Erfahrungsbericht eines LongCovid-Patienten

Der Brustkorb ist weiterhin sehr eng und das Atmen fällt schwer


29.08.2022

Ein Betroffener berichtet über sein Leben mit Long Covid und die damit verbundene Perspektivlosigkeit

Oktober 2020

Es geschah in einer Spät-Nachmittags - stunde im Foyer eines christlichen Gästehauses im Schwarzwald. Meine Frau saß etwa eine Stunde lang mit einer Mitarbeiterin des Hauses im angeregten Gespräch an einem kleinen Tisch, als ich vorbei kam, um zum Abendessen zu gehen und meine Frau mitzunehmen. Meine Begegnung mit Ella (Name geändert) dauerte keine drei Minuten und beinhaltete auch schon die Verabschiedung, denn unser Dienst in diesem Haus ging am nächsten Vormittag zu Ende. … Zwei Tage danach rief Ella uns an und teilte mit, dass sie positiv auf Corona getestet sei und meine Frau und mich als Kontaktpersonen angegeben hätte. Wir sollten uns doch bitte umgehend in Quarantäne begeben und auf einen Anruf des Gesundheitsamtes in Calw warten.

Der kam dann auch zwei Tage später und wurde ergänzt durch einen Anruf des Gesundheitsamtes in Siegen, unserer Kreisstadt. Wir sollten die angeordnete Quarantäne bitte unterbrechen und zur offiziellen Testung nach Siegen kommen. Der vorgegebene Termin sei unbedingt einzuhalten! Gesagt – getan. Die Testergebnisse kamen zunächst fernmündlich und nach zwei weiteren Tagen auch schriftlich: Meine Frau konnte aufatmen. Ihr Ergebnis war negativ. Ich musste schlucken, da mein Ergebnis positiv ausgefallen war. Für uns beide gab es aber dieselbe Konsequenz: zwei Wochen Quarantäne nach strengen Regeln, unter anderem die Trennung von Tisch und Bett …

Da wir beide keine Krankheitssymptome hatten, fielen uns die Tage ohne Außenkontakte nicht schwer. Das Wetter war gut und der Garten lud nach draußen ein. Gegen Ende der entsprechenden Frist wurde ich schriftlich als genesen aus der Isolation entlassen, ohne noch einmal getestet worden zu sein. Meine Frau allerdings wurde zu einer weiteren Testung vorgeladen: Ihr Ergebnis war zwar erneut negativ, trotzdem wurde eine weitere vierzehntägige Quarantäne angewiesen. Auf ihren Einspruch beim Gesundheitsamt hin erfuhr sie, dass das Virus sie am Tag vor meiner Entlassung in die Freiheit noch erwischt haben könnte. Wie auch immer, für uns war wichtig: Wir blieben weiterhin beide ohne Corona-Symptome und waren um etliche amtliche Papiere reicher. Ich als Genesener, meine Frau als doppelt negativ Getestete.

Januar 2021

Drei Monate später schlichen sich bei mir mehr oder weniger deutlich verschiedene merkwürdige gesundheitliche Beeinträchtigungen ins Leben: Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Konzentrationsschwächen machten zunehmend Mühe und beschwerten den Tagesablauf. Kurze Wege wurden lang und länger, Treppen wurden immer steiler, das Denken wurde mühsam, mir fehlten Wörter und Formulierungen, das Gedächtnis streikte immer häufiger – Symptome einer Fatigue. Auf die Tage legte sich für Körper und Geist so etwas wie ein wachsender dicker Nebel, der mir die Sicht nahm für das jeweils Notwendige und Angemessene. Als Konsequenzen für Körper und Geist ergaben sich Tiefschlafphasen vormittags und nachmittags und nachts sowieso. Das Buchprojekt, an dem ich zu arbeiten begonnen hatte, musste ich liegen lassen, Dienste in der eigenen Gemeinde und solche, die für andernorts geplant waren, musste ich absagen. Denkwürdige, mühsame Wochen bestimmten das Frühjahr 2021 für mich, aber auch für meine Frau, die mit meinen merkwürdigen Befindlichkeiten umgehen und zunehmend Dinge übernehmen musste, die eigentlich meine Aufgaben waren.

Unser Hausarzt, den wir natürlich mehrfach konsultierten, gab sich alle Mühe, gegen die merkwürdigen Krankheitssymptome anzugehen. Seine Linderungsbemühungen und Versuche, zu helfen, blieben ohne wirkliche Erfolge. Ich war für ihn zunächst ein Rätsel, wobei er es aber vermied, mir irgendwelche psychischen Probleme zu unterstellen. Hilfreich war dann für ihn und für mich eine Fernsehsendung, in der die Chefärztin einer norddeutschen Rehaklinik über bisher wenig bekannte Krankheitsbilder berichtete, die sie an Menschen beobachtete, die zuvor an Corona-Infektionen erkrankt waren. Die Medizinerin machte in der Sendung allerdings deutlich, dass es bisher keine Hand lungsrezepte gegen Long Covid – ich hörte den Begriff zum ersten Mal – gäbe und sich hier ein bisher völlig unbekanntes Forschungs- und Experimentierfeld auft
äte, auf dem dringend gearbeitet werden müsse.

Dass gearbeitet wurde, konnte man zunehmend allen möglichen Veröffentlichungen in Presse, Funk und Fernsehen entnehmen. Nur eines fand man nicht: Handlungsrezepte und Medikationen gegen Long Covid, die von einem Fall auf den anderen übertragbar gewesen wären und deren einfache Umsetzbarkeit auch für die örtlichen Hausärzte zur Verfügung gestanden hätte. Die Behandlung von Long Covid blieb ein weites Experimentierfeld.

Mai 2021

Mir selbst ging es auf diesem Feld nicht gut, auch wenn meine Testergebnisse immer negativ waren. Die meiner Frau übrigens auch. Trotz oder vielleicht auch wegen meiner elenden Befindlichkeit riet mein Hausarzt zur Corona-Impfung, und so bekam ich am 29. April 2021 gemeinsam mit meiner Frau die entsprechende Portion Biontec gespritzt, für beide zunächst ohne irgendwelche spürbaren Begleiterscheinungen. Für meine Frau blieb das auch so, für mich kam es dann aber mit ungeahnter Heftigkeit: Am vierten Tag nach der Impfung traf mich am linken Oberkörper eine Gürtelrose (Herpes Zoster) der heftigsten Art, äußerst unangenehm und sehr schmerzhaft und lang andauernd bei täglicher Behandlung durch den Hausarzt – bei Einnahme des Radikalmittels „Zostex“, das laut Waschzettel „tödlich“ wirken konnte, und bei täglicher Einnahme eines Schmerzmittels, das mit der Zeit meinen Nieren gar nicht gut tat und deshalb abgesetzt werden musste.

Der Mai 2021 wurde zu einem Monat, den ich nicht unbedingt noch einmal erleben möchte und auch die folgenden Wochen und Monate wurden nicht wesentlich besser. Der neuralgische Schmerz im Brustkorb blieb trotz verschiedener Schmerztherapien, mein Brustkorb war eng geworden und behinderte die Atmung. Die Fatigue-Symptome, die es schon vor der Impfung gegeben hatte, verstärkten sich. Long Covid bekam eine neue Dimension, die sich auch darin zeigte, dass ich zum Laufen eine Gehhilfe – sprich: einen Stock – benötigte. Es zeigte sich darin, dass ich mit meiner Frau einen „Aufhebungs-Vertrag“ schloss: Was mir auf den Boden fiel, musste sie aufheben, weil ich mit dem Kopf nicht mehr nach unten konnte, ohne beim Wiederaufrichten eine Schwindelattacke zu bekommen. Und es zeigte sich darin, dass ich trotz warmer Temperaturen drinnen und draußen ständig eine dicke Jacke tragen musste, weil ich mit einem bis dahin un bekannten starken Kälteempfinden umgehen musste: dem Long-Covid-Symptom „Frost“ …

Dazu kam, dass meine besondere Situation in meinem persönlichen Umfeld von vielen Leuten nicht ernst genommen und verstanden wurde. „Reiß dich zusammen!“ – „Stell dich nicht so an!“ – „Du siehst doch gut aus!“ Mit solchen und ähnlichen freundlich gemeinten Bemerkungen umzugehen, war nicht immer leicht. Man sah mir mein Elend ja auch nicht an, im Gegenteil, die zwölf Kilo Gewichtsverlust standen mir gut. … Was vermochte dieses heimtückische Long Covid aus einem Menschen und aus Beziehungen zu machen!? …

August 2021

Wie habe ich dagegen angekämpft! Wie haben wir beide – meine Frau und ich – gegen die Widrigkeiten dieses Zustandes angekämpft! Wir haben es sogar riskiert, einen Diensteinsatz in einem christlichen Gästehaus nicht aus dem Kalender zu streichen, sondern ihn im guten Einvernehmen mit der Hausleitung auszuführen … mit der Erfahrung, dass Bibelarbeiten und Andachten funktionierten. Die freie Zeit zwischen den Diensten aber erzwangen Ruhe und Untätigkeit und das notwendige Auftanken für die nächste Aufgabe. Ein mühsames Geschäft, für das wir dennoch sehr gedankt haben. Wir haben Gottes Nähe und Hilfe gespürt und deutlich empfunden, dass er den Akku immer soweit auffüllte, wie es nötig war. Ansonsten haben wir – vor allem ich – den Verzicht auf Freizeitaktivitäten und Urlaubserlebnisse akzeptiert … Wie hat uns doch vor Jahren jemand beim Abschied ins Gästebuch geschrieben: „Wir müssen das Loslassen lernen. Das ist die große Lektion des Lebens.“

November 2021

Die folgende Zeit verlief für mich beschwerlich und mühsam. Es gab keinen Tag ohne Schmerzen, ohne Kümmernis und Seufzen – auch deshalb, weil ich untätig zuschauen musste, wie meine Frau viele meiner Aufgaben erledigen musste. Und es gab kaum einen Tag ohne die Suche nach hilfreichen Informationen über Long Covid und die Behandlung der vielfältigen Symptome. Die Artikel dazu häuften sich und mit ihnen die Hinweise auf Behandlungsversuche in Reha-Kliniken, die sich der neuen Krankheit annahmen, ohne recht zu wissen, wie sie denn vorgehen sollten. Mein Hausarzt riet mir, mich um eine Reha-Maßnahme zu bemühen. Einen Platz in einer Reha-Klinik zu finden war schwer. Die Zahl der Bewerber war offenkundig in kurzer Zeit riesig geworden, und entsprechend lang waren die angegebenen Wartezeiten.

Es war wohl ein besonderer Glücksfall oder auch eine besonders gnädige Führung Gottes, dass ich bald nach der Genehmigung einer Long-Covid-Reha-Maßnahme durch meinen früheren Dienstherrn – das Land NRW – einen Platz in der MEDICLIN Klinik Eckenhagen im Bergischen Land bekam und antreten konnte. Selbstverständlich unter strengen Corona-Bedingungen: Einzug ins Haus und ins Zimmer ohne Begleitung nach der Verabschiedung von meiner Frau vor dem Eingang, keine Besuchsmöglichkeiten für die Dauer des Aufenthaltes, sofortige Quarantäne bis zur Auswertung des Begrüßungs-PCR-Tests, Maskenpflicht außerhalb des eigenen Zimmers, und, und, und. Vollständige Gesichter gab es nur im Speiseraum – Einzelplätze zum Teil hinter Glasscheiben! – und draußen im Klinik-Park zu sehen oder dann, wenn sich ein Mitpatient oder auch ein Therapeut einmal bitten ließ, für einen Moment die Maske abzunehmen.

Januar 2022

Ich kam nach sechs Reha-Wochen wieder nach Hause. Viel in meinem Befinden hatte sich nicht geändert oder gar verbessert. Mein Wunschziel, nach dem Aufenthalt in Eckenhagen mit seinen vielen unterschiedlichen Therapien wieder ohne Gehhilfe laufen zu können und bei allem Tun wieder frei atmen zu können, hatte sich nicht erfüllt. Der Brustkorb ist weiterhin sehr eng und das Atmen fällt schwer; Wege sind nach wie vor weit und für mich nach einigen hundert Metern bereits zu Ende; Treppenhäuser sind immer noch schwierig zu bewältigen; die bekannten Fatigue-Symptome haben sich kaum reduziert und die Schlafphasen am Tag sind weiter unverzichtbar – sie kommen von allein; die neuralgischen Schmerzen nach der Gürtelrose stehen morgens mit mir auf und gehen abends mit mir ins Bett. Und in der gut beheizten Wohnung trage ich mindestens fünffache Zwiebel-Kleidung, in der ich dennoch wie ein Schneider friere. Diese Art Frost ist allgegenwärtig – wie auch die Suche der medizinischen Wissenschaft nach Lösungen für das Problem Long Covid und nach Therapie-Möglichkeiten, die tatsächlich helfen. Wirklich fündig geworden ist offenbar bis heute noch niemand, der irgendwo in unserer Welt das tiefe Feld Corona zu ergründen sucht. Die medizinische und therapeutische Praxis experimentiert weiter, hofft auf Erfolge, „lernt wöchentlich dazu“ und findet doch keine wirklichen Lösungen, die von einem Fall auf den anderen übertragbar wären.

August 2022

Ich möchte und ich muss mit meinem „Protokoll“ zum Ende kommen – und ich setzte schon zum x-ten Mal an, es zu tun. Noch nie habe ich an einem Text wie diesem so lange geschrieben. Mehr als fünf, sechs Sätze hintereinander gingen nie. Mein Buchprojekt muss sich leider noch ein wenig gedulden. Ob ich es überhaupt noch einmal weiterführen kann? Also: Es hat sich an meiner Befindlichkeit kaum etwas geändert. Dennoch nahm ich am Freitag nach Himmelfahrt mit meiner Frau am Nachmittag an einem Treffen meiner Familie teil. Ich habe natürlich auf die Fragen nach meinem Befinden mit meiner Long-Covid-Geschichte geantwortet und sehr bald gespürt, dass kaum jemand damit etwas anfangen konnte oder wollte. Das war wieder einmal eine frustrierende Erfahrung. Lediglich mein Patensohn Wolfgang – er ist Arzt an der Uni-Klinik Greifswald – bestätigte meinen Zustand und mein Wissen dazu.

Er war gut informiert, kannte auch einschlägige Veröffentlichungen und manches andere. Er bedauerte sehr, dass das Gesundheitsministerium so wenig unternimmt und nur geringe Mittel zu Verfügung stellt, um Long Covid zu erforschen und um Medikamente zu entwickeln und zu erproben, um Corona-Erkrankungen zu behandeln. Wolfgangs Bedauern tat gut und er riet dazu, die Zuversicht nicht zu verlieren und Geduld zu bewahren. Irgendwann, vielleicht in zwei Jahren, vielleicht früher, vielleicht auch erst später, könnte ja vielleicht … Und so werde ich und so werden wir es weiter halten und den Rat der Journalistin Sonja Bettel befolgen: Der letzte Satz eines ihrer Artikel hängt in großem Druck an unserem Küchenschrank: „Long Covid braucht viel Geduld … von den Erkrankten … ebenso von ihrem Umfeld und den Forschenden.“ +

Lothar von Seltmann aus Hilchenbach
   

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