SIEGEN: Die evangelische Martinikirche hält in ihren historischen Mauern zum Teil ungeheure Geheimnisse und abenteuerliche Geschichten bereit

Auf ganz besondere Weise Besinnung finden


30.12.2020

Mit ihren vielen Erkern und Vorsprüngen strahlt die evangelische Martinikirche Siegen unweit der hohen alten Stadtmauer aus fernen Zeiten etwas Geheimnisvolles, etwas Tiefgründiges, etwas Überirdisches aus, dass man sich sogleich von dieser unbestimmten Empfindung, die sie in dem Betrachter wachruft, angezogen fühlt, und schließlich näher herankommt und zu staunen beginnt. „Dieses Gotteshaus ist wirklich etwas ganz Besonderes“, bestätigt auch Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng von der evangelischen Martini-Kirchengemeinde Siegen. „Das liegt wohl in erster Linie daran, dass wir es hier mit der ältesten Kirche Siegens zu tun haben.“ „Nach heutigem Kenntnisstand wird man von einer rund tausendjährigen Geschichte ausgehen müssen. Dabei fehlen schriftliche Nachrichten aus der frühen Zeit vollständig“, heißt es auch in dem von der Martini-Kirchengemeinde herausgegebenen Schrift „Die Martinikrche Siegen“ aus dem Jahr 1999. Dieses Gotteshaus und sein Standort tragen also einige wundersame und geheimnisvolle Geschichten in sich, die die Menschen seit Jahrzehnten bereits fasziniert und motiviert haben, ihnen näher auf den Grund zu gehen und Antworten auf Fragen zu erhalten. Gelegenheit dazu ergab sich nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Gotteshauses nach den starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. „Der damalige Pastor Walter Thiemann hat dabei diese Kirche zusammen mit jugendlichen Helfern gründlich erforscht und überraschende, ja, zum Teil sensationelle Ergebnisse zu Tage gefördert“, erinnert Ute Waffenschmidt-Leng. Eine dieser ungeheuerlichen Entdeckungen wurde bei ausgiebigen Grabungen im Boden der Kirche angestellt. „So fanden Pastor Thiemann und seine Mitstreiter genau 92 Zentimeter unter dem heutigen schweren Boden im nördlichen Seitenschiff einen uralten Plattenboden“, so die Pfarrerin. „Dieser besteht aus schwarzen und roten Fliesen in unterschiedlichsten geometrischen Formen, die man einst in regelmäßigen Mustern an Ort und Stelle verlegte.“ Heute noch kann man den besonderen Fund durch eine Glasplatte bestaunen, die in den darüberliegenen Bodenplatten eingelassen wurde und so Geschichte auf faszinierende Art und Weise lebendig hält. Durch das schimmernde Glas hindurch lässt sich feststellen, dass der uralte Steinschmuck aus einer großen Rosette aus fünf Ringen mit einem kunstvoll angelegten Kreuz in der Mitte besteht. „Darüber hinaus hat der ältere Boden eine deutlich von der heutigen Kirche abweichende Ausrichtung“, heißt es auch im Kirchenführer zum Gotteshaus. Das in der Tiefe glänzende Mosaik sei in jedem Fall noch älter als der früheste Bau einer Kirche, auf dessen Grundriss das heutige Gebäude seinen Platz findet. „Dieser Boden wurde, wie Gebrauchsspuren zeigen, längere Zeit begangen. Das zu ihm gehörende Gebäude wurde also längere Zeit genutzt.“ Was aber sehen wir hier? „Die Ornamentik, der Sonnenkreis mit dem Kreuz, deuten in jedem Fall auf einen ursprünglich sakralen Raum hin“, erklärt Pfarrerin Waffenschmidt-Leng. „Zu sehen ist der Himmel, das Universum und in dessen Zentrum die Lehre Jesu Christi, der Verweis auf sein Leben und Wirken und sein Ende am Kreuz.“ Was sich letztlich hier einst für ein Gebäude befunden haben muss, bleibt bis heute reine Spekulation. „Man könnte aber annehmen, dass hier eine Art Burgkapelle gestanden haben kann“, so die Pfarrerin. In jedem Fall sei der komplette Bergsporn, auf dem sich heute die Martinikirche befindet, ein geradezu idealer Standort für eine Wehranlage zur Sicherung der Furt durch die in unmittelbarer Nähe verlaufende Sieg. „In karolingischer Zeit könnte es erforderlich gewesen sein, nicht nur diese Furt an einem Weg vom Kölner zum Fuldaer Raum zu sichern, sondern auch eine Verteidigung gegenüber den feindlichen Sachsen aufzubauen“, mutmaßt auch die Schrift zur Kirche. „Nicht umsonst war das Siegerland damals Grenzmark gegenüber den nördlich der heutigen Kreisgrenze, dem ,Kölschen Heck’ siedelnden Sachsen. Eine fränkische Burg oder ein befestigter Hof auf dem Bergsporn sind also gut vorstellbar.“

Die allererste Martinikirche wiederum wurde hier, an Ort und Stelle, über dem uralten Mosaik aus vergangenen Zeiten im 11. Jahrhundert errichtet. „Das Bauwerk muss seinerzeit noch weitaus großartiger gewesen sein als das heutige“, so Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng. Auch einzelne Bauteile dieser allerersten Martinikirche sind noch in den Gemäuern des heutigen Gebäudes überall zu finden. Bei aufwendigen Renovierungsarbeiten wurden diese faszinierenden Überreste aus der Geschichte in Säulen und Mauerabschnitten freigelegt und mit Scheinwerfern in Szene gesetzt. Die erste Martinikirche muss demnach eine fünftürmige, romanische Basilika gewesen sein. „Das mächtige Westwerk bestand dabei aus einem quadratischen Mittelturm und zwei seitlichen runden Treppentürmen, von denen der nördliche noch heute erhalten ist. Der hohe Chor wiederum wurde von zwei quadratischen Türmen flankiert und schloss mit einer halbrunden Apsis ab“, heißt es im Kirchenführer weiter. Dieses gewaltige Gebäude muss seinerzeit schon großen Eindruck auf die Menschen gemacht haben, überragte es doch die relative überschaubare Siedlung jener Tage, aus der später einmal Siegen erwuchs, mit edler und starker Präsenz und war mit ihrer Wehrhaftigkeit vielleicht oft genug Zufluchtsstätte der Bewohner.

Diese großartige, romanische Kirche wurde möglicherweise zu Beginn des 12. Jahrhunderts mit großer Gewalt zerstört“, mutmaßt die Forschung weiter. „Jedenfalls fielen die Türme bis auf den heute noch erhaltenen nördlichen Treppenturm der Vernichtung zum Opfer oder wurden später abgetragen.“ Ähnlich muss es dem kompletten Kirchschiff ergangen sein.

Um 1230, gleichzeitig mit der Erbauung der Stadt Siegen auf dem Siegberg, konnte die zerstörte Martinikirche wieder aufgerichtet werden. „So wurde sie zur Pfarrkirche der neu gegründeten Stadt, obgleich sie außerhalb deren Stadtmauern lag“, sagt Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng. „Die Stadtmauer verlief zur damaligen Zeit vom später erbauten Dicken Turm bis etwa zum Löhrtor. Und vor dieser Mauer war die Martinikirche von einem großen Gräberfeld umgeben“, beschreibt auch der Kirchenführer das Bild vergangener Tage. Gegenüber der Vorgängerkirche aus dem 11. Jahrhundert fügte sich dieses neue Gebäude nun mit einem bescheideneren Äußeren in seine Umgebung ein. „Von den ehemals fünf Türmen blieb als einziger der nördliche Treppenturm erhalten.“ Was man bis heute nicht klären kann, ist die Frage, wann daraufhin der Umbau zu einer gotischen Hallenkirche erfolgte, unmittelbar mit der Gründung der Stadt Siegen oder später, im 16. Jahrhundert. Feststeht, dass das 16. Jahrhundert erhebliche Veränderungen mit sich brachte: „So wurde bald die Stadtmauer Siegens erweitert und der Felssporn, auf dem die Kirche steht, in die neue Mauer miteinbezogen.“ Auch architektonisch stellten sich Veränderungen am Bauwerk des Gotteshauses ein. „An der vorspringenden Ecke zwischen Kölner Tor und Obergraben wurde 1506 ein Bollwerk errichtet, dieses und die Mauer konnten dabei bis auf das Niveau der Kirche hochgezogen werden. Der Begräbnisplatz wiederum musste in diesem Bereich aufgefüllt und erheblich verändert werden, sodass eine neue Weihe erforderlich schien, die dann auch 1507 erfolgte.“

„In diesen Tagen, so nimmt man an, nahm die Martinikirche allmählich von innen her ihre heutige Gestalt an“, so Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng. Das Zeitalter der Reformation zog weitere inhaltliche Veränderungen und Umbrüche nach sich. „Bald verlor die Martinikirche ihre Stellung als Pfarr- und Hauptkirche Siegens und gab diese an die 1230 erbaute Nikolaikirche ab“, so die Geistliche. Leider verlor das Gotteshaus durch die Jahrhunderte hindurch immer mehr an Bedeutung. Bald wuchsen neben ihr die Mauern des Unteren Schlosses in die Höhe, bald, im 18. Jahrhundert diente sie nur noch als Toten- und Begräbniskirche. „Auch der bauliche Zustand muss sich in jener Zeit immer mehr verschlechtert haben“, so Ute Waffenschmidt-Leng. „Hier haben wir es der glücklichen Fügung zu verdanken, dass mit einem Mal der Siegener Kaufmann Johann Philipp Schuß auf den Plan trat und der 1807 reformierten Gemeinde insgesamt 6000 Taler zur Wiederherstellung des Gotteshauses zur Verfügung stellte. Er ermöglichte mit dieser großzügigen Spende, dass die Kirche uns bis auf den heutigen Tag in ihrer anmutigen Gestalt und Größe erhalten bleiben konnte.“ Leider hat Johann Philipp Schuß den eigentlichen Wiederaufbau der verfallenen Mauern 1833 nicht mehr selbst miterleben können. Eine Wiedereinweihung erfolgte dann am 17. Juni 1838. Die nächste Zerstörung kam dann mit den Wirren des Zweiten Weltkrieges über die Martinikirche, als am 16. Dezember 1944 die Siegener Altstadt und die Mauern der Kirche in Schutt und Asche versanken. Aber der Wiederaufbau erfolgte diesmal sehr schnell. Letzte nennenswerte Renovierungen der Innenräume und des Kirchhofs erfolgten daraufhin in den Jahren 1990/91.

Welche Geheimnisse aber wissen das Gottehaus und seine unmittelbare Umgebung noch zu erzählen? „Es gibt noch so Einiges, was rund um die Martinikirche ganz erstaunlich ist“, betont Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng. „So muss man sich einmal vorstellen, dass der alte Kirchhof hier 1000 Jahre oder länger als Begräbnisstätte gedient hat. Eine Schätzung besagt, dass in dieser Zeit etwa 60 000 Menschen hier ihre letzte Ruhe fanden.“

Eine uralte dunkle Glocke aus Stahl wiederum zieht die Blicke rechts neben dem Altar auf sich. „Sie ist eine der beiden Glocken, die hier über 450 Jahre lang seit 1491 ihren Dienst verrichteten“, so die Pfarrerin. „Im Zweiten Weltkrieg fiel diese Glocke hier aus dem Glockenstuhl und trug dabei einen Sprung davon, der sie unbraucbar machte. Heute steht sie daher als deutliche und symbolische Mahnung vor kriegerischen Tagen für jeden sichtbar und anklagend neben der Kanzel.“

Und neben weiteren Besonderheiten und spannenden Geschichten fällt dem Besucher der Martinikirche noch ein weiteres wertvolles kunstvoll geschaffenes Objekt ins Auge: der große und bauchige romanische Taufstein aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. „Dieser Taufstein gehörte einst zur Ausstattung der zweiten Martinkirche, wurde irgendwann aber aus dem Inneren ihrer Mauern entfernt und stand daher lange Zeit im Hof des Oberen Schlosses unter freiem Himmel“, so Pfarrerin Ute Waffenschmidt-Leng.
   

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