NETPHEN: Das evangelische Gotteshaus blickt als ehemalige Wehrkirche auf eine turbulente und abenteuerliche Geschichte zurück

Eine wahrhaftige Burg des Herrn

Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue“ heißt es in Psalm 91, Vers 2 und diese Worte treffen allem voran auch auf die evangelische Kirche Netphen zu. Denn ihre altehrwürdigen festen Mauern stehen seit Jahrhunderten schon für Schutz und Sicherheit für die Menschen umher. „Die jetzige Kirche war ursprünglich eine Wehrkirche und besaß früher einmal Schießscharten, dort, wo sich jetzt Fenster befinden“, sagt auch Heinz Stötzel, der sich intensiv mit der Geschichte des Gotteshauses beschäftigt und auch spannende Führungen an Ort und Stelle durchführt. Wenn einst Feinde den Ort bedrohten, boten die Mauern der Kirche den Menschen durchaus eine Zuflucht bieten. „Die Mauer, die den alten Friedhof umschließt, ist etwa 330 Meter lang. Über deren ursprüngliche Höhe ist aber nicht bekannt. Ob sie als äußerer Verteidigungsring dienlich war, ist fraglich“, so Heinz Stötzel. Hatten die Menschen der damaligen Zeit, wiederum die Möglichkeit, sich in der Kirche zu verbarrikadieren, waren sie dort erst einmal sicher. „Man muss aber im Hinblick auf den festen Turm sagen, dass dieser im Bereich der Glokkenstube und der darüber liegenden Gewölbestube durch die Turmmauer und bis zur Glockenstube vom Kirchenschiff aus zu erreichen war und ist. Beide Zimmer boten etwa zehn Personen jeweils Platz“, so Heinz Stötzel. Der Turm verfügte jedoch über keine Wasserversorgung, so dass bei einer ernstahften Belagerung die Insassen bald hätten aufgeben müssen.“

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Alte Überlieferungen besagen zudem, dass es unterhalb der Kirche einen Fluchttunnel gegeben haben soll, der unter den Chorraum führte. „Dessen Zugang ist in der Nähe des Obernau-Baches, etwas oberhalb vom Marktplatz, zu finden“, so Heinz Stötzel. „Vielleicht ist stammt dieser Tunnel noch aus den Zeiten des 30-jährigen Krieges“ – Genaueres über die Bauzeit wisse man dazu leider nicht. Der Tunneleingang wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zugemauert. Die Stelle ist bekannt. „Feststeht, dass es zur Zeit des Zweiten Weltkrieges einen weiteren Stollen gab, der seinen Eingang etwa 30 Meter bachaufwärts hatte, bis unter den Friedhof reichte und den Menschen hinter den dicken Mauern Schutz vor Beschuss bot.“ Auch hier erhalten die Worte Jesu Christi, wie sie der Apostel Johannes in der Heiligen Schrift wiedergibt, eine ganz besondere Bedeutung, wenn es dort heißt: „In der Welt habt ihr Bedrängnis; doch seid getrost: ich habe die Welt überwunden!“ (Johannes Kapiel 16, Vers 33). Und da jene Mauern von Menschen geschaffene Werke darstellen, darf man auch den Trost spendenden Spruch aus Epheser Kapitel 2, vers 20 nicht vergessen, der besagt: „Durch die mächtige Kraft, die in uns wirkt, kann Gott unendlich viel mehr tun, als wir je bitten oder auch nur hoffen würden.“

„Man muss einmal bedenken, dass etwa zwischen 1230 und 1260 insgesamt vier solcher Martini-Kirchen in der näheren Region gebaut wurden“, so Heinz Stötzel. „Die heutige evangelische Kirche in Raumland gehört dazu, die man dort aber Bonifatiuskirche nennt. Die evangelische Kirche in Feudingen, die Kirche in Netphen und die Martini-Kirche in Siegen sind alle in der gleichen Bauzeit entstanden. Alle vier Kirchen wurden ganz bewusst auf einer Erhöhung, zwischen zwei Bächen liegend erbaut. Diese erhöhte Lage der Kirchen wurde wegen der Unübersehbarkeit und des damit verbundenen biblischen Zeugnisses gewählt. Auch war die Verteidigungsmöglichkeit an erhöhter Stelle größer.“
   

Der Weg zur evangelischen Kirche von Netphen hinauf ist sehr steil. „Wer den Aufstieg und die vielen Treppenstufen bewältigt hat, den erwarten hinter der Kirchentür noch einmal Stufen.“ Und in der Kirche hat der Eintretende noch einmal eine Steigung bis hinauf zum Chorraum vor sich. Damit richtete sich der Blick der Besucher automatisch hinauf zum Abendmalstisch.

In früheren Zeiten hingen auch in der Eingangshalle im Turm des stolzen Gotteshauses drei Seile von der Gewölbedecke herab, mit denen die Glocken geläutet wurden. Noch heute kann man die Öffnungen deutlich sehen. Und es ist überliefert, dass Konfirmanden früherer Generationen sich wohl einen Spaß daraus machten, sich beim Läuten bis unter die Gewölbedecke ziehen zu lassen, was bisweilen mit manchen Blessuren und auch Stürzen aus der schwindelnden Höhe hinab einher ging. Aber diese Zeiten sind lange vorbei.

„Es gibt derlei noch viele weitere spannende Geschichten, die rund um unsere evanglische Kirche in Netphen existieren und die das Gotteshaus hier zu etwas ganz Besonderem machen“, berichtet der Experte weiter. „ So befanden sich beispielsweise auch noch bis zur großen Kirchenrenovierung 1967/68 im Chorraum des Gotteshauses die alten, aus massivem Eichenholz gefertigten Schöffenbänke. Sie waren auf der linken und rechten Seite mit den Außenmauern fest verbunden und boten jeweils bis zu fünf Personen Platz.“ Bis 1817 seien diese Bänke den Schöffen vorbehalten gewesen, die am Gerichtssitz in Netphen tätig waren. „Die Rechtsprechung aber erfolgte nicht in der Kirche sondern in dem alten Gerichtsgebäude, welches jetzt das Gemeindehaus an der Lahnstraße ist. Es ist umgebaut und erweitert worden, bevor es der jetzigen Nutzung zugeführt werden konnte.“

Zu früheren Zeiten wurde in dieser Kirche auch beerdigt, bis dies von der Obrigkeit aus hygienischen Gründen allgemein verboten wurde. Die letzten benennbaren Grabstätten in der Kirche stammen aus dem Jahr 1741 und führen den katholischen Pfarrer Anton Loos und 1748 die Frau des evangelischen Pfarrers Johann Goebell, namens Agnes, auf. Lange Zeit diente das Gotteshaus den Menschen als Simultankirche. „Seit dem Westfälischen Frieden 1648 wurde die Kirche von 1651 von beiden Konfessionen nebeneinander genutzt, von katholischer wie evangelischer Seite“, so Heinz Stötzel. „Die ses Simultaneum war in den darauf folgenden 100 Jahren von mancherlei Streit, genseitiger Missachtung und Konkurrenzkampf belastet.“ Gerade im 18. Jahrhundert kam es immer wieder zu Übergriffen zwischen Katholiken und Mitgliedern der evangelischen Gemeinde. „Am 1. Pfingstttag 1753 nahm sich schließlich der katholische Vikar Pfeiffer die evangelische Bibel vor, riss ein paar Seiten heraus und fügte anderen Seiten tiefe Schnitte zu. Die Bibel existiert übrigens auch heute noch, und man sieht in ihr, dass Pfarrer Johann Goebell wohl unmittelbar nach diesem Vorfall die fehlenden Seiten durch handschriftliche Blätter ersetzte.“ Erst in Jahren danach wurde ein friedliches Nebeneinander beider Konfessionen an Ort und Stelle möglich, bis die Kirche voll und ganz ein evangelisches Gotteshaus wurde und die Katholiken in die eigene Kirche in der Ortmitte umzogen.

An weiteren Besonderheiten, die das Gotteshaus sein Eigen nennt, fällt Heinz Stötzel, unter anderem auch die kunstfertig geschnitzte Kanzel ein, von derauch heute noch das Wort Gottes verkündet wird und die mit ihren aus Holz geschnitzten Früchten und den Engelsgesichtern einen Hinweis auf das Paradies enthält. „Diese Kanzel wurde bei der Kirchenrenovierung 1967/68 von der Obernauer Seite auf die Deuzer Seite versetzt, wo sie viele Jahrhunderte platziert war. Es handelt sich bei ihr um eine feste Kanzel , die zwischen 1660 und 1690 erbaut wurde.“ Aber HeinZ Stötzel nennt in diesem Zusammenhang auch das Tafelkreuz aus Holz im Chor hinter dem Abendmalstisch, die anmutige Orgel und die Kirchenglocken mit ihrem einprägsamen Klang. „Und natürlich ist auch der angeschlossene historische Friedhof voller spannender Geschichten, wenn man bedenkt dass man hier unter anderem auch das Grab der bekannten Netphener Dichterin Katharina Dietz findet.“

Wer jetzt, in den festlichen Tagen wieder einmal die evangelische Kirche Netphen besucht und gemeinsam mit anderen in Gebeten und Liedern die Geburt des Herrn Jesus Christus feiert, der wird bestimmt mit aufmerksamen Sinnen sich daran erinnern, welche Wucht und welche Stärke diese historischen Mauern umher vermitteln und welchen Schutz sie die Jahrhunderte hindurch den Menschen boten, als stolze „Burg“ Gottes im Glauben wie in der ganz konkreten Situation.
    

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