Spielerisch gegen Demenz: Wichtig: Bei allem sollte der Spaß ganz klar im Vordergrund stehen

So gelingt geistiges Training

Experten raten, den Kopf bis ins hohe Alter zu trainieren. Das kann gerade auch über Spiele geschehen, bei denen das Gedächtnis gefragt ist: Schach und Mühle bieten sich dabei an, ebenso auch Denkspiele und Rätsel. Fotos: pixabay

17.10.2021

Jeder wünscht sich, dass das Gehirn noch bis ins hohe Alter gute Dienste leistet. Anders gesagt: Dass man geistig fit bleibt. Doch kann man den Kopf trainieren? „Ja! Und man sollte es sogar“, erklärt die Neurologin Prof. Dorothee Saur. „Indem man sein Gehirn fordert, schafft man eine Art Reserve, die es widerstandsfähiger macht, wenn es mit Krankheiten konfrontiert ist. Deshalb ist es gut, wenn man das Hirn fordert – auch im Alter“, sagt die leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig.

„Es geht um Gedächtnis, Wissen, Kombinationsgabe. Das kann man auf leichtfüßige Weise trainieren“, erklärt Psychologe Siegbert Warwitz, der an einem Buch zum Sinn des Spielens mitgeschrieben hat. Memory z.B. lasse sich prima mit Enkelkindern im Grundschulalter spielen. „Die Kleinen haben nämlich ein sehr gutes Kurzzeitgedächtnis“, sagt Warwitz. Auch Wortratespiele regen den Geist an.

Schach als klassischer Denksport eignet sich eher dann, wenn man es früher schon gespielt hat. „Dies im hohen Alter zu lernen, ist schwierig, weil die Regeln etwas komplex sind“, findet Warwitz. Aus seiner Sicht empfehlenswerter: Mühle. Die Regeln habe man schnell begriffen. Macht es einen Unterschied, ob man alleine ein Sudoku löst oder mit Freunden ein Strategiespiel spielt? Interaktion sei sicher gut – ebenso wie sich immer wieder darauf einstellen zu müssen, was die anderen machen, sagt Dorothee Saur. „Insofern ist da ein kleines Plus drin.“ Spiele, die man allein macht, seien darum aber nicht grundsätzlich schlechter, betont die Fachärztin und Expertin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Und auch wenn das Lernen von neuen Dingen mit fortschreitendem Lebensalter schwieriger wird – die Mühe kann sich lohnen. „Die Auseinandersetzung mit Neuem ist grundsätzlich gut und schädlich ist geistige Herausforderung nie“, betont Saur. Fatal sei eher, wenn man denke: Ich strenge mich lieber nicht an, da schone ich mein Gehirn.

Allerdings gibt es eine Einschränkung. Geistiges Training klingt immer auch nach Zwang. Genau das sollte es aber nicht sein, wie die Altersforscherin Prof. Maria Cristina Polidori sagt. „Wir neigen dazu, uns zu häufig zu zwingen und durchzukämpfen bei diesen Übungen“, erklärt die Leiterin der klinischen Altersforschung der Klinik II für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln. Sie hat acht Jahre eine Sprechstunde zum Thema Gedächtnistraining geleitet. Einmal kam eine Frau zu ihr, erzählt Polidori, die gerne eine Sprache lernen wollte, um ihr Gehirn zu trainieren – doch mochte die Frau Sprachen schon in der Schule gar nicht. „Darum habe ich hier davon abgeraten.“ Besser ist: Man nimmt etwas, was man wirklich gerne macht, und trainiert das Gehirn damit. Denn sonst kann die Tätigkeit, die das Hirn fördern sollte, das Gegenteil bewirken. Leistungsangst lautet das Stichwort. Polidori erklärt, was dahintersteckt: „Man beginnt etwa, eine neue Sprache zu lernen, nimmt aber nichts auf – und dann bekommt man Angst: Bin ich dumm oder habe ich bereits Demenz?“


„Indem man sein Gehirn fordert, schafft man eine Art Reserve, die es widerstandsfähiger macht.“

Dorothee Saur
Leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig


Geistig fit zu bleiben garantiert ein deutliches Plus an Lebensqualität im Alter. Aber es tut auch gut, körperlich fit zu bleiben und soziale Kontakte zu pflegen.
Geistig fit zu bleiben garantiert ein deutliches Plus an Lebensqualität im Alter. Aber es tut auch gut, körperlich fit zu bleiben und soziale Kontakte zu pflegen.

Das Problem ist: Man kann sich eine schlechte Hirnleistung auch einreden. Und besonders im hohen Alter könne das – wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – tatsächlich zu einem geistigen Abbau beitragen, erklärt die Altersforscherin. Sie rät generell, nicht nur Denkspiele und Rätsel zu machen. „Also Schach und Sudoku – gerne! Aber nur, wenn es Spaß bringt und man das mit anderen Aktivitäten kombiniert, die nicht wie geistiges Training wirken.“ Zum Beispiel neue Gerichte in der Küche ausprobieren oder im Garten arbeiten. „Das aktiviert andere Teile des Gehirns, so dass man möglichst viele geistige Fähigkeiten fordert“, erläutert Polidori.

Um Krankheiten wie Demenz vorzubeugen, sei Training für das Hirn generell nur eine Säule der Vorbeugung, betont die Altersforscherin. Körperliche Bewegung, gute Ernährung sowie soziale Kontakte und das allgemeine Wohlbefinden seien mindestens ebenso wichtig.

Sie sagt aber auch: „Menschen spielen gerne. Alles, was mit gutem Lebensstil und Wohlbefinden zu tun hat, wird dadurch beschleunigt.“

Bei allem Gedächtnistraining auf eigene Faust gilt jedoch: Wer den Eindruck hat, vergesslich zu werden, sollte umgehend zum Neurologen oder Altersmediziner gehen, betont Polidori. Das müsse abgeklärt werden. Die Experten kennen zudem geeignete, kognitive Trainingsprogramme, die ganzheitlich ansetzen. dpa

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