Vom „Oh jeh!“ zum „Ach ja!“ – Eine Anleitung zur Bewältigung von eigenen Krisen

Perspektivwechsel


26.02.2021
Weissraum Siegerland

Diese Strategie klingt leicht. Aber das ist sie nicht – und außerdem ist das Leben nicht so einfach. Es stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Das Leben ist oft schwierig und wir sind auf dieser Welt, um zu lernen. Die Stimmung von vielen Menschen ist zurzeit angespannt, fast depressiv. Und aus diesem Grund kann eine Lösungsstrategie für persönliche Krisen hilfreich sein. So habe ich mir meinen Beitrag für die vorliegende Ausgabe gedacht – und vielleicht hilft es Ihnen ja wirklich.

Bei mir ist es so: Wenn etwas passiert, das unfair, gemein, böse oder für mich nicht akzeptabel ist, dann haut mich dieses Ereignis einfach erst einmal weg. Ich bin sprachlos, fassungslos und völlig irritiert. Mein Werteverständnis kann das erst einmal nicht einsortieren. Ein Beispiel dazu habe ich im Rahmen meiner Selbstständigkeit erlebt, als ich mit einer Bekannten eine gemeinsame Büronutzung geplant hatte. Ein Büroraum für die Beratung zu zweit. Da für den Einstieg in die Selbstständigkeit ein Büro für eine Person alleine zu kostspielig gewesen wäre, haben wir uns die Kosten geteilt. Wir machen das gemeinsam – so jedenfalls war der Plan.


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HEIKE HENRICHS-NEUSER

MSc Psychologin
www.perspektivwechsel-siegen.de


Gemeinsam, das hatten wir also vereinbart. Nach zwei Monaten des Renovierens, Einrichtens und Austauschs wollten wir beide die Räumlichkeiten nutzen. Dann kündigte mir mein Gegenüber plötzlich an, den Schlüssel in den Briefkasten zu werfen. Sie wäre dann mal raus. Die Gespräche mit ihr nach diesem unerwarteten einseitigen Ausstieg waren anstrengend, irritierend und einfach nur ärgerlich. Die Situation hatte mich sprachlos gemacht. Die nächsten Tage habe ich überwiegend mit Ärger und Fassungslosigkeit verbracht. Es beschäftigten mich dann Gedanken zu unfairem Verhalten und einer merkwürdigen Persönlichkeit. Zusätzlich zu der Unsicherheit über meine geschäftliche Zukunft kam noch die Frage nach dem Warum. Warum das alles?

Ich war ordentlich wütend, aber nach der ersten Aufregung empfand ich im Anschluss intensiver Reflektion über das Geschehene ein Gefühl der Erleichterung. Im Nachhinein wusste ich: Ich hatte meine Mitmieterin falsch eingeschätzt. Sie schien tatsächlich irgendwie merkwürdig zu sein. Ich hatte mich in ihr getäuscht und bin zu vertrauensvoll gewesen. Das hat mich einiges gekostet. Emotional, aber auch finanziell.

Anschließend habe ich mir eine Lösungsstrategie im Umgang mit meiner Krise erarbeitet. Die Mitmieterin war weg und damit auch der damit empfundene Ballast. Jetzt bin ich frei, selbstbestimmt und habe einen eigenen Beratungsraum. Dieser Raum kann – ganz allein – mit meiner positiven Haltung und Arbeit gefüllt werden.

Ich kann meine eigene Bewältigung in der Krise sehen, wenn ich mir nachfolgende Schritte mit den Fragen bewusst mache:

1. Was steckt hinter der Wut? (Wut deckt die Gefühle zu, die dahinterliegen.)
2. Sind da noch mehr Gefühle? (Hilflosigkeit, Trauer ...)
3. Wofür sind die Gefühle da? (sie wollen gefühlt und gewürdigt werden.)
4. Wenn alles raus ist und gefühlt wurde, dann kann ich fragen: Wofür war das Erlebnis dienlich? Wozu war diese Herausforderung gut?
5. Wenn ich all das erkenne, dann kann ich Frieden schließen mit der Situation und eine positive Ausrichtung nach einer Krise beginnen.

In meinem Fall lautete die Frage also: Diente das Erlebnis meiner persönlichen Entwicklung? Wozu war die Erfahrung gut? Meine Antwort, also die Erkenntnis daraus: Ich brauchte eine Mitmieterin, um überhaupt den Mut zu haben, Räumlichkeiten anzumieten. Hätte ich alleine eine Praxis angemietet? Wahrscheinlich nicht. Nach anfänglicher Wut habe ich meinen Blick darauf gerichtet, was mir die Praxis bedeutet – und dass ich den Weg, also den Beginn zu zweit, beschreiten musste. Im Anschluss an das ärgerliche Ereignis richte ich meine Aufmerksamkeit nun auf das, was mein Gewinn aus der Situation sein kann. Die eigene geschäftliche Räumlichkeit zu genießen, das ist meine wertvolle Erkenntnis aus dieser Situation. Der Gedanke hat mich gestärkt. Und ermutigt.

Wenn wir den Widerstand gegen das Ereignis aufgeben und schließlich annehmen können, was ist, dann kommen wir in einen Zustand der Akzeptanz. Aus dieser Position entsteht Entwicklung (Eckhart Tolle).

Viel Erfolg beim Ausprobieren! +
    

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