema war zu komplex. Es war eben auch der Wunsch, „sich über Situationen der Kindheit zu erheben“, damit einer manchmal bedrückenden Enge wie Strenge zu entfliehen. „Und dann hatte ich die Idee: Schreib doch dazu mal eine Geschichte. Und die gefiel mir“, schildert sie den Entstehungsprozess. Freunden und Verwandten gab sie die ersten Kapitel zu lesen, alle machten Mut zur Fortsetzung. Aus der machten Mut zur Fortsetung. Aus der Motivation wurde ein Flow, der von September 2019 bis Januar 2020 das komplette Buch hervorbrachte. Aus ihrer Sicht ein organischer Prozess: „Ich muss ein Thema in mir haben, das mich sehr beschäftigt; es muss durch meine Mitte gehen und durch mich hindurchfließen.

Luise Midgard
Luise Midgard

Und dann entstehen meine Texte ganz unangestrengt, sie sind dann einfach da – auch in der Lyrik.“ Und was in ihrem Buch „einfach da“ ist, hat das Potenzial, alle Sinne jener Leser zu berühren, die bereit sind, sich mit der Protagonistin auf die Reise in eine ambivalent erlebte Kindheit zurückzubegeben. Die Momente warmherziger Vertrautheit mischen sich mit Erinnerungen an angsteinflößende religiöse Prägungen, die Schilderungen kleiner Freiheiten in naturnaher Umgebung und häuslicher Familienidylle kontrastieren mit belastenden Prägungen einer Siegerländer Frömmigkeit jenseits des für ein kleines Mädchen logisch Begreifbaren. Das Kapitel „Der liebe Gott“ beispielsweise offenbart in erschreckend detailreicher Beschreibung das Ausgeliefertsein eines jungen Menschen an die vorgefertigten Dogmen der Erwachsenenwelt und gipfelt im Buch in der Erinnerung an eine evangelikale Bekehrungsveranstaltung, die sie als geradezu belastend in Erinnerung hat. Die Protagonistin erzählt: „Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Ich weiß nur noch, dass ich zu Hause ohne Ende gezittert, gewürgt und gespuckt habe. Ins Bett musste. Und fürchterlich enttäuscht war, denn das Leben mit dem lieben Gott hatte ich mir anders vorgestellt.“ Derlei Begegnungen ordne heute die Kirche selbst als Erfahrungen struktureller und psychischer Gewalt ein, ist sich Renate Schmidt sicher: „Allein die religiöse Aussage ‚du bist schuldig‘ haben wir damals mit der Muttermilch eingesaugt.“ Doch die Menschen, die nach solchen Glaubenssätzen lebten und Vorbild sein wollten, möchte die Autorin mit der Offenlegung ihrer Erfahrung nicht kritisieren: „Was ich dort schildere, hat mit dem Erwachsenen von heute erst einmal nichts zu tun. Es ist im Buch das Kind, das einfach formuliert, wie es die Situation damals empfunden hat. Das Kind wertet auch nicht – es äußert nur das, was es denkt und fühlt. Nur so kann das Buch seine Leser – auch in der eigenen Familie – berühren und zum Nachdenken anregen, denn es ist weder Abrechnung noch eine uneingeschränkte Liebeserklärung. Ich bin nur dem inneren Kind gefolgt.“ Gerade deshalb verzichtet das Buch auf konkrete Namen und Orte: „Von Anfang an wollte ich weder mich noch meine Familie in den Mittelpunkt stellen, denn mir wurde beim Schreiben schnell deutlich: Es kann und soll ein Zeugnis der damaligen Zeit und ihrer gesellschaftlichen Realität sein.“ Im Übrigen stellt sie klar: Die meisten, aber nicht alle Schilderungen sind ihre eigenen Erfahrungen, auch eine Freundin steuerte Erinnerungen bei. „In diesem Sinne ist das Buch nicht autobiografisch, aber biografisch – es geht immer um real Erlebtes, um die kindliche Erinnerung dessen, was war.“ Ihren Vater habe die Lektüre des Buches sehr berührt, weiß sie aus mehreren Telefongesprächen zwischen Braunschweig und Kreuztal. „Ihm ist vieles so nicht klargewesen, wie ich früher Alltägliches erlebt habe. Aber was mich beruhigt: Er hat bereits mehrere Exemplare des Buches weiterverschenkt.“

Für sich aufgearbeitet hat Renate Schmidt ihr in der Kindheit Erlebtes lang und intensiv: Sie beschäftigte sich ausgiebig mit spiritueller Psychologie, setzte sich mit anderen Weltreligionen auseinander, besuchte Moscheen und erinnert sich noch heute eindrücklich an die tiefen Gongschläge buddhistischer Tempel, die sie auf einer Pilgertour im Himalaya besuchte. Und wo steht sie mit ihrer Erkenntnis heute? „Ich habe festgestellt, dass allen Religionen eine gemeinsame Essenz innewohnt: Wir sind ein großes Ganzes, wir sind alle miteinander verbunden, jeder gehört dazu und hat seine Würde. Um in diese alles umfassende göttliche Einheit einzutauchen, brauchen wir die Religion – egal welche – höchstens als eine ‚Gehhilfe‘.“ Luise Midgard alias Renate Schmidt wünscht sich, dass sie mit ihrem Buch berühren und die Leser zur Reflexion wie zum Gespräch über selbst Erlebtes motivieren kann: „Ich möchte, dass die Menschen das Buch nicht nur mit dem Kopf lesen, sondern auch mit dem Herzen.“ Es könne womöglich helfen, „lieb zu gewinnen, was man als Mangel erlebt hat, und daraus eine neue Stärke zu ziehen. Insofern kann das Buch sehr wohl doch eine Liebeserklärung sein.“ . bjö

Aufbrechen

das herzhungrige Kind
aus halbgrauem Kauern

dort im rechten Winkel
wo immer der Tod lauert

steht auf und findet
die Tür nach draußen

kein Weg da aber Goldstaub
und Weite bis zum Horizont

nur Gehen ins Leben

Zeilen von Luise Midgard am Anfang ihres Buches „Fliegen konnte ich schon immer – Eine Kindheit in den 60er Jahren“, erschienen im Verlag Worte & Leben (www.worte-und-leben.de), ISBN 978-3- 9818549-3-0

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