GASTRONOMIE: Eine Branche erwacht aus dem Dornröschenschlaf / Endlich: Immer mehr Betriebe öffnen für ihre Gäste

Gläserklirren und lachende Menschen

Lange mussten wir auf solche Bilder warten, aber seit einigen Tagen dürfen wir es uns wieder vor Ort im Restaurant gut gehen lassen. Foto: dpa

8.06.2021

Wirte und Hoteliers können jetzt zeigen, was in ihnen steckt.

Gläserklirren, lachende Menschen, gutes Essen – endlich, nach siebenmonatigem Dornröschenschlaf, erwacht auch die heimische Gastronomie wieder zum Leben. Zwar laufen die Zapfhähne längst noch nicht in einem durch, aber sie werden nach (viel zu) langer Zeit wieder mal bedient. Und das tut gut, sowohl den Wirten als auch ihren Gästen. Normalität kehrt zurück. „Grundsätzlich ist die Stimmung in den Betrieben optimistisch“, weiß Lars Martin vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Westfalen. Die Ereignisse der vergangenen Tage haben offenbar Spuren hinterlassen. Positive. Endlich mal...

Nun gibt es die Perspektive, um die die Branche lange Zeit hatte kämpfen müssen. Die Inzidenzen sind gesunken, Corona-Regeln wurden gelockert. In der neuen Coronaschutzverordnung ist nun ganz klar geregelt, was erlaubt ist – und was nicht. Oder etwa doch nicht? „Tatsächlich sorgt die Verordnung nach wie vor für Verunsicherung, Tag für Tag erhalten wir immer wieder Anfragen“, gibt der stellv. Hauptgeschäftsführer Einblick in seinen Berufsalltag. Was ist wann und wo erlaubt? Mit wie viel Freunden darf ich an einem Tisch sitzen? Unter welchen Voraussetzungen ist eine Party eine Party? Das zu beantworten sei in der Tat nicht so einfach, sagt der heimische Gastronomieexperte, zumal manche Lockerungen auch vom NRW-Wert und nicht nur von den lokalen Inzidenzen abhängig seien. Jetzt aber habe man den Durchblick. Fakt ist: Die Außengastronomie darf zurzeit ohne negativen Test genutzt werden. Gleiches wird wohl schon in wenigen Tagen auch für die Innenräume gelten, sofern die Zahlen weiterhin in die richtige Richtung gehen, also nach unten. „Wenn der Wert in ganz Nordrhein-Westfalen auf unter 35 sinkt, gibt es faktisch keine Kontaktbeschränkung mehr“, fasst der Dehoga-Experte zusammen.

Nun also können die heimischen Wirte und Hoteliers zeigen, was in ihnen steckt – und dass die aufgestellten Hygiene- und Schutzkonzepte tatsächlich auch greifen. Lars Martin jedenfalls ist davon überzeugt. Von Tag zu Tag würden jetzt immer mehr Betriebe ihre Türen öffnen. „Die Maschinerie läuft langsam an.“ Das sei nicht selbstverständlich: „Wir sind ja keine Branche, wo man auf einen Knopf drückt und das Licht geht an.“

Das Hauptproblem bestehe darin, Personal zu reaktivieren beziehungsweise ganz neu zu gewinnen. „Viele Aushilfen befinden sich noch immer in Kurzarbeit, bei anderen ruhen die Arbeitsverträge, wiederum andere sind ganz weg und arbeiten jetzt in einer anderen Branche.“ Beim Restart der Gastronomie seien aber nicht nur arbeitsrechtliche Dinge zu berücksichtigen, sondern auch organisatorische. So müssten zum Beispiel Getränke bestellt, Kühlhäuser gefüllt oder auch Maschinen auf ihre Funktion hin überprüft werden. „Einige Gastronomen haben sich mit der Öffnung Zeit gelassen, weil sie erst einmal schauen wollten, wo die Leistungsfähigkeit ihres Betriebes liegt. Man möchte ja nicht aufmachen und dann im Chaos versinken.“


"Wir freuen uns jetzt in erster Linie auf Gäste, die Spaß daran haben, in die Gastronomie zu kommen."

Lars Martin
Stellv. Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Westfalen


Man dürfe ja nicht vergessen, dass viele Gastronomiebetriebe seit dem 2. November geschlossen waren – kein Weihnachtsgeschäft, kein Ostergeschäft, kein Pfingsgeschäft. „Und auch Vatertag und Muttertag sind in diesem Jahr als umsatzstarke Tage ausgefallen.“ Und doch blicke die Branche optimistisch in die Zukunft, wenngleich hier und da mit sorgenvoller Miene. Denn Kredite, die in den zurückliegenden Monaten aufgenommen werden mussten, um über die Runden zu kommen, müssten nun allmählich zurückgezahlt werden. Hinzu komme die Unsicherheit rund um die Corona-Überbrückungshilfe: Halten die Zahlen einer Überprüfung stand oder müssen Gelder gar zurückgezahlt werden?

Wie auch immer: „Jetzt aufmachen zu können, ist schön und gut. Aber wenn jetzt die Gläubiger kommen und sagen, sie möchten ihr Geld zurückhaben, dann wird es bei einigen eng.“ Ja, das Öffnen sei der Lichtblick, auf den man lange gewartet habe. Aber der zu erwartende Umsatz sei nicht mit dem vergangener Zeiten zu vergleichen – bei trotzdem hohem Aufwand. Gearbeitet wird in vielen Häusern defizitär, zumindest jetzt am Anfang. „Unterm Strich wird also nicht viel Geld übrig bleiben, um einen möglichen Schuldenberg abzubauen“, sagt Lars Martin. Er rechnet damit, „dass es tröpfchenweise Insolvenzen geben wird“. Die Zukunft wird es zeigen. Danken möchte Lars Martin allen Menschen in der Region, die – zumindest dort, wo es möglich war – fleißig Gerichte bestellt und mit nach Hause genommen haben. Diese Unterstützung sei wichtig gewesen. „Ich habe wirklich nur Gutes von den Gastronomen gehört, sie haben in den vergangenen Monaten viel Zuspruch erfahren. Man hat sich vom Staat im Stich gelassen gefühlt, aber unsere Gäste haben das oft aufgewogen.“ Und jetzt?

„Wir freuen uns jetzt in erster Linie auf Gäste, die Spaß daran haben, in die Gastronomie zu kommen.“ Wer nicht gleich einen freien Tisch zugewiesen bekomme, solle darüber bitte nicht böse sein, sondern Verständnis zeigen – die Mindestabstände müssten ja auch weiterhin eingehalten werden; die Kapazitäten seien also noch nicht wieder bei 100 Prozent. „Insgesamt kann alles noch etwas chaotisch sein, auch hier bitte ich um Verständnis. Die Leute haben sieben Monate kein Tablett mehr in den Händen gehalten, das darf man nicht vergessen.“ Rücksicht und Verständnis seien nun wichtig, um der Branche wieder auf die Beine zu helfen. Michael Wetter, wette

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