FRIESENHAGEN: Dramatische Geschichten und abenteuerliche Erzählungen schwingen in den Figuren, Darstellungen und Bildnissen der katholischen St.-Sebastianus-Kirche mit

Zwischen Rittern, Schädeln und Heiligen


30.12.2020

Für Augenblicke hält man den Atem an, wenn man die katholische St.-Sebastianus-Kirche in Friesenhagen betritt. Denn kaum hat man die Flügeltüre passiert, sieht man sich von einem wahren Prunk umgeben und wandelt sinnestrunken durch die ehrwürdigen riesigen und gebogenen Gewölbe, in denen sich die unterschiedlichsten Baukünste der vergangenen Jahrhunderte zu einem eindrucksvollen Gesamtbild hochstilisieren. Uralte Heilige thronen aus Holz und Stein hoch oben an den getünchten Wänden und versprechen eine ungewöhnliche und überweltliche Nähe in Gedanken. Überall blitzen hier und da Symbole des Lebens und der Vergänglichkeit auf. So schleichen grinsende Skelette mit dem Stundenglas in der Hand über Wände. Engel mit heiligem Ernst ruhen an zahnlosen Totenschädeln, ritterhafte Helden aus Stein werden von trotzig dreinblickenden, pausbäckigen Putten umschwärmt. Gewaltige Topfhelme und ausgestaltete Wappen mit Fahnenschmuck, Schwertern und Schilden künden von einer sehr bewegten und gnadenlosen Zeit, in der das Leben der Menschen von Waffengewalt und Folter, von lodernder Feuersbrunst und heimtückischer Pest bedroht und gezeichnet wurde.

Aber es gibt auch die sehr sanften und meditativen Augenblicke, zu denen das große und prunkvolle Gotteshaus den Besucher einlädt. So kann man in einem versteckten, lichtverlorenen Erker vor dem Bild der trauernden Mutter Gottes mit dem Leichnam ihres Sohnes Jesus Christus in ihren Armen ein Licht entzünden und sich in den Schatten einer Nische niederlassen, um sich im stillen Gebet dem Himmel und seinen Kräften anzuvertrauen. In den alten geschwungenen Sitzbänken vor dem Hochaltar gelingt ebenso die ganz bewusste Gedankennähe zu Gott und den wetternden Heerscharen des Himmels. Denn überall winkt dem Betenden hier Hoffnung zu, sei es in der Darstellung der stolzen Himmelskönigin Maria im Zentrum des uralten barocken Hochaltars, die mit fast kämpferischem Ausdruck im Gesicht Hilfe und Verständnis für die Bitten und Klagen verspricht, die man mit sich bringt und die mit ihrem Fuß den Satan in Gestalt eines zappelnden, zähnefletschenden Lindwurms zerdrückt. Begleitet wird die Gottesmutter dabei von dem Schutzpatron des Gotteshauses, dem heiligen Sebastianus.

Immer wieder treten wundersame Geschichten und Helden der Heiligen Schrift bilderreich in Erscheinung, sprechen zu den Gottesdienstbesuchern in den vielen Symbolen, den Malereien, den Figuren und dem eindrucksvoll schimmernden Gold, dass man beglückt ist, hier und da und dort immer wieder Neues zu entdecken. „Ich denke, das ist es, was unsere Kirche so besonders macht, dass sich hier eben ganz viele verschiedene Epochen einander auf wundersame Weise begegnen und auf ihre Art und Weise das Wort Gottes und die Hoffnung darauf den Menschen näherbringen”, sagt auch Pfarrer Tobias Zöller. „Die erste Kirche in Friesenhagen ist im Jahr 1131 urkundlich erwähnt und hat sich an eben dieser Stelle hier befunden. Dieses Gotteshaus war der Zeit entsprechend in romanischem Stil erbaut und in ihrem ganzen Äußeren aller Wahrscheinlichkeit nach der Morsbacher Pfarrkirche sehr ähnlich.“ Von dieser ursprünglichen Friesenhagener Kirche blieben bis heute der Turm und ein paar Mauerreste im vorderen Bereich des Gebäudes erhalten. „Es wird vermutet, dass um 1500 an gleicher Stelle eine gotische Kirche unter Beibehaltung des romanischen Turms errichtet wurde“, so der Geistliche. „Aus dieser Zeit stammt schließlich auch der Chor mit dem gotischen Sterngewölbe.“

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Kirche erstmals vom Zerfall bedroht und für die Bevölkerung auch zu klein geworden. „So begann man 1740 mit dem Bau der Barockkirche“, erklärt Pfarrer Tobias Zöller. „Der romanische Turm wurde alsbald in den Kirchenraum miteinbezogen, die Kirche insgesamt verbreitert. Der gotische Chor blieb dabei komplett erhalten.“ Schließlich gelang es auch, die neben der Kirche befindliche Dörnbachs-Kapelle dem Gotteshaus hin zu öffnen. „Aus Gründen der Symmetrie baute man dann auf der rechten Seite eine zweite Seitenkapelle an.“ Jedoch konnte sich die Bevölkerung nur eine relativ kurze Zeit an dieser umgebauten Kirche erfreuen. Denn 1751 brannte sie leider bis auf die Außenmauern, den unteren Teil des Turms und den Chor nieder. „Der 1669 vom Bildhauer Peter Sasse aus Attendorn geschaffene Hochaltar aber blieb glücklicherweise erhalten“, so Tobias Zöller.

Nun mussten die Friesenhagener erneut innerhalb eines Jahrzehnts mit harter Arbeit und mit dem Einsatz hoher Kosten ihre Kirche neu errichten. „Der Turm wurde nun um 20 Fuß erhöht und erhielt eine geschweifte, viereckige, barocke Haube, die von einer Zwiebel gekrönt ist“, heißt es auch in dem von der katholischen Kirchengemeinde St. Sebastianus herausgegebenen Schrift „St. Sebastianus – Wildenbuger Land“ (erschienen im Verlag Vorländer Siegen, Redaktion und Fotos: Horst G. Koch). 1755 wurden auch ganz in der Nähe der Kirche drei neue Glocken gegossen, da ihre Vorgänger beim Brand vernichtet worden waren. Diese Glocken wiederum überdauerten auch die beiden Kriege – ein Glücksfall, der nicht vielen bronzenen Tonkörpern jener Tage zuteil werden konnte. Ihre letzte große Renovierung erfuhr die katholische Kirche St. Sebastianus in den Jahren 1974 bis ’78. „Dach, Decke und Orgelempore mussten wegen Befalls mit Holzschwamm abgetragen und erneuert werden“, erinnert ein Text aus dem Kirchführer der Gemeinde. „Ohnehin hat auch diese Kirche immer wieder kleinere Veränderungen über sich ergehen lassen müssen. Zum einen durch Anbauten, durch Erneuerungen nach den Feuersbrünsten oder im Zuge von Renovierungsarbeiten“, so Pfarrer Tobias Zöller.

Die Geschichte rund um die katholische St.-Sebastianus-Kirche von Friesenhagen ist seit Anbeginn eine sehr bewegte. Das lag wohl nicht zuletzt an dem Ort, wo sie ihre Grundmauern fand: dem Wildenburger Land, jenem Gebiet, das seit Jahrhunderten im Grenzwald liegt, der einst die Sachsen und Franken voneinander trennte, bis Karl der Große sie um 800 in seinem Reich vereinte. „Als danach die kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Dynastien und Volksstämmen abflauten, wurde das Wildenburger Land allmählich besiedelt“, so der Kirchenführer.

Viele Jahrzehnte hindurch blieb Friesenhagen dem Stift St. Cassius und Florentinus zugehörig, bis nach Mitte des 16. Jahrhunderts die Hatzfeldter Landesherren den lutherischen Glauben einführten. „Damals regierten insgesamt drei Linien des Hauses Hatzfeldt gemeinsam das Wildenburger Land. Sebastian von Hatzfeldt war evangelisch geworden und wollte die neue Lehre in Friesenhagen einführen. Es war für ihn aber zunächst schwierig, die verwandten Mitregenten für einen Glaubenswechsel zu bewegen“, heißt es. „Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kehrte Sebastian dann zum katholischen Glauben zurück.“ Diesmal aber scheiterte sein Bestreben, das Wildenburger Land völlig zum katholischen Glauben zurückzuführen, am Widerstand seiner Verwandten. „Einen weiteren Versuch, den katholischen Glauben durchzusetzen, unternahm daraufhin Sebastians Sohn Hermann. Er rief 1636 Franziskanermönche aus Limburg nach Friesenhagen.“ Zudem setzte er in Abwesenheit der Familie einen eingesetzten evangelischen Pfarrer so unter Druck, dass dieser das Land verließ. „Doch die Bewohner waren mittlerweile durch den ständigen Glaubenswechsel religiös total verwirrt“, heißt es in der Schrift der Kirchengemeinde. „In dieser verworrenen Zeit wandten sich die Menschen nahezu überall in Deutschland dem Aberglauben zu. Und so wurden diese Wirren eine der entscheidenden Ursachen für den unmenschlichen Hexenwahn. Dieser forderte gerade auch im Wildenburger Land in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts über 200 unschuldige Opfer.“ Schnell waren Schuldige gefunden, die man für Missernte, Unglück und jegliche Not verantwortlich machen konnte und die wohl mit dem Teufel im Bunde waren. „Die des ,schändlichen Teufelslasters’ Beschuldigten wurden auf der Wildenburg eingekerkert und sofern sie sich nicht ,gütlich’ schuldig bekannten, ,peinlich’ verhört, bis sie die Folterungen nicht mehr ertragen konnten und ihre ‚Schuld‘ zugaben.“ Anschließend brachte man sie zum „Lindgen auf dem Blumenberg“ vom Leben zum Tode, die meisten von ihnen durch Verbrennen bei lebendigem Leibe.

Alle diese bewegten Zeiten finden in den Gewölben und Mauern der altehrwürdigen Kirche ihren Ausdruck. So treten beispielsweise in der Grafenkammer, einem vollständig erhaltenen Refugium für Ruhe, Andacht und Einkehr Graf Sebastian von Hatzfeldt und seine Gemahlin Lucia von Sickingen lebensgroß und aus Stein gehauen aus dem Dunkel des Raumes hervor. „Zu weiteren teueren Schätzen unserer Kirche gehört aber zweifelsohne auch die Wildenburger Madonna, eine riesige Figur aus Sandstein, die Wohl aus der Zeit um 1500 stammt“, so Pfarrer Tobias Zöller. Gleich im Chorraum tritt die eindrucksvolle Gestalt der Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem Arm und langem edlen Haar wie eine verklärte Erscheinung auf den Plan. Ihr sanfter Ausdruck im Gesicht und ihr Blick voller Weisheit und Liebe versprechen Zuversicht.
   

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