HILCHENBACH: Die evangelische Kirche prägt seit vielen Jahrhunderten das Stadtbild mit ihrer Gestalt und mit lebendigen Geschichten unter anderem über Jung Stilling und Fürst Johann Moritz

Die evangelische Stadtkirche Hilchenbach

Die Menschen, die hier getauft wurden, die hier konfirmiert und vielleicht getraut worden sind, haben ganz besondere Erinnerungen und auch Empfindungen, die sie mit der evangelischen Kirche Hilchenbach in Verbindung bringen. Als „Hilchenbacher Dom“ bekannt, ist das besondere Gotteshaus am oberen Ende des Marktplatzes seit vielen Jahrhunderten ein sinn- und gestaltgebender Treffpunkt für gesamte Stadt und die umliegenden Ortschaften. Hier, in diesen altehrwürdigen Räumen, haben schon so viele Menschen über Generationen hinweg Gottesdienste gefeiert, in stiller Einkehr gebetet und Ruhe und Muße gefunden.

„Seit etwa dem Jahr 1000 muss hier die erste Kirche der Ortschaft gestanden haben“, sagt Pfarrer Hans-Jürgen Uebach. 1987 hätten diesbezüglich Grabungen an Ort und Stelle genauere Erkenntnisse ans Tageslicht gefördert. „So muss sich hier ursprünglich eine Saalkirche mit Rechteckchor als Gründungsbau befunden haben, dessen Abriss im Verlauf des 13. Jahrhunderts erfolgt sein dürfte.“ Weitere Befunde ergaben, dass der spätromanische Folgebau bis 1837 bestanden hat. Diese Kirche war dem Heiligen Vitus geweiht. „Im Jahr 1683 entstand daraufhin an der Kirche zum Marktplatz der Anbau des fürstlichen Hauses, des sogenannten Fürstenstuhls, ein Saal, von dem aus die Fürstenfamilie dem Gottesdienst beiwohnen konnte.“ Ohnehin hätten die Nassauer Landesherren, die seit 1652 den Fürstentitel trugen, die Kirchengemeinde Hilchenbach mit manchen Zuwendungen bedacht. Noch heute ist ein Abendmahlkelch in Gebrauch, den kein Geringerer als Fürst Johann Moritz 1664 der Kirchengemeinde schenkte.

„Im Jahr 1839 wurde die alte St. Veitskirche abgebrochen, da sie baufällig und auch zu klein geworden war“, so Pfarrer Hans-Jürgen Uebach. „Bald darauf wurde die jetzige Kirche an Ort und Stelle erbaut. Bei diesem Bau wurden Bruchsteine der alten Kirche verwendet, aber man fügte auch Steine von der Ginsburg mit ein, die ja hier in unmittelbarer Nachbarschaft zu finden ist.“ Kaum war der Grundstein für die Kirche gelegt, brach zwei Tage darauf ein Stadtbrand aus, der viele Häuser umher vernichtete. „Neben den Kosten für den Neubau der Kirche mussten auch die Wiederaufbauarbeiten erst einmal verkraftet werden, und so kam es, dass unsere heutigen beiden Kirchürme erst 1853 erbaut werden konnten“, so der Geistliche. Der Innenraum hat bis heute mehrere Renovierungen erfahren. „Man muss sich einmal vorstellen, dass der gesamte Chorraum und das Kirchenschiff, wie wir es heute hier vorfinden, bis in die Fensterhöhe farbig ausgemalt waren“, beschreibt Hans-Jürgen Uebach die damaligen Räumlichkeiten, während er langsam durch den Mittelgang des Kirchenschiffs geht und den Blick links und rechts in die Höhe schweifen lässt. „Der heutige helle Anstrich hier stammt von den Renovierungsarbeiten aus dem Jahr 1964. Dabei wurden auch die ursprünglichen bemalten Fenster durch helles Glas ersetzt, und der breite Mittelgang hier mit den Bankreihen wurde auch in dieser Zeit angelegt.“

Heute sind von den vielen alten bemalten Kirchenfenstern nur noch ein paar übrig geblieben. „Und diese gehören durchaus zu den Schätzen unseres Gotteshauses“, sagt Hans-Jürgen Uebach. So fällt der Blick von der Mitte des Kirchenschiffs aus unmittelbar zum hohen Chorraum mit dem Gewöbe darüber, in dessen oberstem Drittel drei bemalte Fenster das Tageslicht hereinlassen. Während die Fenster links und rechts dekorative Verzierungen und Symbole zeigen, erhebt sich im mittleren Fenster die sichtbare Gestalt Jesu Christi als guter Hirte. „Von den damaligen Fenstern sind auch noch drei weitere übriggeblieben, deren Glas wir aus den Fassungen herausgenommen und im Bereich des Mittelausgangs im Inneren unserer Kirche an den Wänden platziert haben“, so der Geistliche, diese zeigen eine Krone, sowie Darstellungen Martin Luthers und Johann Sebastian Bachs.“

Und plötzlich tauchen Geister der Geschichte auf Image 4

Der heutige Hilchenbacher Dom entspreche in seiner milden Schlichtheit und Aussstattung vollends der reformierten Idee. „Christliche Symbolik findet sich in den Innenräumen ganz bewusst wenig“, so Hans-Jürgen Uebach. „Dabei tauchen vereinzelt dann doch das Kreuz in der Vorhalle zur Kirche und die steinernen Kreuze außen auf den Seiteneingängen der Kirche auf. Auch befinden sich seit einiger Zeit drei schlichte Holzkreuze auf dem Abendmahlstisch.“ Figürliche Darstellungen seien weiterhin auf der rechten Seite im Kirchenraum zu finden. „Es ist ein Gebetsrelief mit lebendigen Szenen aus dem Gemeindeleben, das uns einst der Allenbacher Künstler Rolf Stein zur Verfügung gestellt hat“, so der Pfarrer. „Nicht umsonst sind wir eine offene Kirche und laden als solche alle interessierten Besucher Tag für Tag zum stillen Gebet und zur Einkehr ein. Und wer möchte, kann genau hier, vor dem Relief an der Wand innehalten und eine Kerze zum Gebet anzünden. Aber man sieht auch immer wieder einzelne Menschen, die die Tage über in unserer Kirche zu finden sind und sich einfach nur auf den Sitzbänken niederlassen, um in Gedanken Gott nahe zu sein.“

Neben den Menschen, die immer wieder gerne die evangelische Kirche Hilchenbach besuchen, tauchen auch Persönlichkeiten aus der Geschichte in den altehrwürdigen Mauern auf: beispielsweise kein Geringerer als Johann Heinrich Jung-Stilling aus der benachbarten Ortschaft Grund. Der bekannte Gelehrte, Augenarzt und Freund von Johann Wolfgang von Goethe hatte zu Lebzeiten nicht zuletzt durch seinen Großvater Ebert Jung, der Kirchenältester und Presbyter war, einen festen Bezug zur evangelischen Gemeinde Hilchenbach. „Und es ist auch denkbar, dass man Jung-Stilling durchaus das eine oder andere Mal hier in der alten Kirche gesehen hat, bevor er seine Heimat verließ“, so Hans-Jürgen Uebach. Nicht umsonst trägt auch das heutige Kirchensiegel Jung Stillings Heimweh-Spruch. „Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen“ sowie den Sinnspruch des Gelehrten: „Die beiden schönsten Dinge im Leben sind die Heimat, aus der wir kommen und die Heimat, zu der wir wandern.“

An der Außenmauer der Kirche zum Kirchplatz hin erinnert eine Tafel an Ebert Jung, der auch auf dem Kirchplatz begraben liegt. Seinem Enkel Johann Heinrich Jung-Stilling wiederum wurde ein Obelisk im Jahre 1871 gewidmet, der sich zwischen dem Chorraum der Kirche und dem Marktplatz befindet. „Ich freue mich schon wieder, wenn am Heiligen Abend viele Menschen aus nah und fern in unsere schöne Kirche kommen“, sagt Pfarrer Hans-Jürgen Uebach. Auch sonst seien es immer wieder besondere Aktionen, die für Leben im Gotteshaus sorgen würden. „So haben wir hier zum Beispiel schon eine Lichteraktion durchgeführt und die Wege zum Gotteshaus und die Innenräume in besonderen Farben erstrahlen lassen. Auch das ließ noch einmal ganz neue Blicke auf unsere Kirche zu.“

Auch der Bibel-Lese-Marathon sei allen Beteiligten noch in besonders guter Erinnerung. „Dabei haben wir eine Woche lang mit allen Interessierten Tag und Nacht die Bibel in einem durchgelesen“, so Hans-Jürgen Uebach, „und es war sehr schön, mitzuerleben, dass gerade auch abends und nachts immer wieder Menschen zu uns fanden, die sich einfach nur in der Kirche niederließen, um dem Ganzen still zuzuhören und die vorgelesenen Worte aus der Heiligen Schrift auf sich wirken zu lassen.
    

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