Hohes Cholesterin – Wenn es nicht mit und auch nicht ohne geht

Die Werte müssen runter


26.02.2021
Physiotherapie Jens-Oliver Hain

Cholesterin gehört der Gruppe der Fette an und ist ein lebenswichtiger Baustein, denn ohne Cholesterin wäre Leben nicht möglich. Ein chronisch erhöhtes Blutcholesterin (Hypercholesterinämie) ist jedoch gefährlich, da es die Entstehung der Arteriosklerose begünstigt. Dies führt langfristig zu Gefäßerkrankungen und kann Ursache für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder die periphere arterielle Verschlusskrankheit sein.

Gut gegen schlecht

Insgesamt benötigt der menschliche Körper täglich nur wenige Gramm Cholesterin (1–2 g), die er zu ca. 90 Prozent selbst herstellen kann; nur ein kleiner Teil (ca. 0,2 g) muss täglich über die Nahrung aus dem Darm aufgenommen werden. Cholesterin wird im Blut an Eiweißstoffen zu sogenannten Lipoproteinen gebunden. Die beiden diagnostisch bedeutendsten sind das LDL (low density lipoprotein) und das HDL (high density lipoprotein). LDL transportiert im Blut das körpereigen produzierte Cholesterin von der Leber zu den Körperzellen, welche das Cholesterin ins Zellinnere aufnehmen und für Stoffwechselprozesse verwenden. Das Lipoprotein HDL transportiert das überschüssige Cholesterin von den Körperzellen zurück zur Leber, welche das überschüssige Cholesterin in Gallensäuren umwandelt und über die Galle ausscheidet. Aus diesem Grund bezeichnet man HDL auch laiensprachlich als „gutes“ und das LDL als „schlechtes“ Cholesterin, gleichwohl, dass der Körper auch eine geringe Menge an LDL zum Leben benötigt.


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DR. MED. HANS-PETER HOBBACH

Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin am Kreisklinikum Siegen


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DR. MED. ANASTASIA J. HOBBACH

Kreisklinikum Siegen


Die Ursachen für einen zu hohen Cholesterinspiegel sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielen die genetische Veranlagung, die Lebensweise, aber auch Medikamente (z.B. Anti-Baby-Pille) oder vorliegende Begleiterkrankungen (z.B. Zuckerkrankheit). Bei einem stark erhöhten Cholesterinwert (LDL-Cholesterin > 190 mg/dl oder Gesamt-Cholesterin > 310 mg/dl) besteht der dringende Verdacht auf eine sogenannte familiäre Hypercholesterinämie. Der Normalwert für den Cholesterinspiegel ist in erster Linie von Vor- und Begleiterkrankungen abhängig. Bei Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung wird ein deutlich geringerer LDL-Cholesterinwert (
Symptome und Diagnostik des hohen Cholesterins

Ein erhöhter Cholesterinwert im Blut verursacht selbst keine direkten Beschwerden; dies ist auch das Tückische an der Hypercholesterinämie. Cholesterin beginnt sich bei hohen Blutkonzentrationen in die Gefäßwände einzulagern und begünstigt die Entstehung der Arteriosklerose. So entstehen Folgeerkrankungen wie z.B. die der koronaren Herzerkrankung. Eine regelmäßige Kontrolle der Cholesterinwerte in der Hausarztpraxis ist daher empfehlenswert.

Festgestellt wird eine Hypercholesterinämie durch eine venöse Blutabnahme. Laborchemisch sollten neben dem Gesamtcholesterin im Blut auch das HDL- und LDL-Cholesterin bestimmt werden. Bei stark und lang erhöhten Cholesterinwerten, wie bei der unbehandelten familiären Hypercholesterinämie, können die Cholesterinablagerungen auch äußerlich sichtbar werden, z.B. an den Augenlidern (Xanthelasmen), in der Hornhaut (Arcus lipoides corneae, der Greisenring) oder über Muskelsehnen (Xanthome). Ein Abfragen weiterer Risikofaktoren für eine Gefäßerkrankung (Rauchen, Bluthochdruck, Familienanamnese für Herzerkrankungen und Schlaganfälle, Übergewicht, Bewegungsmangel) ist bei erhöhten Werten ebenfalls erforderlich.

Gesunder Lebensstil und Medikamente bekämpfen das schlechte Cholesterin

Sind die Cholesterinwerte im Blut stark erhöht und liegt eine erhöhte Risikokonstellation für eine koronare Herzerkrankung vor, bzw. ist bereits eine koronare Herzerkrankung bekannt, sollte der Blutcholesterinwert gesenkt werden. Die Basis stellen dabei zunächst konservative Maßnahmen, wie eine gesunde Ernährung und eine Steigerung der körperlichen Aktivität dar. Meistens sind diese Maßnahmen jedoch nicht ausreichend und eine unterstützende medikamentöse Therapie wird notwendig.

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Die bekannteste Medikamentengruppe stellen die Statine dar. Statine hemmen das Cholesterin-Synthese-Enzym der körpereigenen LDL-Cholesterinsynthese und verringern den LDL-Gehalt im Blut, sodass die Körperzellen damit beginnen, das restliche LDL aus dem Blut stärker aufzunehmen; der freie LDL-Gehalt sinkt im Blut und es wird weniger LDL in die Gefäßwände eingelagert. Insgesamt kann so der LDL-Spiegel um bis zu 40 Prozent gesenkt werden. Manche Patienten beklagen auf die Statin-Therapie Muskelschmerzen und Müdigkeit, doch meist lässt sich dies durch eine geringe Anfangsdosis und langsame Dosissteigerung verhindern. Nur selten liegt eine echte Kontraindikation gegen eine Statintherapie vor. In einigen Fällen reicht ein Wechsel innerhalb der verschiedenen Statinpräparate aus, um diese Nebenwirkungen zu umgehen. Sinkt der Cholesterinwert unter den Statinen nicht ausreichend ab oder liegt eine echte Unverträglichkeit vor, kann auf andere Präparate wie z.B. Ezetimib ausgewichen oder die Statintherapie um dieses ergänzt werden. Ezetimib hemmt die Cholesterinaufnahme im Darm und senkt das LDL-Cholesterin im Blut um bis zu 20 Prozent.

Die Forschung bleibt am Ball

Eine neuere Substanzklasse sind die PCSK9-Inhibitoren (Evolocumab, Repatha®). PCSK9 ist ein körpereigenes Eiweiß, welches den Abbau von LDL-Rezeptoren (nehmen LDL in die Zelle auf) steigert. Der PCSK9-Inhibitor Repatha® neutralisiert das PCSK9, verhindert so den Abbau von LDL-Rezeptoren und es kann mehr LDL in die Zellen aufgenommen werden. Der Cholesterinspiegel wird so um ca. 55 Prozent gesenkt. PCSK9-Inhibitoren können auch mit Statinen und/oder Ezetimib kombiniert werden und wirken synergistisch. Ende 2020 wurde zudem ein weiteres Medikament zur Senkung des Cholesterins zugelassen (Bempedoinsäure (Nilemdo®)). Es greift ebenfalls in die körpereigene Cholesterinsynthese ein. Es sind jedoch keine Muskelschmerzen beschrieben und der zusätzliche Einsatz zu einem CSE-Hemmer und/oder Ezetimib ist hierbei möglich. Eine weitere Substanz, Inclisiran, steht nun vor der Zulassung. Es hemmt die körpereigene Produktion des PCSK9 in der Leber. Das Medikament muss nur alle sechs Monate unter die Haut gespritzt werden und senkt das LDL-Cholesterin um ca. 50 Prozent.

Sollten alle genannten Therapien versagen, kann eine LDL-Apherese, eine Art Blutwäsche (Dialyse) durchgeführt werden, welche LDL aus dem Blut auswäscht. Das Cholesterin in unserem Blut gelangt nicht in unser Gehirn, die Blut-Liquor-Schranke verhindert dies. Das Gehirn ist völlig autark und produziert sich sein erforderliches Cholesterin selbst. Somit bestehen keine Bedenken, dass durch eine massive Cholesterinsenkung im Blut kognitive Störungen, z. B. eine Demenz, ausgelöst oder verstärkt werden können. Eine Hypercholesterinämie muss bei einem entsprechenden Risikoprofil behandelt werden, um Folgeerkrankungen zu verhindern. Die Therapie basiert auf Lebensstilveränderungen und Medikamenten; Letzteres erfährt eine ständige Innovation. +
    

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