Der technologische Fortschritt dringt immer stärker auch in die Operationssäle

Robotic im Krankenhaus

Es wirkt wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film: Ein Mensch liegt auf dem Operationstisch, er atmet ruhig, die Narkose funktioniert einwandfrei. Zugänge sind gelegt. Nun ist die Zeit für den Chirurgen gekommen. Doch prägen Roboterarme die Szenerie. Sie surren in der Luft herum, bewegen Operationswerkzeuge in den Körper des Patienten. Dort schneiden, veröden und nähen sie. Freilich ist der Operateur auch im Saal, aber er sitzt einige Meter entfernt. Roboter - oder besser Assistenz-Roboter - sind in Operationssälen nichts Außergewöhnliches. Sie können Dinge leisten, die selbst erfahrene Chirurgen nicht vermögen. Immer stärker dringt der technologische Fortschritt auch in die Operationssäle vor und wird eines Tages von dort nicht mehr wegzudenken sein. Ihre Anschaffung ist also längst kein Marketing-Gag mehr, vielmehr folgt sie ganz sachlichen kaufmännischen Erwägungen.


Robotic im Krankenhaus Image 2

PROF. (Saitama Med. Univ.) DR. MED. DIETMAR STEPHAN

Leiter der Abteilung für Minimal-invasive und robotische Chirurgie St. Marien-Krankenhaus Siegen


1985 wurde erstmals ein Roboter-System während einer OP eingesetzt

Danach sah es jedoch nicht immer aus und vielerorts speist sich ein Konflikt für oder gegen den Einsatz von Robotern aus den Erfahrungen der Vergangenheit. Im Jahr 1985, Alexey Pajitnov programmiert zeitgleich das Computerspiel Tetris, wurde erstmals ein Roboter-System während einer Operation erfolgreich eingesetzt. Der „Puma 200“ half dabei, nachdem man ihn an einer Wassermelone getestet hatte, Nadeln bei einer Hirnbiopsie zu positionieren. Er war noch nicht autonom, sondern die Ärzte entschieden, wie tief die Nadeln gesetzt wurden. Die Erwartungen waren in der Folgezeit riesig und Technikenthusiasten sprachen von autonomen Robotern, die genauer und besser operieren sollten als die „Götter in Weiß“. Die kühnen Visionen wichen bald der Ernüchterung, und die „Robotic“ im Krankenhaus rutschte in eine schwere Krise: Ende der 1990er Jahre stand nun in über 100 Operationssälen der „Kollege“ Robodoc - die Erwartungen erfüllte er jedoch nie. Mal rasierte er gesunde Knochen ab, mal kappte er Muskeln. Nach einigen verlorenen Gerichtsprozessen verstaubt der Robodoc in den Katakomben der Kliniken – genau wie sein Kollege, der „Caspar“, der gleich mit seiner Herstellerfirma den Geist aushauchte. Auch er sollte die Knochen millimetergenau fräsen und künstliche Gelenke passgenau platzieren. Stattdessen kam es, trotz TÜV-Zertifikat, zu Verletzungen von Nerven und Muskeln. Einige hundert Patienten klagten – ein Fiasko für die Kliniken.


Robotic im Krankenhaus Image 3

DR. PETER WEIB

Chefarzt Urologie, Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen


Erfolg sorgt für mehr Akzeptanz

Lag das nun am Roboter? Die Antwort lautet klar „Nein“. Die Roboter haben exakt das gemacht, wofür sie entwickelt und gefertigt wurden. Aus heutiger Perspektive waren sie jedoch für den Einsatz am Patienten noch nicht ausgereift genug, und Verletzungsabsicht kann man den teuren Geräten nun wirklich nicht unterstellen. Ein Neustart scheint damit nicht verbaut, sofern der Einsatz medizinisch vertreten werden kann und das Klinik-Management nicht um die Existenz des Hauses fürchten muss. Und tatsächlich: In den Operationssälen steht nicht mehr ein System, das dem 1986-Klassiker „Nummer 5 lebt“ entsprungen sein könnte. Es finden sich dort Systeme, die erwachsen sind. Durch deren Erfolg ist die Akzeptanz von Robotern in der Medizin wieder gestiegen. Vielleicht ist auch die „gesündere“ Einstellung nicht ganz unbeteiligt: War die Autonomie des Roboters das erklärte Ziel, so wird heute das System als eine Arbeitserleichterung gesehen. Es sind klar Assistenzsysteme oder besser Telemanipulatoren.


Robotic im Krankenhaus Image 4

PD DR. MED. ALEXANDER BEHAM

Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Kreisklinikum Siegen


Senhance und Da Vinci arbeiten in Siegen

In den Operationssälen Siegener Kliniken stehen seit dem Jahr 2017 neue „Kollegen“. Der eine nennt sich Senhance und der andere Da Vinci. Gemein ist diesen, dass die Roboter-Arme für den Operateur in ergonomisch geeigneter Position leicht zu bedienen sind. Kein (leichtes) Zittern der Hand beeinträchtigt sein Arbeiten. So sind auch präzisere Schnitte im Zehntel-Millimeter-Bereich möglich. Das System ermöglicht es dem Operateur, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er ist, anders als bei einem klassischen minimal-invasiven Eingriff, nicht durch eine unangenehme, einschränkende Haltung am Operationstisch beeinträchtigt. Dennoch gilt: Der Arzt operiert, nicht die Maschine, das hat sich nicht geändert. Und im Gegensatz zu vielen Teilen der Industrie scheint bei aller Arbeitserleichterung der Job des Operateurs von Roboter und Algorithmen wenig gefährdet. Dies liegt an der Komplexität des Geschehens: Viele Entscheidungen sind während einer Operation zu treffen und die dafür notwendige Erfahrung eines Chirurgen lässt sich wohl kaum in Algorithmen transkribieren. Einen automatischen Vorgang, vollständig ohne Eingriff des Arztes, wie ihn der Begriff „Roboter“ suggeriert, wird es also nicht (so schnell) geben.
       

Robotic im Krankenhaus Image 5
Robotic im Krankenhaus Image 6

Ist die Renaissance des Operations-Roboters schon wieder zu Ende? Nein!

Eingriffe mittels moderner Roboter-Systeme dürften heute nicht mehr eine Klagewelle vergangener Tage fürchten lassen. Qualitativ sind die operativen Eingriffe mit und ohne Roboter mindestens gleichwertig. Die Kosten, alleine bedingt durch die Anschaffung des Geräts und seiner Instrumente, sind jedoch für die Systeme deutlich höher. Auch die Rüstkosten dürften höher sein. Von den Krankenkassen kommt keine Rückendeckung und der Mehraufwand wird bisher noch nicht honoriert. Die Fallpauschale ist „technologieblind“ und macht da keinen Unterschied. Der Einsatz eines Roboter-Systems könnte mit böser Zunge artikuliert als reine Mode abgetan werden, da die meisten Vorteile sich aktuell noch mit Erfahrung und einer guten Operations-Lupe ausgleichen lassen. Ist damit die Renaissance des Operations-Roboters zu Ende, bevor sie richtig startete? Das kann klar verneint werden. Die Entwicklung geht rasant weiter, und heute können Kliniken bereits ihre Position von morgen gestalten. Und der größte Vorteil dürfte dann auch in der Öffnung der Organisation für die neuen Technologien liegen.
       

ROBOTIC IM VERGLEICH

Gerade im Vergleich zu anderen operativen Methoden hat sich in den vergangenen Jahren die Roboter-Chirurgie als vorteilhaft erwiesen. So wurden in der Vergangenheit Operationen im Bauchraum zunächst durch einen großen Schnitt mit Öffnung der Bauchhöhle und dann mit dem Einführen der Hände in den Bauchraum bewerkstelligt. In den 70er Jahren kam dann mit Erfindung der Laparoskopie eine Methode hinzu, mit der man einerseits die großen Schnitte vermeiden und anderseits mit relativ wenig Trauma im Bauchraum agieren konnte. Die Robotersysteme, die nun in den vergangenen Jahren auf dem Markt erschienen sind, versuchen die Vorteile des offenen und des laparoskopischen Operierens zusammenzuführen. Die neuen Systeme bewirken, dass man mit dem Robotersystem im Bauchraum noch präzisier als mit der Kameramethode operieren kann und das man zukünftig auch komplexere Eingriffe, wie Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse und Eingriffe an der Speiseröhre, mit diesem System durchführen wird.


DER ROBOTER SENHANCE

Der Roboter „Senhance“ ist der erste einer neuen Generation in Deutschland – zwei weitere dieses Typs gibt es in Europa. Der Operateur bedient mit 3D-Brille und Steuerkonsole in leichter Entfernung vom Operationstisch seine drei Instrumentenarme. Die hochauflösenden Bilder in 16-facher Vergrößerung aus dem Bauchraum sind übersichtlicher als der Blick durch die Operations-Lupe bei einer offenen Operation. Beugt sich der Operateur vor, zoomt die Kamera heran, dreht er den Kopf, schwenkt das Bild–ein Eye-Tracking-System verfolgt seine Augenbewegungen und steuert damit die Kamera, die früher ein weiterer Mediziner per mündlicher Ansage steuern musste.


DER ROBOTER DA VINCI

Das Robotersystem „Da Vinci“ wurde tatsächlich nach Leonardo Da Vinci benannt und setzt neue Standards für minimal-invasive Operationen. Die vier Arme, darunter eine HD-Kamera, werden vom Operateur an einer Konsole gesteuert, unwillkürliche Bewegungen werden ausgeglichen, sodass die Übertragung ohne Zittern erfolgen kann. Durch die räumliche und vergrößerte Bildschirmdarstellung der Organe und der Instrumente sind minimal-invasive Eingriffe in nahezu perfekter Präzision möglich. Besonders geeignet ist die Technik für das Operieren in engen Räumen (kleines Becken). Außerdem macht das integrierte FireFly-Fluoreszenz-System kleinste Tumore und die Durchblutung in Echtzeit sichtbar. Zukünftig stehen zudem Möglichkeiten der Augmented Reality (AR), also die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, zur Verfügung.

- Anzeige -
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.