SIEGEN: Die evangelische Nikolaikirche begeistert die Menschen nicht nur mit dem Krönchen und einer goldenen Taufschale aus der Inka-Kultur

Goldene Schätze aus untergegangenen Zeiten

Sie leuchtet in majestätischem Glanz und erhellt jeden Raum mit ihrer erhabenen Gestalt, die von längst vergessenen Hochkulturen kündet und den Geist verflossener Jahrhunderte in sich trägt: die alte, kostbare Taufschale, die sich in der evangelischen Nikolaikirche Siegen als gut gehüteter Schatz befindet. Noch heute wird sie ausschließlich für besondere Festtage aus einem meterdicken und besonders gesicherten Tresor hervorgeholt, der irgendwo in einem verborgenen Zimmer steht, ganz so, wie es ihr namhafter Stifter, Fürst Johann Moritz zu Nassau-Siegen, einst vorgesehen hat. „Die Taufschale von Fürst Johann Moritz ist wirklich etwas ganz Besonderes“, sagt auch Küster Stefan Kober, als er den verborgenen Kirchenraum betritt. Er macht Licht, schließt die Türe hinter sich und zieht sich dann die Sicherheitshandschuhe über. Dann schließt er langsam den Tresor auf. Wenige Augenblicke später schon hält er das kostbare Objekt in den Händen. Und wirklich, die Schale leuchtet, schimmert und glänzt in aller Pracht, dass es nur so eine Art hat. Auf ihren Rändern reihen sich wundersame Bildergeschichten aneinander. Fantasiegestalten aus der Inka-Kultur umgarnen fremde Herrscher. Wohlgestaltete Schützen spannen ihren Bogen zum Schuss, geflügelte Geschöpfe huschen vorüber, dazwischen leuchten einfache Holzhütten aus dem Tohuwabohu dieser wundervoll stilisierten Szenen auf und schenken den versunkenen Geschichten aus früherer Zeit neues Leben.

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„Diese vergoldete Silberschale ist im wahrsten Sinne des Wortes von unschätzbarem Wert“, sagt Stefan Kober leise, „denn es gibt sie weltweit nicht noch einmal in dieser Form. Es handelt sich bei diesem Objekt mit einem Durchmesser von 54 Zentimetern aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Erzeugnis, das einst in einer Inka-Werkstatt im Gebiet von Cuzco im Hochland von Peru hergestellt worden sein muss. Sie enthält unter anderem indianische Motive und Sagenfiguren, lässt aber auch in Symbolen und Bildern spanisch-europäischen Herrschafts-Einfluss in Peru erkennen“, so der Küster.

In ihre Oberseite sind Stempel mit Krone und der Jahreszahl (1)586 eingeprägt, und auf der Unterseite befindet sich eine Marke mit den Initialen „PHI“. Diese Prägungen sind mit großer Wahrscheinlichkeit als Münz- bzw. Silbermarken des spanischen Königs Philipp II. (1556 bis 1589, seit 1580 auch König von Portugal) anzusehen. Sie legen damit nicht nur die Entstehungszeit der Schale fest, sondern deuten auch auf ihre Verwendung als offizielles Zahlungsmittel. „Als Fürst Johann Moritz in Brasilien weilte, hat ihm der König von Kongo, in dessen Besitz die Schale in der Kolonialzeit gelangte, zum Geschenk gemacht. Und Johann Moritz brachte sie schließlich mit dem Schiff nach Europa und dann in unsere Heimatstadt nach Siegen, wo er sie der heimischen Kirchengemeinde stiftete.“ Damit hatte das schimmernde Objekt manche Meilen und abenteuerliche Reisen hinter sich bringen müssen.
    

Unter dem Fuß der Schale sind noch heute in lateinischer Sprache der Widmungstext und ein historischer Abriss zur Schale in klaren Worten nachzulesen, wenn dort geschrieben steht: „Johann Moritz, Fürst von Nassau, weiht 1658 dieses Geschenk, das er, als er in Brasilien Regierungsgeschäfte wahrnahm, von einem afrikanischen König im Kongo erhielt, zum Gebrauch der Heiligen Taufe der reformierten Kirche Siegens.“

Wahrscheinlich hat Johann Moritz, als er 1658 als Vertreter des Großen Kurfürsten von Brandenburg der Wahl von Kaiser Leopold I. in Frankfurt beizuwohnen hatte, die Schale dorthin mitgenommen und hier für die Schenkung an die Gemeinde in Siegen herrichten lassen. Dazu ließ er an die Schale ihren jetzigen Fuß anbringen und veranlasste zudem eine Gravur im Schalen-Inneren, die das fürstliche Wappen, die Fürstenkrone, das Johanniterkreuz und den Elefant am Bande als Hinweis auf den Elefantenorden des dänischen Königs Frederik III. zeigen.

„Wie viele Menschen empfingen aus ihr seither das Sakrament der Heiligen Taufe! Wieviel Wasser der Taufe hat seit dem 1. August 1658 dieses Gefäß gefüllt!“, schreibt dazu auch Dr. Theol. Hermann Eberhardt. „Die Jahrhunderte im heiligen Gebrauch werden die Schale denn auch von allem Dunklen gereinigt haben, das sich in den acht Jahrzehnten ihres kolonialen Schicksals auf ihr ablagerte, als sie Zahlungsmittel in den Händen von Sklavenhändlern war. Aus der Tiefe ihrer kunstfertigen Gestalt mag nun immer deutlicher entgegenkommen, dass mit ihr die Welt sichtbar wird, die Gott, der Herr, bis an ihr Ende mit seiner Liebe umfängt.“

Weiterhin gehören zu den Schätzen der Nikolaikirche zweifelsohne zwei vergoldete Becher aus Silber von 1623 aus dem Besitz der Eltern von Johann Moritz, Graf Johann des Mittleren (1561 bis 1623) und seiner zweiten Frau, Margaretha geb. Herzogin zu Holstein-Sonderburg (1583 bis 1658). „Auch diese beiden Kelche sind noch heute zum Abendmahl im Gebrauch“, so Stefan Kober. „Im Jahr 1658 muss der Fürst der Gemeinde daneben wohl auch noch einen Abendmahlsteller und zwei Abendmahlskannen zum Geschenk gemacht haben. So wie er generell manche evangelische Kirche hier in der Region mit ähnlichen Stiftungen bedachte.“

Ein weiterer Schatz strahlt seit vielen Jahrhunderten weit über den Dächern der Stadt: das gleichzeitige Wahrzeichen Siegens: das goldene „Krönchen“. Auch dieses Symbol geht auf seinen Stifter Johann Moritz zurück. Als dieser nämlich 1652 in den Reichsfürstenstand erhoben wurde, ließ er die Krone anfertigen und platzierte sie auf dem Turm der Nikolaikirche. 1658 wurde sie im Hammer vor der Hardt in Weidenau von Gerlach Burchmann, Jacob Schleifenbaum und Johannes Pickardt aus Eisen geschmiedet. „Das Original des Krönchens hängt heute im Turmraum hinter dem Hauptportal an sicherer Stelle“, so Stefan Kober, „1992 musste ein Replikat angefertigt werden, weil das Orignal leider sichtlich in die Jahre gekommen war. Das jetztige Krönchen, das in der Siegener Kunstschlosserei Sarges hergestetllt wurde, besteht komplett aus Edelstahl und wurde darüber hinaus mit Blattgold versehen.“ So schwingen der Geist und das Streben des großen Fürsten für die evangelische Kirche und die Stadt Siegen noch heute in diesen sichtbaren Symbolen weiter. „Aber Johann Moritz hat sich sehr wohl etwas dabei gedacht, als er das Krönchen als Symbol auf den Kirchturm transportieren ließ, denn wenn man einmal genauer hinschaut, befindet sich über dem weltlichen Herrschersymbol der Krone ein Wetterpfeil. Dieser Wetterpfeil repräsentiert die himmlische Ordnung. Nur sie kennt die Richtung, in die die Wolken wechseln, und nur sie gebietet den weltlichen Gesetzen. Damit trägt am Ende die Nikolaikirche durchaus ein geistliches Symbol, das über allem Weltlichen liegt.“

Die Geschichte der Kirche, deren Schutzpatron der Heilige Nikolaus ist, führt dabei bis weit ins Mittelalter zurück. „Seit jeher schon prägte eine Kirche auf dem Siegberg das Bild der Stadt als sichtbares Zeichen. Architektonisch stellt das Gotteshaus in jeder Hinsicht eine Besonderheit dar, da es sich bei ihm um das einzige romanische Hallenhexagon nördlich der Alpen handelt“, so Stefan Kober. An die sechseckige Halle sind wiederum ein rechteckiger Chor und eine halbrunde Apsis angeschlossen. „Die Forschung geht heutzutage davon aus, dass die gesamte Anlage zusammen errichtet wurde und im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts abschließend ihre Form erhielt.“ „Im Laufe der Geschichte wurde diese Kirche mehrfach umgebaut und am 16. Dezember 1944 bei einem Bombenangriff fast vollständig zerstört. Nur das Krönchen überstand den Angriff auf der Spitze des Turms, und die Taufschale konnte mit weiteren Kirchschätzen in Sicherheit gebracht werden“, so der Küster.
    

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