Bleiben die Krankheitssymptome länger als vier Wochen, sprechen Mediziner von Long-COVID

Der Test ist negativ – aber die Beschwerden sind weiterhin da


29.08.2022
Korian Karriere

Seit zweieinhalb Jahren hält uns das neue Coronavirus SARS-CoV2 in Atem. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat statistisch eine Infektion hinter sich. In vielen Fällen geht diese recht glimpflich ab: leichte Erkältungserscheinungen, vielleicht mit ein bisschen Fieber und Abgeschlagenheit. Nach einer guten Woche sind die Beschwerden wieder verschwunden. Glücklicherweise erleben die allermeisten Infizierten allenfalls einen solchen leichten Verlauf.

Schwere Krankheitsverläufe kommen immer noch vor

Die Virusinfektion kann aber auch zu dramatischen Krankheitszuständen führen. Zahlreiche Organe können in Mitleidenschaft gezogen werden: Der Gasaustausch in der Lunge kann nachhaltig gestört werden. Der Mensch kann dabei lebensgefährlich erkranken und muss auf der Intensivstation behandelt werden. Die dortige Therapie haben die Lungenspezialisten und Intensivmediziner in den vergangenen Monaten erheblich verbessern können – viele Menschen überleben auch diese schwierige Zeit. Neue Medikamente und optimierte Beatmungstechniken tragen dazu bei. Aber auch die Nieren, das Herz oder die Darmfunktion können beeinträchtigt werden. Besonders über das Riechsystem gelangt das Virus in das Gehirn. Der vorübergehende Verlust des Geruchssinns ist ein Symptom, das viele Betroffene erleben. Aber es können auch Schlaganfälle oder schwere Entzündungen des Nervensystems auftreten.

Die aktuellen Virusvarianten und die Tatsache, dass viele Menschen den Impfaufrufen gefolgt sind, haben die Häufigkeit dieser schweren Krankheitsverläufe in den vergangenen Monaten erfreulich reduziert.


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DR. MED. DIETMAR SCHÄFER

Ärztlicher Direktor und Chefarzt Neurologie, VAMED Rehaklinik Bad Berleburg GmbH


Die Erholung von einem so schweren Verlauf braucht Zeit. Von der Intensivbehandlung entkräftet oder durch schlaganfallähnliche Beschwerden gezeichnet, müssen sich die Betroffenen unterstützt durch rehabilitative Behandlungen in Kliniken oder ambulanten Einrichtungen ihre Selbstständigkeit mühsam wieder erarbeiten. Die Ursachen der Beeinträchtigungen lassen sich durch technische Untersuchungen bestätigen. Dauern die Krankheitssymptome länger als vier Wochen an, bezeichnen Mediziner diese Krankheit als Long-COVID.

Patienten sprechen von einem Nebel im Kopf

Bleierne Schwere in den Gliedern, Schmerzen und Nebel im Kopf sind Symptome, die viele Menschen nach einer scheinbar leichten Coronainfektion beklagen. Obwohl der Test längst negativ ist und die üblichen medizinischen Untersuchungen keine Auffälligkeiten an den Organen zeigen, kehrt die Leistungsfähigkeit nicht wieder zurück. Bei den ersten Virusvarianten ging man davon aus, dass bis zu 10 Prozent der Infizierten noch über vier Wochen solche Beschwerden hatten. Bei der aktuellen Omicron-Variante hat sich die Zahl dieser Langzeitkranken verringert – neue Studien sprechen von 4 bis 5 Prozent der Fälle, die solche Folgen haben. Dauert der Erschöpfungszustand über 12 Wochen an, sprechen die Ärzte vom Post-COVID-Syndrom.

Die meisten Betroffenen beklagen eine sehr schnell und für sie ungewöhnlich starke Erschöpfung schon nach leichter körperlicher oder geistiger Anstrengung. Nach einem kleinen Spaziergang fühlen sich die Menschen wie nach einem Marathonlauf. Sie sind völlig ausgelaugt. Kommt es zu mehreren kleinen körperlichen Anstrengungen scheinen Kraft und Ausdauer noch schneller zu verschwinden. Auch der Kopf ist betroffen: Am Ende der Buchseite kann man sich an den Anfang nicht mehr recht erinnern. Das Schauen eines Krimis im Fernsehen wird zu einer großen Enttäuschung, da Konzentration und Erinnerungsvermögen nicht ausreichen, um die Handlung zu verstehen. Von einem „Nebel im Kopf“ sprechen die Patienten. Einfachste Dinge im Alltag funktionieren einfach nicht mehr. An eine Rückkehr in den Beruf ist nicht zu denken, manchmal steht sogar die Selbstversorgung in Frage.

Das typische Alter der Betroffenen ist zwischen 30 und 50 Jahren

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Manchmal kommen noch eine Atemnot und Husten bei Bewegung oder diffuse Schmerzen in den Gliedern, den Muskeln oder im Kopf hinzu. Auch Schlafprobleme, Schwindel, Herzrasen oder kribbelnde Missempfindungen in Haut werden beklagt.

Man kann nicht vorhersehen, wer unter solchen Gesundheitsstörungen leiden wird. Es sind häufiger Frauen betroffen. Das typische Alter ist zwischen 30 und 50 Jahren.

Obwohl bereits im Mai 2020 diese Folgen der Infektion erstmals beschrieben wurden, ist bis jetzt noch nicht eindeutig geklärt, welche Ursachen die Probleme haben. Anhaltende Entzündungsreaktionen, veränderte Immunreaktionen des Körpers, Sauerstoffmangel des Gewebes aber auch eine Verschlimmerung vorstehender körperlicher oder seelischer Krankheiten oder psychische Ursachen werden diskutiert. Da sehr viele Menschen von der Krankheit betroffen sind, wird sehr intensiv daran geforscht. Bis Juli 2022 wurden weltweit bereits über 17.000 medizinische Studien veröffentlicht, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die wesentliche Ursache und ein effektives Therapiekonzept wurden dabei noch nicht gefunden.

Bessern sich die Beschwerden nicht in den ersten vier Wochen, ist zunächst der Hausarzt der erste Ansprechpartner auf der Suche nach Ursachen und Behandlung. Aber in einigen Fällen ergeben diese Untersuchungen keinerlei Erklärung. Wenn auch Fachärzte nicht weiterhelfen können, kann eine Abklärung in einer der fast 100 Long-COVID-Ambulanzen in ganz Deutschland unterstützen. Dort sind die Ärzte auf dem aktuellsten Wissensstand. Ziel ist dabei auch die Abgrenzung und Therapieeinleitung von bekannten behandelbaren Krankheiten. Neue Behandlungserfahrungen werden zumeist dort zuerst umgesetzt.

Viel Geduld ist erforderlich

In den meisten Fällen bessert sich der Gesundheitszustand der Betroffenen über viele Wochen langsam. Viel Geduld ist notwendig, um wieder am Leben wie gewohnt teilnehmen zu können. Geht es sehr langsam oder sind gar der Beruf oder das selbstbestimmte Leben in Gefahr, kann eine Rehabilitation helfen. Alle großen Rehabilitationträger – die Deutsche Rentenversicherung, die Krankenversicherung oder die Unfallversicherungen – haben die Notwendigkeit einer solchen Behandlung erkannt und bewilligen solche Maßnahmen. Den Antrag dazu muss ein Arzt stellen. Dabei ist es bedeutsam, die wichtigsten Beschwerden klar zu beschreiben. Zahlreiche Rehabilitationseinrichtungen haben spezielle Post-COVIDRehaprogramme entwickelt. Steht die Atmungsproblematik im Vordergrund, ist der Betroffene in einer Lungenrehaklinik am besten aufgehoben, sind es körperliche Fitnessprobleme, kann die kardiologisch-internistische Rehaklinik die richtige Einrichtung sein. Ist auch die geistige Leistungsfähigkeit problematisch, sollte der Weg in die neurologische Rehaklinik führen. Bei psychischen Schwierigkeiten stehen spezialisierte psychosomatische Rehakliniken zur Verfügung.

In der Rehabilitation wird mit dem Betroffenen zunächst abgesprochen, welche Symptome aus der Vielzahl von Möglichkeiten für ihn besonders vordringlich zu behandeln sind. Das Behandlungsangebot ist dann vielfältig: In den motorischen Behandlungseinheiten z.B. erlernt der Rehabilitand, mit seinen Kräften zu haushalten. Durch ein individuell angemessenes Energiemanagement (Pacing) soll der Betroffene weder überfordert werden noch in der Vermeidung von Aktivitäten bestärkt werden. Die geistige Leistungsfähigkeit wird durch neuropsychologische Testverfahren und Behandlungen trainiert. Psychologische Begleitung dient der Verbesserung der Krankheitsverarbeitung. Schmerzen oder Missempfindungen können durch physikalische Anwendungen gelindert werden.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Beratung zu den Schritten nach der Reha. In der Regel kann eine vierwöchige Reha zwar die Leistungsfähigkeit spürbar bessern, gesund fühlen sich die meisten Rehabilitanden anschließend aber noch nicht. Daher müssen wichtige Fragen z.B. zur Rückkehr in den Beruf oder zu Hilfen im Alltag geklärt werden.

Der Weg in die Normalität ist oftmals kräfte- und geduldzehrend. Erfreulicherweise erholen sich die meisten Menschen aber langsam wieder. Dabei kommen auch Verläufe über viele Monate oder bis zu zwei Jahren vor. Mit einer Impfung kann das Risiko für die Entstehung eines Long- oder Post-COVID-Syndroms deutlich gesenkt werden. Außerdem sollte es weiter Ziel sein, eine Infektion zu vermeiden. Die bekannten Hygieneregeln (AHA-L) tragen dazu erfolgreich bei – wenn man sie befolgt … +

WESENTLICHE LINDERUNG

Im Fachbereich Neurologie der VAMED Rehaklinik Bad Berleburg wurden bislang etwa 200 Rehabilitanden mit Post-COVID-Syndrom behandelt. Etwa drei von vier Patienten berichten anschließend über eine wesentliche Linderung ihre Beschwerden. 42Prozent fühlten sich sogar wieder für den Wiedereinstieg in den Beruf oder das typische Alltagsgeschehen leistungsfähig. Nach meistens monatelanger Krankheitsdauer ist dies ein recht erfreuliches Ergebnis sowohl für die Betroffenen als auch die Behandler

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