Bluthochdruck wird oft erst spät oder per Zufallsbefund erkannt

Der leise Tod


4.11.2021
Roland Apotheke

Ob die eigene Mutter, der Onkel oder der Nachbar: Jeder kennt jemanden, der unter Bluthochdruck leidet. Die Hypertonie gilt als Zivilisationskrankheit, geht häufig mit Übergewicht und Bewegungsmangel einher. Hilft eine Umstellung des Lebenswandels nicht, kommt es auf die richtige Medikation an, um dem oftmals unbemerkten Leiden ein Ende zu bereiten. Denn: Bluthochdruck kann tödliche Folgen haben.

Neben Übergewicht oder hohen Cholesterinwerten gehört auch der Bluthochdruck zu den Risikofaktoren, die kardiovaskuläre Erkrankungen (alle Krankheiten, die das Herz und die Blutgefäße betreffen) begünstigen. Der Bluthochdruck (Hypertonie) wird häufig erst spät oder per Zufallsbefund erkannt. Doch „der leise Tod“, wie ihn Experten nennen, ist vermeid- und behandelbar. Wie genau, das zeigen Prof. Dr. Dursun Gündüz, Leiter Kardiologie und Angiologie am Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen, und Prof. Dr. Michael Buerke, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin am Marien-Krankenhaus Siegen, auf.


PROF. DR. DURSUN GÜNDÜZ
PROF. DR. DURSUN GÜNDÜZ

Leiter Kardiologie und Angiologie am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen


Das Krankheitsbild

120/80: Diese beiden Werte geben den idealen Blutdruck eines erwachsenen Menschen an. Die erste Zahl beschreibt den systolischen Druck. Er entsteht, wenn sich das Herz zusammenzieht und dabei Blut in die Hauptschlagader (Aorta) pumpt. Der zweite Wert gibt den diastolischen Blutdruck an. Dabei dehnt sich der Herzmuskel aus, um sich erneut mit Blut zu füllen.

Angegeben wird der Wert in der Einheit mmHg (Millimeter-Quecksilbersäule). Damit wird der statische Druck beschrieben, der von einer Quecksilbersäule von einem Millimeter Höhe erzeugt wird.

Steigt der systolische Druck über 140 mmHG, sprechen Mediziner von Bluthochdruck (Hypertonie). Aber Vorsicht beim Messen: Der Blutdruck unterliegt Schwankungen. Aufregung oder körperliche Anstrengung lassen den Blutdruck ansteigen. In Ruhephasen oder im Schlaf sinkt der Blutdruck ab. Bei gesunden Menschen pendelt sich der Wert aber schnell wieder im Normalbereich ein. Dauerhaft muss Hypertonie indes behandelt werden, denn die Folgen können gravierend sein. Unbehandelt schädigt der Bluthochdruck das Herz und die versorgenden Gefäße, das Gehirn oder auch die Nieren. Dies kann lebensbedrohlich werden.

Die Auslöser

Unterschieden wird in primäre und sekundäre Hypertonie. Bei ersterer gibt es keine Grunderkrankung, die sich als Ursache nachweisen lässt. Die primäre Hypertonie macht 90 Prozent aller Fälle aus. Woher sie kommt, ist unklar. Bluthochdruck gilt allerdings als Zivilisationskrankheit. Dies bedeutet, dass es einige Faktoren gibt, die eine Hypertonie begünstigen. Dazu zählen Bewegungsmangel, hoher Salz- oder Alkoholkonsum, Übergewicht, das Rauchen und ein höheres Alter (Männer ab 55 Jahren, Frauen ab 65 Jahren). Auch Stress treibt den Blutdruck nach oben.

Der sekundären Hypertonie liegen andere Krankheiten zugrunde, etwa Verengungen der Nierenarterien (Nierenarterienstenose) oder chronische Nierenleiden. Weitere krankheitsbedingte Auslöser sind Verengungen der Hauptschlagader oder das Schlafapnoe-Syndrom. Erhöhten Blutdruck können auch Medikamente auslösen, wie zum Beispiel die Anti-Baby-Pille oder Mittel gegen Rheuma.

Als weiterer, seltener Auslöser der sekundären Hypertonie gelten Störungen des Hormonhaushaltes, die etwa beim Cushing-Syndrom auftreten. Hierbei schüttet der Körper zu viel Kortisol aus. Dieses Hormon beeinflusst zahlreiche Stoffwechselprozesse – und wird bei Stress vermehrt produziert. Möglich ist zudem eine Funktionsstörung der Schilddrüse.

Egal, welcher Auslöser die Hypertonie herbeiführt: Abklärung und Behandlung sind immer notwendig.


PROF. DR. MICHAEL BUERKE
PROF. DR. MICHAEL BUERKE

Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin – Marien Kliniken – St. Marien-Krankenhaus Siegen


Die Warnsignale

Nicht umsonst wird Bluthochdruck als „der leise Tod“ bezeichnet. Betroffene nehmen ihn meist nicht wahr – oder die begleitenden Symptome nicht ernst. Eine Hypertonie wird deshalb meist als Zufallsbefund entdeckt.

Typisch für einen erhöhten Blutdruck sind Kopfschmerzen (Hinterkopf), die kurz nach dem Aufwachen auftreten. Sie sind Folge des nächtlichen Blutdruckabfalls. Weitere Symptome, die mit erhöhtem Blutdruck einhergehen können, sind Schwindel, Schlafstörungen, Nervosität, Übelkeit oder auch Nasenbluten, Ohrensausen und ein gerötetes Gesicht.

Diagnose und Therapie

Meist wird Bluthochdruck erst im Rahmen anderer Untersuchungen entdeckt. Doch auch bei einmaliger Messung sagt ein hoher Wert nichts aus, da der Blutdruck im Laufe des Tages Schwankungen unterliegt. Sport kann ihn zudem nach oben treiben. Nach sportlicher Betätigung sollte also eine gewisse Zeit verstreichen, bis eine Blutdruckmessung durchgeführt wird. Auch wird bei der Messung durch den Arzt das „Weißkittelsyndrom“ nicht selten beobachtet. Dies bedeutet, dass Patienten im Sprechzimmer einfach nervös oder gestresst sind – und der Blutdruck deshalb nach oben schießt.

Um aussagekräftige Werte zu erhalten, ist eine Messung deshalb mehrmals täglich (bis zu sechs Mal) erforderlich. Zudem bieten sich auch Langzeitmessungen über 24 Stunden an. Die weitere Diagnose umfasst eine umfangreiche Anamnese des Patienten. Dabei werden auch die Risikofaktoren miteinbezogen. Diese werden in zwei Gruppen klassifiziert: Zu den behandelbaren Faktoren zählen neben Bluthochdruck noch hohe Cholesterin-Werte, Adipositas oder Diabetes. Nicht behandelbar sind Alter, Geschlecht (Männer sind bis zur Menopause, also bis zu den Wechseljahren häufiger von Hypertonie betroffen als Frauen) und die Genetik. Je mehr Risikofaktoren ein Patient aufweist, desto höher ist sein Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Ist der Bluthochdruck diagnostiziert, kommen meist Medikamente zu dessen Senkung zum Einsatz. Ganz wichtig ist hierbei, dass Arzt und Patient gleichermaßen geduldig sind. Denn: Medikamente wirken nicht sofort am ersten Tag. Bis zu zwei Wochen kann es dauern, bis erste Ergebnisse bei der Messung sichtbar werden. Können die Werte trotz Medikamenten-Gabe nicht vollständig gesenkt werden, wird die Dosis erhöht. Im späteren Verlauf können – ebenfalls zeitlich versetzt – weitere Medikamente zum Einsatz kommen.

Die Vorsorge

Wichtig zu wissen ist, dass frühere Methoden ausgedient haben. So war es in den 1980erJahren noch Praxis, dass als Blutdruck-Idealwert die Formel „100 plus Alter“ angegeben wurde. Dies ist heute anders. Für ältere Patienten gilt ein Richtwert bis 145/85 als „normal“.

In vielen Fällen reicht meist schon eine Änderung des Lebensstils aus, um die Werte zu senken. Empfohlen wird dazu körperliche Bewegung von 15 bis 30 Minuten pro Tag. Zudem ist es ratsam, mit dem Rauchen aufzuhören. Hilfreich sein können auch Entspannungstechniken wie Yoga oder Autogenes Training. +

INFO

+ Im Rahmen der Herzwochen werden auch in Siegen einige Aktionen angeboten. Das Diakonie Klinikum Jung-Stilling plant eine „Herzwochen“-Telefonaktion am Dienstag, 23. November, 16 bis 18 Uhr. Fragen der Anrufer beantworten dabei unter Telefon 0271/221901234 neben Prof. Dr. Dursun Gündüz auch Privatdozent Dr. Damir Erkapic (Leitung Kardiologie und Rhythmologie), Leitender Oberarzt und Leiter Kardiale Bildgebung Dr. Johannes Rixe sowie Oberarzt und Leiter der Intensivstation Dr. Werner Meyners. Und: Am Abend soll es zudem ab 19 Uhr eine Präsenzveranstaltung im Siegener „Lÿz“ geben – sofern es die Corona-Lage zulässt.

+ Das Marien-Krankenhaus Siegen möchte am Samstag, 6. November, einen Herztag ausrichten. Die Moderation der Veranstaltung (Leitung: Prof. Michael Buerke) übernimmt Michaela Padberg. Am Rednerpult in der Siegerlandhalle stehen ab 9 Uhr die Oberärzte Dr. Christoph Blanke, Dr. Sebastian Dietz und Dr. Matthias Janusch sowie Priyanka Böttger und Dr. Fabian Krämer.

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