Ob Medikamente oder Stress: Viele Dinge haben einen negativen Einfluss auf unseren Verdauungskanal

Wie der Darm unser Denken beeinflusst


4.07.2021

Lange Zeit erschien es uns logisch, dass allein unser Gehirn die Hauptschaltzentrale unseres Körpers und all seiner Funktionen ist. Die Medizin konzentrierte sich immer mehr auf die Erforschung einzelner Organe, Zellen und Erreger. Mit der Erfindung des Mikroskops und des Rasterelektronen-Mikroskops werden immer kleinere Teile wie Viren und Bakterien sichtbar.

Die Bekämpfung von Krankheitserregern wurde mit der Entdeckung der Antibiotika immer erfolgreicher. Heute leiden wir an Erkrankungen wie Allergien, Neurodermitis, Rheuma, Krebs, Demenz, Parkinson. Hier ist oftmals kein Erreger als Ursache zu finden und der westlichen Medizin fällt es immer noch schwer, diese Krankheiten zu behandeln. Bei COVID-19-Erkrankungen haben wir es mit einem Virus zu tun, gegen den es bis jetzt kein Heilmittel gibt. Warum erkranken viele Menschen nur leicht und andere wiederum lebensbedrohlich schwer? Warum erkranken Menschen nach einem Burn-out häufiger an Krebs? Es wird Zeit, den Blick wieder vom Kleinen zum großen Ganzen zu richten, um Zusammenhänge zu erkennen, die Krankheiten und ihre Entstehung erklären.

Betrachten wir den Aufbau unseres Darms genauer, lassen sich verschiedene Schichten erkennen.

Darmaufbau zeigt verschiedene Schichten

Auf der Darmschleimhaut befindet sich eine Schleimschicht, die unsere Darmflora trägt. Diese Flora besteht im besten Fall aus einem Rasen von sehr vielen verschiedenen Darmbakterien. Die darunter liegenden Darmzellen bilden eine geschlossene Barriere und schützen das anschließende darmassoziierte Immunsystem (GALT), in dem sich 70 bis 80 Prozent unserer Immunzellen befinden. Werden diese unterschiedlichen Schutzschichten vernichtet oder gestört, zum Beispiel durch einen Magen-Darm-Infekt, die Einnahme von Antibiotika oder auch dauerhaften Stress, kommt es zwangsläufig zu einer Beeinträchtigung des gesamten Systems.

Die Schichten werden durchlässiger und unverdaute, zu große Nahrungsmittel gelangen durch die durchlässig gewordenen Darmepithelzellen. Das darunter liegende Schleimhaut-Immunsystem muss auf die zu großen unbekannten Stoffe reagieren. Es bilden sich Antikörper gegen eigentlich verträgliche Nahrungsmittel.

Daraus resultiert der sogenannte „Reizdarm“ mit Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten auf Laktose, Fruktose oder Gluten. Beschwerden wie massive Blähungen, Durchfall, Verstopfung und Krämpfe führen über kurz oder lang zur Mangelernährung. Kohlenhydrate oder auch Eiweiße, die in einem kranken Darm nicht an den richtigen Stellen verdaut werden, gelangen in viel tiefer liegende Darmabschnitte. Hier werden sie von den falschen Bakterien zersetzt. Dabei werden Kohlenhydrate vergoren und Eiweiße lösen Fäulnisprozesse aus. Es kommt zur vermehrten Bildung von Histamin und den Gasen Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Diese reizen nicht nur die Darmwand und führen zu Blähungen, sie belasten vor allem die Leber.


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SABINE VOLLWERTH

Apothekerin
Vollwerth-Apotheke,
Telefon (0271) 51843
www.vollwerth-apotheke.de


Stille Entzündungen beeinflussen Immunsystem

Diese Belastung hat Auswirkung auf unser Gehirn: extreme Müdigkeit nach dem Essen sowie ein Gefühl wie „Watte im Kopf“ werden häufig beschrieben. Die seelischen Folgen sind neben Konzentrationsstörungen und chronischer Müdigkeit vor allem Antriebslosigkeit, Depressionen, innerer Unruhe, Schlafprobleme, Erschöpfung, Reizbarkeit und Angstzustände. Die Fehlbesiedelung des Darms, der durch die vermehrte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut seine Verdauungsfunktion nicht mehr richtig ausüben kann, beeinträchtigt die Aufnahme wichtiger Nährstoffe. Als Folge bilden sich sogenannte „stille“ Entzündungen, die unser Immunsystem nachteilig beeinflussen. Zusätzlich führt die vermehrte Bildung von Histamin zu einer Bindung der Aminosäure Tryptophan. Als Folge steht Tryptophan nicht mehr ausreichend für die Bildung des Botenstoffs Serotonin zur Verfügung. Dieser Botenstoff reguliert unsere Verdauung, unser Hungergefühl und unser seelisches Wohlbefinden. Auch das Hormon Melatonin wird im Darm mit Tryptophan zusammen gebildet. Eine verminderte Produktion führt zu Einschlaf- und Durchschlafbeschwerden. Dauerhafte sogenannte „stille“

Entzündungen werden schon länger als mögliche Ursache von Erkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes mellitus Typ 2, Krebserkrankungen, Morbus Alzheimer, chronische Müdigkeit, Migräne und Übergewicht gesehen. Eine intakte Darmflora lebt von einer hohen Diversität – das heißt, wir benötigen viele unterschiedliche Bakterien. Leider gibt es zahlreiche Einwirkungen, die einen negativen Einfluss auf unseren Darm haben. Hierzu zählen neben Medikamenten wie Antibiotika, Ibuprofen, Metformin, Antidepressiva auch Stress und eine schlechte Ernährung. So wichtig Medikamente auch sind, sollten wir nicht vergessen, dass eine dauerhafte Einnahme, eine unausgewogene Ernährung und eine anhaltende Stressbelastung nachteilig auf unseren Darm und seine Besiedelung mit Bakterien wirken kann. Über kurz oder lang entstehen messbare Beeinträchtigungen, die zu Entstehung chronischer Erkrankungen führen.

Darm sendet Signale an das Hirn

Die Signale, die unser Darm an unser Gehirn sendet, sind mit 90 Prozent ein Vielfaches mehr als die Signale, die unser Gehirn an unseren Darm sendet. Eine wissenschaftliche Arbeit wurde hierzu bereits 2011 in der Fachzeitschrift PNAS publiziert. Mit Probiotika, also z.B. Milchsäure-Bakterien gefütterte Mäuse waren viel stressresistenter als ihre Artgenossen ohne den Futterzusatz. Es zeigte sich, dass durch die Gabe von probiotischen Darmbakterien das Verhalten eindeutig positiv stimulierbar war. In der komplementären Medizin hat man erkannt, dass Signale des Darms über Nerven, Hormone und Stoffwechselprodukte unserer Darmflora an unser Gehirn gesendet werden. Diese Signale haben eine große Bedeutung für unser Gedächtnis, unsere Wahrnehmung und die Verarbeitung von Emotionen und Stress. Das Wissen um einen intakten Darm und dessen Auswirkung auf unser Gehirn kann helfen, bei Depressionen, Schlafstörungen und Burn-out nicht nur symptomatisch mit Medikamenten zu arbeiten.

Bei allen noch so unterschiedlichen Symptomen einer Erkrankung darf der Blick auf das große Ganze, nämlich die fantastischen Zusammenhänge in unserem Körper, nicht fehlen. +
  

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