5 bis 15 Prozent der Menschen in Deutschland leiden an einem Tinnitus

Wenn es klingelt, rauscht und dröhnt

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26.02.2021

Klingeln, rauschen oder dröhnen: Bis zu 15 Prozent der Menschen in Deutschland leiden unter einem Tinnitus. Die Zahl der Patienten steigt seit Jahren, so auch bei Dr. Magdalena Grzonka, Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im MVZ Jung-Stilling (Praxis Freudenberg). Die Therapieansätze sind vielfältig – und auf jeden Patienten individuell zugeschnitten.

Medizinische Definition

Tinnitus: Von diesem – übersetzt aus dem Lateinischen – „Klingeln“ im Ohr sind 5 bis 15 Prozent der Menschen in Deutschland betroffen. Definiert ist der Tinnitus als die subjektive Wahrnehmung eines Geräusches bei Fehlen einer äußeren Schallquelle. Die Bandbreite der Geräusche ist dabei groß. Es kann klingeln, dröhnen oder surren. Einige Patienten nehmen ein Pfeifen wahr, andere ein dumpfes Brummen oder einen hellen Dauerton, ähnlich eines laufenden Staubsaugers.

Als eigenständiges Krankheitsbild ist hierbei der objektivierbare Tinnitus abzugrenzen. Dieser entsteht durch Geräusche erzeugende Prozesse im Körper. Hierzu gehören Strömungsgeräusche in Gefäßen sowie Bewegungsgeräusche im Kiefergelenk oder Mittelohr. Jeder andere Tinnitus wird als Fehlfunktion im Hörsystem erklärt. Er wird als Phantomreiz gesehen, der aufgrund einer gestörten Balance zwischen hemmenden und erregenden Signalen in der gesamten Hörbahn entsteht. Die Hörbahn ist immer in Aktion, sodass immer Nervenimpulse mit Geräuschqualitäten übermittelt werden.

Warum diese aber in die Bewusstseinsebene gelangen, bleibt unklar. Die Geräuschqualität und -intensität kann sehr unterschiedlich sein. Das Geräusch kann ein- oder beidseitig auftreten oder „im Kopf“ wahrgenommen werden. Unterschieden wird zwischen einem kompensierten und einem dekompensierten Tinnitus. Als kompensiert wird ein Tinnitus bezeichnet, wenn der Patient das Geräusch zwar wahrnimmt, aber keinen Leidensdruck hat oder dieses Geräusch nur bei Stress störend wird. Dekompensiert ist ein Tinnitus, wenn er zu einer dauernden Beeinträchtigung führt. Es treten dann weitere Symptome in emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereichen auf, wie etwa Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder Gereiztheit.

Auf der Suche nach der Ursache

Auch wenn man nicht genau weiß, wo der Tinnitus entsteht und wie er physiologisch gebildet wird, macht man verschiedene Faktoren für seine Entstehung verantwortlich (siehe Kasten). Die Rolle von Stress spielt bei der Entstehung eines chronischen Tinnitus´ eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aus klinischen Studien ist bekannt, dass sich bei Tinnituspatienten in mehr als der Hälfte der Fälle begleitende Erkrankungen wie Erschöpfungssyndrom, Angst- oder depressive Störungen finden.

Ziel der klinischen Untersuchung ist es, Entstehungsfaktoren auszumachen. Dabei ergibt sich ein Zeitfenster von bis zu 72 Stunden. Sollte sich der Tinnitus in dieser Zeit vollständig zurückgebildet haben und liegen keine weiteren Symptome wie etwa Kopfschmerzen, Schwindel oder Sehstörungen vor, ist keine Behandlung notwendig. Primärer Ansprechpartner ist der Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der entsprechende Untersuchungen und Hörtestungen durchführt. Im Einzelfall können weitere Untersuchungen relevant werden wie zum Beispiel ein MRT des Schädels, Blutuntersuchungen sowie internistische, neurologische, orthopädische und zahnärztliche Untersuchungen. Dabei sollte ein MRT aufgrund der zusätzlichen Lärmbelastung nur im Ausnahmefall in den ersten sechs Wochen erfolgen.


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DR. MAGDALENA GRZONKA

Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
MVZ Jung-Stilling
Euelsbruchstraße 39, 57258 Freudenberg
Telefon: (02734) 8676,
E-Mail: mvz-hno@diakonie-sw.de


Zusammenhang zwischen Tinnitus und psychischen Erkrankungen

Eine psychosomatische beziehungsweise psychologische Untersuchung ist nötig bei beginnender Dekompensation und hoher Tinnitusbelastung. Verschiedene Studien haben den Zusammenhang zwischen Tinnitus und psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst- und Zwangsstörungen nachgewiesen.

Ist der Tinnitus im Rahmen einer anderen Erkrankung als Symptom aufgetreten, so ist primär diese zu behandeln. Die Chancen auf eine Rückentwicklung des Symptoms Tinnitus sind dann als gut zu bewerten. Ursächliche Behandlungen kann man unter anderem bei Entzündungen, Tumoren der Nervenbahnen, Tubenbelüftungsstörungen, Gefäßerkrankungen, Medikamentennebenwirkungen und Mangelernährung erwarten. Anders sieht dies bei einem Tinnitus aus, bei dem keine andere zugrundeliegende Erkrankung zu finden ist.

Innerhalb der ersten drei Monate wird ein Tinnitus als akut bezeichnet. Als Therapieoption wird von der deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde die Cortison-Gabe empfohlen – in Form von Tabletten, Infusion oder direktem Einspritzen ins Mittelohr. Wissenschaftliche Studien, die die Wirksamkeit beweisen können, gibt es jedoch nicht. Bei Vorliegen eines chronischen länger als drei Monate vorliegenden Tinnitus wird diese Therapie nicht mehr empfohlen.

Substanzen auf Wirksamkeit hin überprüft

Die HNO-Gesellschaft hat verschiedene Therapien auf ihre Wirksamkeit hinterfragt. Es liegen für kein einziges Präparat die Effektivität beweisende Untersuchungen vor. Entsprechend ist auch weder von der Europäischen Arzneimittelagentur noch von der „Food and Drug-Administration“ ein Präparat für die Behandlung von chronischem Tinnitus zugelassen.

Substanzen wie Ginko biloba, Cortison, Glutamat-Antagonisten, Melatonin, Dopamin, Antidepressiva sowie diverse Nahrungsergänzungsmittel und Antioxidanzien wurden auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. Trotz der vielen Patienten, die an einem Tinnitus ohne zugrundeliegende Erkrankung leiden, liegen auch bezüglich physikalischer Therapieverfahren keine ausreichend großen Studien vor. Dies gilt für die manualmedizinische oder krankengymnastische Behandlung der Halswirbelsäule, zahnärztliche Funktionstherapien, hyperbare Sauerstofftherapie, elektomagnetische Verfahren, Musiktherapie, Akupunktur, Tinnitusmasker, die den eigenen Ton überdecken sollen, oder Hörgeräteversorgung. Sinn haben diese Therapien nur, wenn eine entsprechende Grunderkrankung aus diesen Fachbereichen vorliegt, die somit behandelt werden kann.

Wenn man keine Therapie empfehlen kann, die den Tinnitus wirklich heilt, so kann dem Betroffenen wie bei vielen anderen chronischen Erkrankungen nur Rüstzeug an die Hand gegeben werden, um mit dem Tinnitus zu leben. Zielführend ist hier die Therapie bei einem Psychologen oder Psychiater, der sich auf Verhaltenstherapie spezialisiert hat und begleitende psychische Erkrankungen behandeln kann. Dieses Vorgehen ist das einzige, das seine Wirksamkeit in verschiedenen Studien bewiesen hat.

Psychologische Hilfe in Anspruch nehmen

Auch wenn ein ständiges Geräusch im Kopf irritierend und belastend ist, so ist der Umgang damit bei jedem Betroffenen anders. Wenn man jedoch merkt, dass dieses Geräusch die normale Handlungsfähigkeit beeinträchtigt, sollte man weder Zeit noch Geld in diverse Therapien investieren, sondern psychologische Hilfe zu Rate ziehen, um wieder in einen normalen Alltag zu finden. Häufig verstummt dann das Geräusch von allein. +

WELCHE FAKTOREN TINNITUS BEGÜNSTIGEN

+ Hörminderung
+ Lärmbelastung
+ Alterungsprozesse
+ Schädigende Medikamente und Chemikalien
+ Entzündungen
+ Durchblutungsstörungen
+ Mangel an Vitaminen und Spurenelementen
+ Stress

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