WEIDENAU: Die Haardter Kirche hat ihren Besuchern viele spannende und atemberaubende Geschichten aus erloschenen Epochen zu erzählen

Als könnte man alte Schmiedehämmer hören


30.12.2020

Wer die mächtigen und lichtdurchfluteten Räume der altehrwürdigen evangelischen Haardter Kirche betritt, der fühlt sich sogleich in die Epoche des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Schon glaubt man beim Blick aus den hohen Fenstern des Gotteshauses in die umliegende Umgebung wieder die rauchenden Schornsteine der vielen Bergbau- und Stahlbetriebe zu bestaunen, die hier einst die Umgebung prägten. Und es ist fast so, als könne man die immer wiederkehrenden lauten Schläge der schweren Schmiedehämmer, das vertraute Knarren der hölzernen Fuhrwerke und das Dröhnen und Schnaufen der gewaltigen Dampflokomotiven hören, die die Erde seinerzeit erzittern ließen. „Dieses Gotteshaus ist wahrhaft ein Denkmal seiner Zeit“, sagt auch Pfarrer Martin Eerenstein von der evangelischen Kirchengemeinde Weidenau. „Als man dieses Haus 1883 hier an Ort und Stelle baute, ging es den Menschen, die hier lebten, gut. Das Bergbau- und Hüttenwesen florierte. Und das spiegelt sich auch in den hohen Mauern der Haardter Kirche wider. Denn sie galt seinerzeit als größtes Gotteshaus der Umgebung. Alles in ihr ist auf Größe ausgelegt und vermittelt Eindruck. Aber es ist eben auch ein Gotteshaus, das in erster Linie von seiner Akustik bestimmt wird. Hier soll das Wort Gottes überall gut zu hören sein, wo immer man sich auch befindet. Und diesem Leitsatz folgt auch die gesamte bauliche Konstruktion mit ihren hohen Räumen und den Gewölben, den etwa 1030 Sitzplätzen und dem 61 Meter hohen Turm“, erklärt der Geistliche.

Und wirklich: jedes gesprochene Wort sucht sich als Hall seinen Weg durch die hohen, eindrucksvollen Räumlichkeiten und klingt durch die vielen übersichtlich angeordneten Sitzreihen sowie die mit verzierten Holzkonstruktionen bestückte Empore und den beiden über dem Chorraum sich gegenüberliegenden logeähnlichen Räumen. „Diese Kirche erlebte die blühenden Tage einer sehr agilen Industriegemeinde Ende des 19. Jahrhunderts, deren Engagement im Wirken eines Pfarrers Hermann Reuter seinen Anfang nahm“, erinnert Martin Eerenstein. „Ihm zu Ehren ist auch ein Denkmal hinter der Kirche errichtet worden.“ Hermann Reuter gründete seinerzeit manche Vereine für hilfebedürftige Gemeindeglieder und band so viele Menschen an das Gotteshaus, in dem so zahlreiche Gottesdienste gefeiert, Lieder gesungen und Sakramente wachgehalten wurden. So viele Menschen unterschiedlichster Generationen fanden hier im Namen Gottes zusammen und lobten sein Tun. „Natürlich ist die Haardter Kirche auch ein Ausdruck ihrer monarchisch geprägten Zeit“, gibt Martin Eerenstein zu bedenken. „Sie ist ein großes Bauwerk, aber auch ein sicherer und guter Treffpunkt für die Menschen.“ Dabei stelle dieses evangelisch-reformierte Gotteshaus durchaus eine Besonderheit dar: „Denn auch, wenn die Sitzreihen nicht im Kreis angeordnet sind, sondern frontal, so vermittelt die Akustik alleine den Eindruck, dass man sich als Gemeinde zusammen mit dem Pfarrer im Worte Gottes versammelt. – Diesen Eindruck gewann man auch selbst als Geistlicher immer wieder aufs Neue. Ich erinnere mich auch noch an die Tage, als selbst die alte Kanzel noch in Gebrauch war. Wenn man von ihr aus in einer komplett vollen Kirche predigte, entstand eine ganz besondere Atmosphäre“, so Martin Eerenstein.

Durch die Jahrzehnte hindurch wurde die Haardter Kirche auch von Zeit zu Zeit renoviert. So musste 1930 beispielsweise eine Erneuerung des gesamten Innenanstrichs vorgenommen werden, wobei auch die alten Inschriften beseitigt wurden, die sich an den Kirchwänden befanden. „Überhaupt war das ganze Kirchengebäude seinerzeit von innen komplett bemalt. So war einst in dem großen Deckengewölbe über dem Chorraum ein blaues Himmelszelt mit leuchtenden Sternen zu sehen, und über die übrigen Deckenwände erstreckten sich wilde Reben. Aber das wich alles den Renovierunsgarbeiten der 1930er Jahre.“

Auch die dunklen Jahrzehnte der Geschichte durchstand das Gotteshaus in Würde. „Im Zweiten Weltkrieg wurde die Haardter Kirche zwar von keiner einzigen Bombe getroffen, aber durch den Luftdruck in der Nähe niedergegangener Bomben und durch Artilleriefeuer schwer beschädigt.“ Noch heute kündet der als Bunker eingerichtete Kellerraum der Kirche von jenen grauenvollen Tagen. „Hier haben sich seinerzeit Menschen vor den Angriffen in Sicherheit gebracht und überlebt“, so Martin Eerenstein. „Eine alte Pritsche aus jenen Tagen, die noch immer in dem kargen Raum unter der Erde steht, weist auf diese beschwerliche Zeit voller Angst und Bangen hin.“

Nach und nach konnte das ramponierte Gotteshaus von einigen Gemeindegliedern behelfsmäßig und unter viel Mühe wieder hergerichtet werden. „Dabei hat man beispielsweise auch notdürftig und mit dem gefundenen Blei der Trümmerhäuser die Butzenglas-Scheiben in die zerstörten Fenster wieder eingelassen.“ 1947 erklang dann das Viergeläut der neuen Stahlglocken zum ersten Mal wieder. Im selben Jahr konnte die erneuerte Orgel in Betrieb genommen werden. In den 50er Jahren und später auch in den 70er Jahren fanden dann weitere Renovierungs- und Umbaumaßnhamen an Ort und Stelle statt.

Seither besitzt unsere Kirche auch einen hellen und freundlichen Anstrich im Inneren und neue Beleuchtungskörper, die für eine zusätzliche angenehme Helligkeit sorgen“, so Martin Eerenstein. Und noch eine weitere Besonderheit konnte bei diesen Renovierungsarbeiten verwirklicht werden: „Wer einen genauen Blick auf die Kirchfenster wagt, dem fällt auf, dass dort, in dem Fensterglas, neben der Farbe Rot und manchen Verzierungen auch Textstellen auftauchen, wenn sich das Tageslicht vielfach in dem Glas bricht“, so der Pfarrer. „Diese Psalm-Texte aus der Luther-Bibel sind aber von dem Künstler Michael Münzer seinerzeit ganz bewusst als Fragmente auf das Glas gezaubert worden. Man soll als Betrachter eben zum Nachdenken angeregt werden. Das Wort Gottes erscheint uns Menschen nämlich auch nicht vollständig. Wir verstehen immer nur einen Teil von ihm. Vieles ist symbolisch, vieles enthält Fragen und Leerstellen. Und so ist es auch mit den Text-Fragmenten in unseren Kirchfenstern. Das Licht scheint durch sie hindurch, macht sie zwar sichtbar, bringt sie den Menschen nah, aber eben immer nur als Teil.“

2004 konnte schließlich der Innenraum der Haardter Kirche von der Architektin Susanne Hofmann-Stein umgestaltet werden. Dabei wurde beispielsweise der Chorraum vergrößert und die Technik auf den neuesten Stand gebracht. „Gerade auch in den Abendstunden herrscht hier in diesem Gotteshaus eine ganz besondere Stimmung“, schwärmt Pfarrer Martin Eerenstein. „Wenn das Abendlicht durch die Fenster Bilder an die Wände wirft und man die Ruhe spüren kann, die das Ende des geschäftigen Alltags mit sich bringt, ist das immer wieder aufs Neue ein besonderes Erlebnis.“ Dem aufmerksamen Betrachter fällt zudem auf, dass in einem Fenster ein Psalm-Text in Suhaeli aufgetragen ist. „Dies ist ein wunderbarer Hinweis auf unsere Freundschaft und Partnerschaft mit der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Tumbi in Tansania“, bemerkt Martin Eerenstein. Seit 1980 bestehe diese gute Verbindung, die voll und ganz darauf abziele, sich auf Augenhöhe zu begegnen und einander über die Jahre hinweg immer mehr und besser kennenzulernen. „Aus dieser Freundschaft stammen übrigens auch die beiden schlanken Kerzenständer, die seit vielen Jahren auf unserem Altar stehen und uns von unseren Partnern aus Tansania zum Geschenk gemacht wurden, und dazu zählt auch ein großes Tuch an einer Wand im Seitenschiff der Kirche, das afrikanische Motive zeigt.“ In diesem Jahr besteht die Partnerschaft seit nunmehr 40 Jahren.
   

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