Siegen-Wittgenstein/Olpe: Jürgen Haßler und Frank Clemens sprechen über die Situation im Handwerk

„Wir hoffen, dass die Lage sich bessert“

„Die Lage für das Handwerk ist momentan alles andere als leicht“ – so lautet die aktuelle Einschätzung der Experten der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd. Foto: Frank Clemens  

1.06.2021

Experten wagen auch einen Blick in die Zukunft.

„Die Lage für das Handwerk ist momentan alles andere als leicht“, sagt Jürgen Haßler, der noch bis Ende Juni dieses Jahres als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd in Siegen aktiv ist, ehe er nach 45 Jahren Tätigkeit im Dienste des heimischen Handwerks in den Ruhestand tritt und Stefan Simon als sein Nachfolger die Verantwortung übernimmt. Gemeinsam mit Kreishandwerksmeister Frank Clemens skizziert der scheidende Geschäftsführer noch einmal detailliert die Situation der Innungsbetriebe in der Corona-Krise und wagt auch einen Blick in die Zukunft.

„Man muss sich das einmal konkret vor Augen führen: Die Handwerksbetriebe werden – neben den Beeinträchtigungen und Unwägbarkeiten, die die Corona-Krise mit sich bringt – jetzt noch zusätzlich von einer neuen unerträglichen Situation ausgebremst. Die Auftragsbücher sind voll, aber es fehlt überall an Material! Es zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Bereiche des Bauhaupt- und -Nebengewerbes; angefangen von Holz über Stahl bis hin zu Dämmstoffen und Folien ist alles knapp geworden – eine Situation, die wir bislang so noch nicht erlebt haben.“ Derlei Engpässe hätten bereits zu Beeinträchtigungen in der Bautätigkeit geführt. „Und da hier viele Branchen ineinandergreifen, ist das ein sehr komplexes Thema“, so der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd.


Jeder Betrieb, der schließen muss, ist ein Betrieb zu viel.

Jürgen Haßler
Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd


Frank Clemens bedauert diese Entwicklung gleichermaßen. „Unter anderem sind die Dachdecker- und Zimmereibetriebe stark betroffen, da wir es hier mit wahren Preisexplosionen zu tun haben, gerade auch, was das Holz angeht.“

Mitunter hätten sich Preise verdoppelt oder verdreifacht. „Das macht natürlich für unsere Betriebe die Kalkulation sehr schwierig. Aber das schlimmste sei: „Material ist kaum noch zu bekommen!“ Viele Zimmereibetriebe wüssten derzeit mit der Situation kaum umzugehen, manche sähen sich zwischenzeitlich veranlasst – wie auch die Kollegen der Dachdeckerzunft –, trotz voller Auftragsbücher in die Kurzarbeit zu gehen. „Und keiner kann im Augenblick abschätzen, wann sich das Ganze wieder beruhigt.“

Jürgen Haßler (l.) und Frank Clemens sprechen über die aktuelle Situation des Handwerks. Foto: Kreishandwerkerschaft
Jürgen Haßler (l.) und Frank Clemens sprechen über die aktuelle Situation des Handwerks. Foto: Kreishandwerkerschaft

„Wir sind uns gerade in diesen Zeiten der Krise unserer Aufgabe bewusst, uns für jeden einzelnen Betrieb stark zu machen, Vorschläge für die Politik zu erarbeiten und Konzepte voranzubringen. Denn jeder Betrieb, der schließen muss, ist ein Betrieb zu viel“, so Jürgen Haßler. Wichtig sei, zusammenzuhalten und gut vernetzt zu sein. „Wir als Kreishandwerkerschaft sind Dienstleister für etwa 1300 Mitgliedsbetriebe“, so Jürgen Haßler weiter. „Unser Bestreben ist es, für die Unternehmen am Puls der Zeit zu sein und sie in unseren Rundschreiben und unseren digitalen Konferenzen mit dem Neuesten an Nachrichten und Entwicklungen zu versorgen.“ Gerade die Pandemie habe diesbezüglich viele Veränderungen mit sich gebracht und Fragen, unter anderem nach Hygienekonzepten, nach Vertragserfüllung, Kurzarbeit und vielem mehr aufgeworfen. Die Veränderungen seien natürlich auch bis in die Bereiche des Ausbildungs- und Prüfungswesens spürbar.

„Corona hat hier für ein Umdenken gesorgt“, sagt Jürgen Haßler. „Wir haben seitens unseres Hauses, insbesondere was die Prüfungsbedingungen angeht, schnell reagiert und konnten so für störungsfreie Prüfungsabläufe Sorge tragen.“ Ein weiteres wichtiges Thema im Handwerk – gerade unter den jetzigen Bedingungen – sei die Nachwuchssicherung. „Denn leider gab es coronabedingt in 2020 kaum Praktika in den Betrieben. Berufsmessen konnten nicht in gewohnter Weise stattfinden.“ Hier sei es wichtig, neue Wege zu beschreiten. Die virtuelle Ausbildungsmesse, die am 31. Mai für die Kreise Siegen- Wittgenstein und Olpe an den Start geht, sei ein solcher Schritt in die richtige Richtung. „Hier werden über Videochats Ausbildungsbetriebe und interessierter Nachwuchs zusammengeführt“, so Jürgen Haßler. „Aber auch die neue Initiative ,Hände hoch für´s Handwerk‘ (#einfachmachen) setzt genau hier an. Mit ihr haben wir alle aktuellen noch offenen Ausbildungsstellen im Handwerk über verschiedene Social-Media-Kanäle veröffentlicht, um Nachwuchs und Unternehmen zusammenzubringen.“

Auch bleibe zu hoffen, dass ab Herbst dieses Jahres die gut angenommenen Treffen zum Thema „Unternehmensnachfolge“ in bewährter Manier fortgeführt werden können. „Denn viele Unternehmen suchen händeringend geeignete Nachfolger, die den alteingesessenen Betrieb mit all seinen Erfahrungsschätzen in Zukunft weiterführen können. Hier haben unsere Veranstaltungen schon erfreuliche Synergieeffekte bewirken können“, so Jürgen Haßler.

Und Frank Clemens fügt hinzu: „Nicht zuletzt bedeutet auch der Wechsel an der Spitze der Kreishandwerkerschaft ab Juli eine Veränderung für uns alle.“ Jürgen Haßler habe über 45 Jahre der Institution ein Gesicht gegeben und deutliche Akzente in der Region und über ihre Grenzen hinaus sowie im regen Austausch zwischen Geschäftsführung und Ehrenamt gesetzt. Und dafür gebühre ihm allem voran ein großer Dank und eine besondere Anerkennung. vg

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