Mit gebündelter Fachkompetenz gegen den Stress

Extremsituationen 


29.08.2022
Sanitätshaus Hoffmann + Reißner

Der Blutdruck steigt, Muskeln spannen sich an, das Herz schlägt schneller und die Atmung beschleunigt sich – Stress. Er ist eine Reaktion auf eine als Bedrohung erlebte Situation, dessen Stärke dabei von zahlreichen Faktoren abhängt. Menschen reagieren deshalb auf den gleichen Reiz in unterschiedlicher Weise. Abhängig vom Ausmaß kann Stress für viele Menschen ernsthafte Folgen haben, dabei ist er eine natürliche Reaktion des Körpers auf psychische und körperliche Belastungen und nicht immer negativ. Die Ursachen sind sehr individuell und das Erleben von Stress hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben äußeren Stressoren wie z.B. Zeitdruck haben innere Stressoren wie z.B. der Anspruch an sich und andere Einfluss auf die Intensität des Stresserlebens. Was für den einen Menschen eine Stresssituation darstellt, kann für den anderen eine Freude sein. Es gibt jedoch auch Situationen wie Unfälle oder Katastrophen, die für jeden eine extreme Stresssituation bedeuten, aber eher seltener sind.


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LISA BOMMER

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Kreisklinikum Siegen, Zertifizierte Stressmedizinerin


Der Körper im Alarmzustand

Auch wenn Stress im allgemeinen Sprachgebrauch eher negativ konnotiert ist, ist er nicht immer schlecht. Die natürliche Stressreaktion dient der Bewältigung von Situationen, die als gefährlich eingestuft werden, und erhöht kurzfristig die Leistungsfähigkeit. Werden Stresssituationen dann erfolgreich bewältigt, können sie sogar das Wohlbefinden steigern und zu persönlichem Wachstum führen. Stress fördert die Leistungsfähigkeit allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt, danach fällt diese signifikant ab. Hält das Stresserleben über eine längere Periode an, wird der Körper in einen dauerhaften Alarmzustand versetzt. Die daraus resultierenden Symptome sind vielfältig, können einzeln oder gemeinsam, in unterschiedlich starker Ausprägung auftreten. Betroffene leiden nicht selten zunächst an körperlichen Symptomen wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden oder Tinnitus. Typische psychische Symptome in Folge einer erhöhten Stressbelastung sind unter anderem Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, innere Anspannung sowie Ein- und Durchschlafstörungen.

Folge und Risikofaktor Burnout

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Beim Burnout handelt es sich um einen Zustand tiefer emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung, der bei Betroffenen unter anderem zu Konzentrationsschwierigkeiten führt. Meist wird Burnout auf Überforderung und Stress im Beruf zurückgeführt, die Ursachen sind aber vielschichtig. Es handelt sich hierbei um keine eigenständige psychische Erkrankung, sondern vielmehr um einen Risikozustand für die psychische und physische Gesundheit der Betroffenen. Typische Merkmale sind emotionale Erschöpfung, ein Gefühl der Entfremdung sowie eine abnehmende Leistungsfähigkeit. Burnout wird in den vergangenen Jahren verstärkt als gesellschaftliches Problem wahrgenommen und spielt eine wichtige Rolle im betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Risikofaktoren stellen etwa ein verstärkter Personalabbau in Betrieben und das Arbeiten unter permanentem Zeitdruck dar. Eine längerfristige Arbeitsüberforderung geht mit einem erhöhten Risiko einher, langfristig an einer Depression zu erkranken. Auch das Risiko für Angst- oder Suchterkrankungen, aber auch für körperliche Erkrankungen wie Bluthochdruck ist durch Stress erhöht. Krankheitssymptome sollten diagnostisch genau abgeklärt werden, um eine rasche Behandlung gewährleisten zu können. Je später diagnostiziert und therapiert wird, desto geringer werden die Heilungschancen. In der Regel wird eine exakte Diagnose in einem ausführlichen Gespräch mit Fachleuten gestellt, die Beratung und Unterstützung betroffener Arbeitnehmer sollte durch den Arbeitgeber in Absprache mit Arbeitsmedizinern erfolgen. Dabei ist zunächst von der Bedeutung über die Zusammenhänge von Stress und psychischer sowie physischer Gesundheit aufzuklären. Auch sollten Symptome genau erfragt und erfasst werden, um organische Krankheiten genau von Burnout-Symptomen unterscheiden zu können. Fragen zur persönlichen Einstellung Betroffener zu den Themen Familie und Beruf können hierbei hilfreich sein.

Wichtig ist eine genaue diagnostische Abgrenzung zur Depression. Ein Burnout ist aus psychologisch-psychiatrischer Sicht als Prozess zu verstehen, der in eine Depression münden kann. Bestimmte Symptome, wie etwa starke Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und verringerte Leistungsfähigkeit, können sowohl bei der Depression als auch beim Burnout vorkommen, jedoch ist beim Burnout ein direkter Zusammenhang mit Arbeitsüberforderung für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome anzunehmen. Aufgrund des Risikos für die psychische und physische Gesundheit des Einzelnen sollten Burnout-Symptome daher ernst genommen und weiter untersucht werden.

Bündelung von Fachkompetenz

Bei der Stressmedizin handelt es sich um ein relativ neues Gebiet innerhalb der Psychosomatik, das verschiedene Aspekte mit in die Diagnostik und Therapie einbezieht, also alle Fachkompetenzen bündelt. Die Stressmedizin zielt darauf ab, in einem ganzheitlichen, fächerübergreifendem Ansatz Folgen von Stress auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft zu erfassen und entsprechende medizinische Konzepte und Handlungsoptionen zu erarbeiten. Die enge Zusammenarbeit zwischen Medizinern, Personalabteilungen, Arbeitssicherheit und Geschäftsführungen ist dabei von großer Bedeutung. Mit Hilfe der stressmedizinischen Konzepte sollen u.a. die individuelle Resilienz gestärkt und negative Stressfaktoren, zu denen beispielsweise schwierige Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit sowie schwere Krankheit oder Streitigkeiten innerhalb der Familie gehören, reduziert werden. In der stressmedizinischen Diagnostik kommen verschiedene Testverfahren zur Ermittlung von stressbedingten Belastungen zum Einsatz, etwa in Form von standardisierten Fragebögen.

Zusätzlich existieren zahlreiche messbare physiologische Parameter wie z.B. die Herzfrequenz oder der Blutdruck, durch die indirekte Rückschlüsse auf die Stressbelastung eines Menschen gezogen werden können. Des Weiteren ist etwa das Stresshormon Cortison unter anderem im Speichel messbar. Eine Bestimmung kann hilfreich sein, um Dauerstress nachzuweisen. Durch Verlaufsuntersuchungen können therapeutische Erfolge abgebildet sowie ein mögliches weiteres Ansteigen des Stresslevels nachgewiesen werden.

Stressoren definieren und Maßnahmen ergreifen

Da es sich bei stressbedingten Erkrankungen und Stress im Allgemeinen um individuelle Probleme handelt, sollte auch die Behandlung auf Betroffene individuell zugeschnitten und gegebenenfalls im Verlauf angepasst werden. Wichtig sind eine exakte Analyse der stressauslösenden Situationen und ein genauer Blick auf die vorhandenen Ressourcen des Einzelnen. Für einen adäquaten Umgang mit einer hohen Stressbelastung ist insbesondere eine gute Selbstfürsorge wichtig. Hierzu zählen etwa eine regelmäßige sportliche Aktivität und eine gesunde Ernährung. Stressmediziner können zudem dabei unterstützen, Entspannungsverfahren, wie etwa progressive Muskelentspannung oder achtsamkeitsbasierte Verfahren zu erlernen.

Präventive Ansätze bezüglich arbeitsplatzbezogenen Stresses zielen insbesondere auf die Bereiche Arbeitsplatzsicherheit, Führungskultur und Mitarbeiterbeteiligung ab. Eine breite Sensibilisierung in Unternehmen und Schulungen von Führungskräften sind wünschenswert. Wichtig für ein gesundes Arbeitsklima sind u.a. ausreichende Ressourcen, ein sinnvoller und ganzheitlicher Aufgabenzuschnitt, Gestaltungsmöglichkeiten für die einzelnen Mitarbeiter und ein fehlerfreundlicher Führungsstil. +
    

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