Wie sich die Anästhesie im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat

Den Schmerz ausschalten


4.07.2021

Ob geplanter kosmetischer Eingriff oder lebensrettende Notfall-Operation: Greift der Chirurg in den menschlichen Körper ein, ist Schmerzfreiheit oberstes Gebot. Auf welche entsprechenden Verfahren Mediziner zurückgreifen und wie sich die Anästhesie im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, darüber klärt Privatdozent Dr. Reiner Giebler, Chefarzt für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen, auf. Die beiden Begriffe Anästhesie (griechisch: Empfindungslosigkeit) und Narkose (Lähmung) werden in der Literatur synonym verwendet und wie folgt erklärt: „Unter der Anästhesie / Narkose versteht man künstlich herbeigeführte, reversible Änderungen im Nervensystem, die zu einer Ausschaltung des Bewusstseins führen. Im Gegensatz zum Schlafenden ist der Anästhesierte nicht weckbar.“ (Quelle: Hossli, 1987). Die moderne Anästhesie ist rund 170 Jahre alt. Ihre Entwicklung verlief schnell und spektakulär. Sie wird einerseits als eine der jüngsten Töchter der Chirurgie angesehen. Andererseits scheint sie aber auch das älteste Fachgebiet der Medizin zu sein, denn schon im Alten Testament heißt es: „Und Gott der Herr ließ einen tiefen Schlaf fallen über Adam, und er schlief. Dann nahm er eine seiner Rippen und verschloss darüber das Fleisch.“ (Genesis II, 21). Das Bestreben der Menschen, Schmerzen, die durch Krankheit oder Verletzung entstanden, zu lindern, muss als Beginn jeglicher medizinischen Tätigkeit angesehen werden. Dies zeigt ein Blick in die Geschichte: Schon ein um 54 vor Christus in Rom tätiger Arzt empfahl seinen Patienten, vor Operationen ein halbes Glas Wein zu trinken. Um das Jahr 990 nach Christus setzte der Bagdader Arzt Jesus Haly Mohnsaft ein, um Operationen erträglicher zu machen.

Seit dem 12. Jahrhundert ist zudem der Einsatz von Pfeffer, Bilsenkräutern oder der Gemeinen Alraune in Pflasterform als örtliche Betäubung bekannt. In der westlichen Medizin war schon im 19. Jahrhundert Äther das am häufigsten gebräuchliche, inhalierte Narkosemittel. Zunächst als Partydroge verpönt, fanden Mediziner heraus, dass Menschen, die Äther „schnüffelten“, keinerlei Schmerzempfindung mehr vorwiesen. Der „Äthertag“ (16. Oktober 1846) markiert in der westlichen Welt den Beginn der Anästhesie. Im Massachusetts General Hospital (Boston, USA) wurde im Hörsaal vor Publikum ein operativer Eingriff durchgeführt. William Thomas Green Morton verabreichte dem Patienten eine Äthernarkose. In den folgenden 170 Jahren wurden die Bereiche der Allgemein- sowie Regional- und Lokalanästhesie kontinuierlich weiterentwickelt.

Komplexität erfordert einen Spezialisten

Ermöglicht wurde dies durch pharmakologische (Weiter-)Entwicklungen sowie technische Neuerungen und Innovationen. Die Komplexität des Arbeitsfeldes erfordert einen Spezialisten, den Anästhesisten. Der Fachbereich wurde mit dem ersten Mediziner seiner Zunft, dem Engländer John Snow, im Jahr 1847 ins Leben gerufen. Vier Jahre später erschien das erste Anästhesie-Lehrbuch in den USA, verfasst von John Foster Brewster Flagg. Erst gut 100 Jahre später wurde 1960 der erste deutsche Lehrstuhl für Anästhesiologie in Mainz eingerichtet. Hier entstand im Jahr 1971 auch die erste deutsche Schmerzklinik.

Fachärzte für Anästhesiologie absolvieren – zusätzlich zu ihrem sechsjährigen Studium der Humanmedizin – noch eine fünfjährige Weiterbildung im Bereich Anästhesiologie. Nach bestandener Prüfung sind weitere einjährige Weiterbildungsabschnitte in den Bereichen „Notfallmedizin“, „Intensivmedizin“, „Schmerzmedizin“ und „Palliativmedizin“ möglich. Dank moderner Voraussetzungen kann heute jeder Patient während einer Allgemeinanästhesie (Vollnarkose) oder einer Regionalanästhesie (Teilnarkose) operiert werden, ohne etwas zu spüren. Während des Eingriffs sind es die Anästhesisten, die die Überwachung der lebenswichtigen Funktionen des Patienten übernehmen, also im wahrsten Sinne als „Lebenserhalter“ fungieren.

Vollnarkose

Die moderne Vollnarkose fußt auf Analgesie (Schmerzstillung), Hypnose (Schlaf), Relaxation (Muskelentspannung) und der Dämpfung vegetativer Reaktionen. So wird ein schlafähnlicher Zustand herbeigeführt, der dem Operateur komplexe chirurgische Eingriffe ermöglicht. Durch Verwendung der muskelrelaxierenden Medikamente wird sichergestellt, dass sich der Patient intraoperativ nicht unwillkürlich bewegen kann.

Die Wirkungsweise der zur Narkose führenden intravenös verabreichten Medikamente oder über die Atemluft zugeführten Narkosegase ist nicht endgültig geklärt und bis heute Gegenstand intensiver Forschung. Sie wirken aber über viele Bindungsstellen im zentralen Nervensystem des Menschen, also sowohl im Gehirn als auch auf Rückenmarksebene. Nach Ende der Operation wird die Zufuhr der Anästhetika unterbrochen, der Patient atmet wieder selbstständig, Husten- und Schluckreflexe und letztendlich das Bewusstsein kehren zurück.

Da während einer Vollnarkose der eigene Atemantrieb unterdrückt wird, muss die Atmung teilweise oder vollständig übernommen werden. Die Beatmung erfolgt über Gesichts- oder Kehlkopfmasken oder über einen Beatmungsschlauch (Tubus).

Die im Rahmen der Anästhesie verwendeten starken Schmerzmittel, die Opioide, gehören entweder zu den natürlich vorkommenden Substanzen, den Opiaten (Beispiel Morphin), welche sich aus dem getrockneten Milchsaft der Mohnblume isolieren lassen. Oder sie gehören zu den vollsynthetischen Opioiden (Beispiel Fentanyl).


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PRIVATDOZENT DR. REINER GIEBLER

Chefarzt Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin am Diakonie Klinikum
Jung-Stilling Siegen
Mail: helga.plicht@diakonie-sw.de
Telefon 0271/333 4538


Regionalanästhesie

Nicht bei jeder Operation ist eine Vollnarkose notwendig. Oft reicht es aus, bestimmte Bereiche zu betäuben. Während einer sogenannten Regionalanästhesie sind Teile des Körpers vorübergehend empfindungsfrei. Möglich macht dies eine Blockade des Rückenmarks, einzelner Nervenbündel oder Nerven mit einem Lokalanästhetikum. Ohne dass sie bewusstlos sind oder künstlich beatmet werden müssen, können Patienten so schmerzfrei operiert werden. Um den Stress während der Operation zu verringern, verabreichen Anästhesisten bei Bedarf ein leichtes Schlafmittel. Der Ursprung der rückenmarksnahen Regionalanästhesie liegt im Jahr 1884. Damals war es der Wiener Arzt Carl Koller, der erstmals eine schmerzfreie Augen-OP durchführte – mittels Einsatz von Kokain.

Rückenmarksnahe Regionalanästhesie

Unterschieden wird hier in die Periduralanästhesie (PDA), bekannt aus dem Kreißsaal zur Linderung der Wehenschmerzen, und der Spinalanästhesie. Die verwendeten Lokalanästhetika werden dabei je nach Methode in unterschiedliche anatomische Strukturen rückenmarksnah injiziert. Neben der Geburtshilfe kommt die PDA auch bei Operationen im Brustkorb, Ober- und Unterbau sowie am Becken zum Einsatz. Gerade bei größeren Operationen wird die PDA mit einer Vollnarkose kombiniert. Ein in den Periduralraum eingeführter Katheter dient nach dem Eingriff zur kontinuierlichen Schmerztherapie.

Periphere Leitungsanästhesie

Bei der peripheren Leitungsanästhesie werden einzelne Nerven oder Nervengeflechte mittels eines Betäubungsmittels blockiert. Zur sicheren Lokalisation wird modernste Ultraschalltechnik eingesetzt. Das Lokalanästhetikum wird dann per Spritze injiziert. Mittels eines angebrachten Katheters können Schmerzen auch über einen längeren Zeitraum ausgeschaltet werden. Während der unterschiedlichen Verfahren wird den Patienten jeder Schritt erklärt. Zudem steht vor jeder Operation ein Vorgespräch an, bei dem der Mediziner die Narkose erläutert und mögliche Risiken abklärt. +

TAG DER NARKOSE – TIPPS ZUR VORBEREITUNG

Husten- und Schluckreflex werden während der Narkose ausgeschaltet. Zudem besteht die Gefahr, dass der Mageninhalt des Patienten während der Narkose in den Rachen fließt und von dort über die Luftröhre in die Lunge gelangt. Dies kann zu einer Lungenentzündung führen. Deshalb ist es wichtig, mindestens sechs Stunden vor der geplanten Operation nichts mehr zu essen, zwei Stunden zuvor sollte auch auf Trinken verzichtet werden. Komplikationsärmer verlaufen Eingriffe, wenn der Patient idealerweise vier Wochen im Vorfeld das Rauchen einstellt. Ansonsten gilt: Am Tag der OP sollte man aufs Rauchen verzichten. Zudem ist es wichtig, Schmuck, lockere Zahnprothesen und Kontaktlinsen zu entfernen. Eine Dusche vor dem Eingriff und das Schneiden von Zehen- und Fußnägeln führt dazu, möglichst wenig Keime mit in den Operationssaal zu bringen. Auch auf Make-Up muss verzichtet werden. Der Grund: An der Durchblutung der Haut erkennt der Arzt, ob der Patient während des Eingriffs mit genügend Sauerstoff versorgt wird. Diese Tipps sind also lebenswichtig. +

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