Edgar Zoor ist seit Mai letzten Jahres Pastor im Katholischen Pastoralverbund Nördliches Siegerland

Alpakas und der Wille Gotte

Edgar Zoor ist seit letztem Jahr Bewohner des Pfarrhauses in der Kreuztaler Pfarrstraße. Als Pastor im Pastoralverbund Nördliches Siegerland möchte er aber für alle Katholiken in Kreuztal, Hilchenbach und Herzhausen ansprechbar sein. Foto: bjö

24.02.2021
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Das Heimweh nach Uchu und Momo hat Edgar Zoor mittlerweile überwunden. Die beiden Alpakas, die trächtig waren, als der Priester sie zu seinen Familienmitgliedern auf der Wiese neben seiner einstigen Wohnung bei Bad Driburg in Ostwestfalen erklärte, haben mittlerweile ein neues Herrchen gefunden. Ebenso wie die drei weiteren vierbeinigen Artgenossen, die er während seiner Zeit als Krankenhausseelsorger und Pfarrer im Raum Bad Driburg sein eigen nannte und nicht mit nach Kreuztal nehmen konnte. Die flauschigen Tiere als vitaler Ausgleich für einen schweren Job („Tiere zeigen uns, ganz im Hier und Jetzt zu leben“) machten ihn zum Spinner – für 100 Gramm Alpakawolle benötigte er 35 Arbeitsstunden am Spinnrad, das sich in seinen Händen während des „Tatort“-Schauens drehte. Im Moment steht es noch unbenutzt im Pfarrhaus gegenüber der katholischen Kirche St. Johannes in der Pfarrstraße. Dorthin zog der gebürtige Sauerländer im Frühling letzten Jahres, um fortan als Geistlicher im Pastoralverbund Nördliches Siegerland tätig zu sein. Nein, als „Pastor von Kreuztal“ möchte er nicht gelten – einfach deshalb nicht, weil es den bei den Katholiken so nicht mehr gibt. Der Priester versteht sich nämlich als Ansprechpartner für den gesamten Pastoralverbund, also als Kollege im Pastoralteam an der Seite von Pfarrer Friedhelm Rüsche, Diakon Gerhard Josef Möller und der Gemeindereferentin Christina Schreiber. Der Zusammenschluss umfasst die Stadtgebiete von Kreuztal und Hilchenbach sowie den Netphener Stadtteil Herzhausen bzw. die dortige Filialkirche St. Anna. Einen herzlichen Abschied von den Menschen, die er bis 2020 begleitet hatte, vereitelte ihm im letzten Jahr das Corona-Virus: Edgar Zoor war seit 2010 Krankenhauspfarrer im St.-Josef-Hospital in Bad Driburg, seit 2017 zusätzlich im St.-Rochus-Krankenhaus in Steinheim. Zuvor hatte er 2016 die Leitung des Ethikkomitees der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge übernommen. Dort fungierte er zudem als „Geistlicher Begleiter“, also als Inhaber einer Zusatzqualifikation für Individualseelsorge, mit der er auch den Gläubigen im nördlichen Siegerland mit regelmäßigen Einzelgesprächen zur Verfügung steht. In ihnen könne es um wesentliche Veränderungen im Leben eines Menschen gehen, um wegweisende Entscheidungen oder auch schlichtweg um den Wunsch, die persönliche Christusbeziehung zu stärken. Und Edgar Zoor hatte mit Ankunft in Kreuztal noch weitere Expertisen im Gepäck: Er leitet Kurse in Meditation, um „neue Formen des Gebets“ aufzuzeigen, macht Gläubige auf Wunsch mit Exerzitien vertraut, also geistlichen Übungen, und bietet – wenn die Corona-Beschränkungen vorbei sind – Interessierten an, mit Mitteln des Bibliodramas die Aktualität des Wortes Gottes im eigenen Leben zu erfahren. Was die nach wie vor eigenständigen Kirchengemeinden des Pastoralverbundes Nördliches Siegerland – St. Augustinus Keppel, St. Johannes Baptist Kreuztal sowie St. Ludger und St. Hedwig Krombach – ansonsten von ihm erwarten können? „Ich verstehe mich nicht als Restaurateur, der versucht, womöglich nicht mehr zeitgemäße Strukturen zu reanimieren.“ Er möchte lebendige Traditionen zwar stärken und stützen, „aber immer im realistischen Rahmen“, stellt er klar. Edgar Zoors Selbstverständnis von Gemeindearbeit orientiert sich am Zukunftsbild des Bistums, nicht mehr in engen Gemeindegrenzen zu denken, denn: „Die Inselmentalität der Gemeinden wird nicht mehr tragen“, ist er sicher. Positiv formuliert: „Alles, was wir mit anderen gemeinsam tun können, werde ich gern unterstützen“ – ökumenische oder interreligiöse Begegnungen eingeschlossen, stets nach dem Motto „prüft alles und behaltet das Gute“.  


"EDGAR ZOOR ist ein Mensch, der mit Leib und Seele dem Glauben ein Gesicht gibt. Er bringt Leidenschaft und großes Engagement mit, hat viele Ideen und immer ein offenes Ohr. Ich schätze ihn als Seelsorger und Kollegen und freue mich, dass er bei uns gelandet ist. Er hat uns buchstäblich gerade noch gefehlt."

CHRISTINA SCHREIBER, GEMEINDEREFERENTIN IM PASTORALVERBUND NÖRDLICHES SIEGERLAND


Auf einem Schrank im Wohnzimmer des Pfarrhauses prangt ein ausdrucksstarkes Schwarzweißbild von Edgar Zoors verstorbenem Vater, während er mit seiner entfernt lebenden Mutter telefonisch und sogar über Video verbunden bleibt: „Gerade in unserer Corona-Zeit spüren wir, wie wichtig es für uns Menschen ist, andere Menschen sehen zu können.“ Am anderen Ende des Raumes dominiert die Ton-Figur des „Heiligen Edgar“, ein Abbild von „Edgar, dem Friedfertigen“, dem König von England aus dem zehnten Jahrhundert. Und ein Zimmer weiter hängt die Ikone vom Typ „Gottesmutter des Zeichens“, die ihn „an eine besondere Zeit in Jerusalem erinnert, zu der ich diese Ikone bekommen habe“. Im „Heiligen Land“ verbrachte er mit Unterbrechungen rund vier Jahre, im Zeitraum von 2006 bis 2010, im Kloster „Dormitio“ der deutschen Benediktinermönche auf dem Zionsberg und in Tabgha am Ufer des Sees Genezareth. Als Pater Jakobus wollte er den Weg der kontemplativen Beschäftigung mit Gott und seiner Berufung „ausprobieren“. Genau dieser Entschluss brachte ihm die Arbeit in der Krankenhausseelsorge näher, zu der er sich zunächst mit einer halben Stelle im Auftrag der Benediktiner einsetzen ließ. 1993 hatte sich der aus Meschede-Berge stammende Sauerländer nach Studien in Paderborn und Wien zum Priester weihen lassen und versah danach pastorale Dienste in Soest sowie in der Siegerländer „Nachbarschaft“ Kohlhagen, Silberg und Varste.


"EDGAR ZOOR bringt neuen Wind in den Pastoralverbund. Damit motiviert er viele Gemeindemitglieder, wieder ihre Segel zu setzen und aktiv am Gemeindeleben teilzunehmen. Sein Motto, Gutes beizubehalten und Altes neu zu überdenken, spricht die Menschen an."

STEFAN EBERTS, KREUZTALER KATHOLIK UND NACHBAR


Der neuerliche Entschluss zu einer beruflichen Veränderung nach zehn Jahren Krankenhausseelsorge reifte bei Edgar Zoor nach 950 Krankensalbungen und jahrelanger 24-stündiger Rufbereitschaft aus der Erkenntnis, diese Herausforderung nicht bis zum 70. Lebensjahr durchzuhalten. Außerdem spürte er den Wunsch, wieder mehr von der Lebenswirklichkeit des gemeindlichen Daseins zu erfahren. Bei all den Überlegungen war ihm wichtig: „Die Frage ist nicht, was ich will, sondern was Gott von mir will.“ Edgar Zoors Biografie hat Um- und Seitenwege – doch er selbst schätzt den Satz des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, umgedeutet auf das Leben: „Die gerade Linie ist gottlos.“


"Bei der Verabschiedung der Ordensschwestern auf Kohlhagen im November 2018 saß ich mit EDGAR ZOOR zusammen am Tisch. Wir hatten uns lange nicht gesehen und daher viel zu erzählen. Fast auf den Tag genau ein Jahr später rief er mich an und interessierte sich für unsere frei werdende Stelle als Pastor im Pastoralverbund. Manches fügt sich eben. Seit Mai 2020 ist Edgar Zoor bei uns mit vielen Ideen und großem Elan. Er ist eine wertvolle Bereicherung für unser Pastoralteam und unsere Gemeinden. Eine gute Fügung."

FRIEDHELM RÜSCHE, PFARRER IM PASTORALVERBUND NÖRDLICHES SIEGERLAND


Ganz und gar nicht gottlos erfreut sich der Vegetarier Edgar Zoor in Kreuztal der gemeinsamen Aufzucht von Wachteln – sozusagen in der „familiären Nachfolge“ der Alpakas – gemeinsam mit der benachbarten Familie Eberts. So gibt es im Pfarrhaus jede Woche Frühstückseier im Kleinstformat. Außerdem schätzt der Priester nun die Tatsache, dass er endlich wieder in einem Ort wohnt, in dem er den nächsten Lebensmittelmarkt fußläufig erreichen kann. Das Pandemiegeschehen erleichterte ihm nicht gerade das Kennenlernen der Menschen in der Gemeinde – „zumal die Masken die Hälfte des Gesichts verdecken und das Wiedererkennen schwieriger machen“. Seine Freude an der Musik muss im Moment auch etwas zurückstehen: Als Sänger des Siegener Auswahlchores „cappella cantabilis“ der ev. Siegener Kantorin Ute Debus übt er sich bis zur Wiederaufnahme der Proben in Geduld, kann sich aber an Gitarre und Klavier in den eigenen vier Wänden selbst beschallen. Und, gut zu wissen: Sollte im eigenen Gottesdienst der Kirchenmusiker ausfallen, wäre Edgar Zoor spontan bereit und in der Lage, vom Prediger zum Organisten zu mutieren. bjö
  

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