Wie Lehrer und Schüler gemeinsam an Konzepten Feilen, das Lernen unter besonderen Bedingungen Optimal zu Gestalten

“Wir machen das Beste draus“

59 iPads teilten Nadine Stödter-Goß (rechts), Carolin Rath und Michael Feldmann kürzlich an ihre Lehrerkollegen des Städtischen Gymnasiums Kreuztal aus. Foto: bjö

24.02.2021
Pieck die Handwerker

„Eine große pädagogische Katastrophe sehe ich bei uns angesichts von Corona nicht – wir haben tolle Eltern, die unsere Kinder zu Hause gut unterstützen, und ein kreatives wie engagiertes Kollegium.“ Nein, nur negativ sieht Schulleiter Thomas Grütz die für alle herausfordernde Phase des „Lernens auf Distanz“ sicher nicht: „Jeder Lehrerkollege hat mittlerweile eine Lösung des eigenen Arbeitens gefunden – es läuft von Tag zu Tag besser, und fachlich bleibt nicht viel auf der Strecke“, äußert sich der Schulleiter zuversichtlich.

In der zweiten Februar-Woche fand eine „Bescherung“ für die Gymnasialpädagogen im Flur des Städtischen Gymnasiums Kreuztal (SGK) statt, als die Lehrkräfte 59 neue iPads in Empfang nahmen. Mit ihnen – und fortan nicht mehr mit den privaten Rechnern – sollen sie nun unterrichten, entsprechende Apps sind vorinstalliert.

Doch bei allem pragmatischen Optimismus bleibe Distanzunterricht freilich eine Krücke. „Was mir auf Distanz fehlt, ist zum Beispiel die Angewohnheit, während des Unterrichts reihum zu gehen, um den Schülern beim Arbeiten über die Schulter zu schauen und ihnen kleine Hilfestellungen zu geben“, erklärt der Oberstudiendirektor. Der „direkte Zugriff analog und in Echtzeit“ sei digital nicht ohne Weiteres möglich.

Einen unsicheren Blick auf die nahe und ferne Zukunft erlebt er vor allem bei den aktuellen Abiturienten: Ihnen fehlen sämtliche prägende Erlebnisse eines letzten Schuljahres – angefangen von der Abi-Abschlussfahrt bis zum Oberstufenball zwecks Finanzierung des eigenen Abi-balls, der womöglich auch nicht unter normalen Bedingungen wird stattfinden können. Thomas Grütz hofft, dass sie so schnell wie möglich wieder in der Schule „live“ den letzten Schliff für die bevorstehenden Abiturprüfungen bekommen können.

Das Gymnasium verfügt über fünf in eigeninitiative beschaffte Kohlendioxid-Messgeräte, die cloudbasiert fernsteuerbar sind und Alarm schlagen, wenn es Zeit ist, stoßzulüften, um damit eine unter Umständen virengeschwängerte Aerosol-Wolke zu verhindern. Davon unabhängig ist es Pflicht, alle 20 Minuten für eine komplette Durchlüftung des Klassenraums zu sorgen.

Studiendirektorin Nadine Stödter-Goß am Kreuztaler Gymnasium, Koordinatorin für schulpraktische Aufgaben, ist Ansprechpartnerin für Fragen und Probleme rund um den Distanzunterricht.
   

Gemeinsam mit den Schülersprecherinnen Amelie Bechheim und Hanna Fatemi hat sie einen Erfahrungsaustausch am SGK initiiert. Zum Thema „Von der Lust und dem Frust im Distanzunterricht – praktische Tipps und Tricks zur Lernorganisation“ werden Schülerinnen und Schüler eingeladen, ihre Erfahrungswerte zum Lernen auf Distanz mit den Mitschülern zu teilen, um ihre selbstständigen Lernstrategien nachhaltig zu optimieren. Oft seien es die derzeit verschwimmenden Strukturen im Alltag, die die Schülerinnen und Schüler vor die Herausforderung stellen, sich selbst und das Lernen auf Distanz zu strukturieren und zu organisieren.

„Wir sammeln nicht nur Erfahrungswerte auf Seiten der Schülerinnen und Schüler“, so Stödter-Goß, „sondern werten ebenfalls zurzeit die Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen aus, um unsere Handlungsleitlinien zum Distanzunterricht, die sowohl für die Schülerschaft als auch für das Kollegium bindend sind, bedarfs- und bedürfnisorientiert für Belange auf beiden Seiten zu optimieren.“

Dadurch, dass der Unterricht auf Distanz an einem digitalen Endgerät stattfindet, sei die Aufmerksamkeitsspanne der Schülerschaft bei Videokonferenzen per se geringer als im Präsenzunterricht, weil die Ablenkungsmöglichkeiten um ein Vielfaches erhöht seien. Hinzu komme, dass die Lernenden nicht verpflichtet werden dürfen, die Kamerafunktion zu nutzen, wodurch die Lehrkraft vor der Herausforderung stehe, sich der Aufmerksamkeit der Schüler durch didaktische Methoden stetig zu versichern. Nadine Stödter-Goß: „Unterrichten auf Distanz erfordert daher eine ganz andere Unterrichtsvorbereitung, weil einem diese ganzheitliche Wahrnehmung als Rückmeldung von den Schülern leider fehlt. Man ist ja im Grunde genommen in verschiedenen Räumen unterwegs.“ Alles in allem, findet Nadine Stödter-Goß, „machen wir das Beste aus der Situation. Und man darf auch mal auf das schauen, was gut läuft.“ Die Bedeutsamkeit von Schule werde noch einmal allen neu bewusst, ist sie überzeugt. Und so treibt Corona auch die kuriose Blüte, dass sich so mancher Lernmuffel wieder auf den Gang in eine „ganz echte“ Schule freut. . bjö
  

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