Es gibt durchaus Wege, um die Angst zu überwinden

Keine Angst vor der Panik


4.07.2021

Das Herz pocht laut, die Atmung wird schneller, Zittern und Schwindel kommen hinzu: In Ausnahmesituationen zeigt der Körper mit klaren Signalen an, dass Gefahr droht. Doch was tun, wenn sich Nervosität und Ängste im Alltag immer wieder ohne sichtbare Bedrohung bemerkbar machen und zum ständigen Begleiter werden? Georg Weil, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Anästhesiologie am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen, zeigt Wege auf, wie sich Angststörungen überwinden lassen.

Wenn die Angst vor der Angst zum Treiber wird

Angst ist zunächst eine physiologische Reaktion, also eine natürliche Antwort auf Gefahren. Sie hindert den Menschen daran, auf die heiße Herdplatte zu fassen oder zu nahe an den ungesicherten Abgrund heranzutreten. Auch vor wichtigen Terminen oder Prüfungen ist eine gewisse Nervosität ganz normal. Davon zu unterscheiden sind jedoch Angststörungen. Ungefähr sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Sie leiden in individuell verschiedenen Situationen unter innerer Unruhe, Anspannung oder Panikattacken, ohne dass ein objektiver Grund für die Angst besteht. Wer etwa an Agoraphobie („Angst vor freien Plätzen“) leidet, hat Angst davor, bestimmte Orte aufzusuchen, zum Beispiel belebte Plätze oder aber auch öffentliche Verkehrsmittel. Weil sich Betroffene davor fürchten, in der Öffentlichkeit eine Panikattacke zu erleiden und die Kontrolle zu verlieren, kann die Agoraphobie in schweren Fällen dazu führen, dass die Betroffenen das Haus nicht mehr verlassen.

Von der Agoraphobie zu unterscheiden sind soziale Phobien, bei denen Betroffene etwa fürchten, sich vor anderen zu blamieren, und isolierte Phobien, die an eine konkrete Situation gebunden sind. Beispiele dafür sind die Flugangst, die Angst vor dem Zahnarztbesuch oder die Angst vor Spinnen. Auslöser für eine Angststörung kann eine ungünstige Kopplung sein. Ein Beispiel: Man hat schlecht geschlafen, trinkt deshalb zu viel Kaffee und fährt danach in die Stadt. Im Kaufhaus macht sich plötzlich der Kreislauf bemerkbar, man schwitzt, das Herz schlägt schneller. Es kommt zu einer Panikattacke. Obwohl nicht der Ort der Auslöser war, wird er aber ab sofort als gefährlich wahrgenommen und gemieden. Treiber wird dann zunehmend die Angst vor der Angst.

Vermeidungsmuster sind erste Anzeichen       

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Wer unter einer Angststörung leidet, sollte den Gang zu einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erwägen, insbesondere dann, wenn die Angst die Lebensführung einschränkt. Generell gilt, dass sich Betroffene dann professionelle Hilfe suchen sollten, wenn alltägliche Dinge nicht mehr möglich sind. Das ist besonders bei der Agoraphobie der Fall. Wenn der Angstauslöser gemieden werden kann, ohne dass die Lebensqualität leidet, ist eine Therapie nicht zwingend notwendig, wie zum Beispiel bei einer „einfachen“ Angst vor Spinnen.

Erste Anzeichen einer Angststörung sind Vermeidungsmuster. Um nicht in die gefürchtete Situation zu geraten, bauen sich Betroffene nach und nach ein System aus Ausreden und Vermeidungsstrategien auf. Haben sich diese Muster noch nicht so stark verfestigt, lassen sie sich schneller wieder durchbrechen. Auch schwere Fälle sind in der Regel gut behandelbar, aber je früher die Therapie beginnt, desto besser. Bewährt hat sich die Verhaltenstherapie, bei der Angst-Patienten durch Psychoedukation lernen, ihr eigenes Verhalten zu verstehen. Anfangs werden die körperlichen Angst-Symptome simuliert. Wer beim Treppensteigen außer Atem gerät, lernt, steigenden Puls und Schwitzen nicht direkt mit einer Panikattacke zu verbinden, sondern als physiologische Körperreaktion zu verstehen. Dann geben sich Patient und Therapeut schrittweise in die gefürchtete Situation – erst wird sie gedanklich durchgespielt, dann konkret aufgesucht. Diese Methode können Betroffene auch eigenständig im Alltag anwenden. Hier kann auch das soziale Umfeld eine Stütze sein. Zeigen sich erste Vermeidungsmuster, wird den Betroffenen geraten, sich behutsam an die gefürchtete Situation heranzuführen. Insbesondere bei Kindern ist es wichtig, Sicherheit zu schaffen. Zwang hilft nicht, eher im Gegenteil: Ein „Du musst“ führt dazu, dass sich die Angst verstärkt und chronisch wird.


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GEORG WEIL

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin, Oberarzt in der Fachabteilung Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen. Zudem übernimmt er Qualifizierte Entzugsbehandlungen am Diakonie Klinikum Bethesda in Freudenberg.


Entspannungstechniken können schon helfen

Um Panikattacken zu verhindern und in Stresssituationen ruhig zu bleiben, bieten sich Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung an. Diese Techniken funktionieren nicht von heute auf morgen. Aber wenn man sie beherrscht, sind sie eine sehr gute Methode, um negative Gedankenspiralen zu stoppen und ruhig zu werden. Eine weitere Möglichkeit, Angststörungen zu behandeln, sind Medikamente. Zum Einsatz kommen vor allem Serotoninwiederaufnahmehemmer, welche die Angststörungen lindern und heilen können. Nur in extremen Ausnahmefällen mit schweren Panikattacken sollten Benzodiazepine wie etwa „Tavor“ eingesetzt werden. Sie sollten keinesfalls auf Dauer angewendet werden, um eine Abhängigkeit zu verhindern. Eine stationäre Therapie ist vor allem dann erforderlich, wenn zur Angststörung eine depressive Entwicklung, etwa mit Selbstmordgedanken, hinzukommt. Doch nicht immer verbirgt sich hinter regelmäßiger Nervosität und Sorgen eine Angststörung. Kommt das Kind zum Beispiel nur ein paar Minuten später als gewohnt nach Hause, warten Menschen mit ängstlich-vermeidender Persönlichkeit in ängstlicher Anspannung und haben sofort katastrophisierende Gedanken. Diese innere Haltung ist Teil der Persönlichkeit. Betroffene sind oft wegen allen möglichen alltäglichen Dingen besorgt und nervös. Wenn sich Menschen also generell leicht ängstigen oder viel grübeln, kann das auf eine generalisierte Angststörung oder aber auch eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeit hinweisen. Auch in diesen Fällen sollten Betroffene bei Bedarf eine Verhaltenstherapie erwägen, um die Ängste zu lindern. +

Über die Homepage der Psychotherapeuten-Kammer NRW können geeignete Therapeuten in Wohnortnähe gesucht werden: www.ptk-nrw.de/patientenschaft/psychotherapeutensuche

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