Eine Epilepsie hält Kinder nicht davon ab, ein Leben entsprechend ihrer Wünsche zu führen

Kein Grund zum Verzweifeln


4.11.2021
DRK-Kinderklinik Siegen gGmbH

Bis zu 5 Prozent der Bevölkerung und bis zu 10 Prozent aller Kinder bekommen einmal im Leben einen epileptischen Anfall, was bei Kindern am häufigsten in Form eines Fieberkrampfes geschieht. Treten im weiteren Verlauf mehrfach epileptische Anfälle auf, so spricht man von einer Epilepsie. Davon sind in Deutschland 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung betroffen, also 400.000 bis 800.000 Menschen. Die Zahl der Menschen, bei denen eine Epilepsie diagnostiziert wird, beträgt etwa 30.000 im Jahr. Somit ist die Epilepsie die häufigste chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei Kindern und Jugendlichen sogar die häufigste aller chronischen Erkrankungen noch vor dem Diabetes mellitus oder rheumatischen Erkrankungen.

Kurze Abwesenheitszustände, Wesensänderungen oder Kribbeln sind Anzeichen

Epileptische Anfälle im Kindesalter unterscheiden sich dabei oft grundlegend von Anfällen im Erwachsenenalter. So gibt es bestimmte Epilepsieformen, die ausschließlich im Säuglingsalter auftreten, andere im Schulkindalter, wieder andere beginnen erst in der Pubertät. Auch epileptische Anfälle im Mutterleib sind möglich. Bei epileptischen Anfällen im Kindesalter stehen nicht immer die Anfälle mit Stürzen, Bewusstlosigkeit und Zuckungen im Vordergrund, häufig treten die Anfälle als kurze Abwesenheitszustände, Wesensänderungen oder Gefühlsstörungen/Kribbeln in einem umschriebenen Körperbereich auf, die es teilweise auch dem medizinischen Fachpersonal schwer machen, diese eindeutig als epileptische Anfälle zu erkennen.


CHEFARZT DR. MARTIN PRITSCH
CHEFARZT DR. MARTIN PRITSCH

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Zusatzbez. Neuropädiatrie, DRK-Kinderklinik


In der kinderneurologischen Abteilung der DRK-Kinderklinik werden seit über 40 Jahren schwerpunktmäßig Kinder mit allen Formen der Epilepsie behandelt. Seit über 20 Jahren betreuen Dr. Martin Pritsch, Chefarzt der Abteilung Neuropädiatrie, und sein Team aus Fachärzten sowie speziell auf diesem Gebiet ausgebildeten Pflegekräften Epilepsiepatienten vom Säuglings- bis zum jungen Erwachsenenalter. Seit Oktober 2020 ergänzt Chefarzt Dr. Burkhard Stüve das Team, er wird die Abteilung nach dem altersbedingten Ausscheiden von Dr. Martin Pritsch zukünftig leiten.

Die Versorgung der Epilepsiepatienten erfolgt aufgrund notwendiger umfangreicher Diagnostiken zum Teil im stationären Bereich, schwerpunktmäßig auch in der speziellen Epilepsieambulanz, die seit 2014 von der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie als Fach- und Schwerpunktambulanz zertifiziert ist. Hier werden im Jahr über 500 Kinder und Jugendliche mit Epilepsien betreut. Am Anfang steht dabei eine umfangreiche Diagnostik, Aufklärung und Beratung der Kinder und ihrer Familien, inklusive apparativer Untersuchungen wie die Ableitung eines EEG (Elektroenzephalogramm). Zur klaren Einordnung des Krankheitsbildes sind häufig eine Kernspintomographie (MRT) und andere Diagnostiken wie genetische oder Stoffwechseluntersuchungen notwendig.


CHEFARZT DR. BURKHARD STÜVE
CHEFARZT DR. BURKHARD STÜVE

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Zusatzbez. Neuropädiatrie, Neonatologie, Zertifikat Epileptologie, DRK-Kinderklinik


Bis zu 21 Elektroden werden auf der Kopfhaut platziert

Beim EEG handelt es sich um eine spezielle Methode zur genauen Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns durch schmerz- und nebenwirkungsfreie Aufzeichnung von Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche. Die (bis zu 21) Elektroden werden mit einem Kontaktgel eingestrichen und nach einem international standardisierten Schema auf der Kopfhaut des Patienten platziert. „Über Kabel sind diese dann mit unseren Auswertmonitoren verbunden“, erläutert Dr. Burkhard Stüve. Während der Messung sollte das Kind möglichst entspannt und ruhig sein. Bei Bedarf sind die Eltern mit anwesend. Bei entsprechender Fragestellung werden die EEG auch als Schlaf- oder Langzeit-EEG über bis zu 48 Stunden abgeleitet, jeweils mit synchronisierter Videoaufzeichnung. Dank der Erkenntnisse, die die entsprechenden Verfahren liefern, können dann individualisierte Therapien mit den Betroffenen besprochen werden.

Unter fachgerecht gewählter medikamentöser Therapie können ca. 70 Prozent der Kinder dauerhaft anfallsfrei werden, zum Teil „verwächst“ sich die Epilepsie auch im weiteren Leben und Medikamente können dann abgesetzt werden. „Leider ist Anfallsfreiheit bei einer nicht unerheblichen Anzahl von Kindern auch mit der bestmöglichen medikamentösen Therapie, zum Teil auch in Kombination, nicht zu erreichen“, erklärt Chefarzt Dr. Martin Pritsch. „Hier kommen dann zusätzlich international anerkannte und etablierte nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren wie die Ketogene Ernährungstherapie (eine bilanzierte fettreiche und kohlenhydratreduzierte vollwertige Ernährungsform) oder die Vagusnervstimulation zum Einsatz, bei der durch einen unter die Haut implantierten Schrittmacher Impulse über Nervenbahnen zum Gehirn gesendet und so Anfälle unterdrückt werden. Auch muss teilweise geprüft werden, ob ein epilepsiechirurgischer Eingriff eine Option darstellt.

Vorurteile sorgen oft für einen Ausschluss in der Gesellschaft

Beide Chefärzte weisen darauf hin, dass es eine ganze Reihe nicht epileptischer Zustände gibt, die für den medizinischen Laien oft nicht von epileptischen Anfällen zu unterscheiden sind und deren Abklärung häufig viel Zeit und Erfahrung erfordert. „Am Herzen liegt uns neben der rein medizinischen Behandlung, ausreichend Zeit für Gespräche und Beratung der Kinder und ihrer Eltern zu haben. Wir möchten sie mit ihrer Epilepsie im Alltag begleiten und ihnen bei möglichen Problemen und Fragen, beispielsweise zum Führerschein oder zur Berufswahl, zur Seite stehen. Denn nur eine Betreuung, die alle Aspekte der Erkrankung erfasst, kann Garant für einen Therapieerfolg sein“, betonen beide Chefärzte. Dabei muss leider nicht selten gegen Vorurteile gekämpft werden, die Menschen mit Epilepsie diskriminieren und unberechtigterweise von der Teilnahme an Aktivitäten in der Gesellschaft ausschließen. +
   

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