FERNDORF: Darum erwachen in der evangelischen Laurentiuskirche das Mittelalter und weitere Epochen in eindrucksvoller Pracht

Evangelische Kirche Ferndorf

Und ehe man es sich versieht, steht man Auge in Auge einem echten Ritter gegenüber. Sein wacher Blick schaut aus dem schweren, verzierten Topfhelm mit dem besonderen Schmuck über der Stirn und dem hochgeklappten Visier hervor, während er die Hände seiner gerüsteten Arme vor dem mächtigen Brustpanzer gerade wie zum Gebet zusammengelegt hat. Die gerundeten Schulterpartien wölben sich stattlich aus der Panzerung in die Höhe, und an seiner linken Seite blitzt ein gewaltiges Langschwert hervor. „Dieser Ritter gehört zweifelsohne zu einer der vielen Besonderheiten unseres Gotteshauses“, sagt Organist, Orgelbauer und Gemeindemitglied Christoph Meier-Kabelitz, als er durch die stimmungsvolle evangelische Laurentiuskirche führt.

Das Licht fällt mystisch durch die hohen, teils bemalten Rundfenster in die mächtigen Hallen hinein. Überall eröffnen sich dem Betrachter malerische Gewölbe. Und die Gänge und uralten Sitzbänke mit der verzierten Kanzel in der Mitte wirken einladend und gemütlich und atmen den Geist einer längst vergessenen Zeit – wie auch das Bildnis jenes gusseisernen Ritters. „Was man hier sieht, ist die eiserne Grabplatte des Ritters Valentin von der Hees aus dem Jahr 1559“, erklärt Christoph Meier-Kabelitz. „Diese Platte hat sich ursprüng lich einmal im Chorraum der Kirche im Boden befunden und wurde im Laufe der Zeit im Mittelgang des Kirchschiffs aufgerichtet.“

In früherer Zeit einmal diente der Hof des Gotteshauses als Friedhof. „Während dem Adel als Begräbnisraum der Chorraum zustand, wurde der Clerus im Kirchenschiff bestattet“, erinnert der Orgelbauer. „Alle Grabplatten, die man heute noch in unserer Kirche entdecken kann, lagen ursprünglich auf den Gräbern in der Kirche.“ Als besonders prominente Verstorbene lenkt Christoph Meier-Kabelitz den Blick auch auf die Platte eines weiteren Ritters von der Hees oder auf die Tafel von Anna Sophia, Tochter des Johannes Dresler aus dem Jahr 1729, aus der Ahnenreihe des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Aber die Ferndorfer Kirche beherbergt auch die letzte Ruhestätte von Johanna von Seelbach, die letzte des Geschlechts derer von Lohe.

Erstmals erwähnt wurde das besondere Gotteshaus übrigens im Jahr 1339 in einer Patronatsurkunde. Errichtet wurde die Kirche allerdings gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Und man weihte sie dem Heiligen Laurentius von Rom. Nach der Enthauptung von Papst Sixtus II. durch den römischen Kaiser Valerian sollte Laurentius, der für das päpstliche Vermögen zuständig war, Rom alle kirchlichen Finanzen als Tribut abgeben. Doch er weigerte sich und verteilte das Kirchengut an alle Mitglieder der Gemeinde. Anschließend präsentierte er dem Kaiser alle Armen und Kranken als das wahre Vermögen der Kirche und wurde daraufhin mehrmals gefoltert und auf einem glühenden Gitterrost hingerichtet.

„Bei unserer Kirche handelt es sich um um eine spätromanische, dreijochige Westfälische Hallenkirche mit vorgebautem Westturm“, so Christoph Meier-Kabelitz. „Dem aufmerksamen Betrachter wird aber auffallen, dass der Turm viel älter ist als das Kirchschiff. Über die Jahre ist es dennoch ganz gut gelungen, die ,alte Kirche‘ aus dem 12. Jahrhundert mit der neueren Kirche aus dem Jahr 1887 zu verschmelzen. Möglicherweise diente der Turm zuvor schon einer noch älteren Kirche oder Taufkapelle, etwa einer aus dem 11. Jahrhundert. Auch eine Münze aus dieser Zeit, die 1887 unter dem ehemaligen Hochaltar gefunden wurde, deutet auf ein entsprechendes Alter hin.“

1997 wurden zudem hinter der Orgel alte Fresken im spätromanischen Stil entdeckt, die der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zugeordnet werden können. „Die imitierten Arkadenbögen zierten den Durchgang zu einem früheren, kapellenartigen Raum im Kirchturm. Hiermit haben wohl auch die Logen für die adeligen Gemeindemitglieder zu tun. Schließlich hatten die Ritter von Kolbe aus Wilnsdorf einst das Patronat über diese Kirche inne und haben diese Räume auch entsprechend – abgeschirmt von der übrigen Bevölkerung – bei Gottesdiensten genutzt.“

Die neue Kirche wiederum besitzt zwei Joche mit neugotischem Kreuzrippengewölbe und neo-romanischen Fensterbögen. „Sie wurde 1887 als Querschiff mit Chor an der Stelle des alten Chorraums angebaut“, so Christoph Meier-Kabelitz, „damit gehört die evangelische Kirche Ferndorf zu den wenigen Gotteshäusern der Region, in denen sich die Menschen bei den Gottesdiensten nahezu gegenübersitzen können.“

Zwischen Rittergräbern und Engelsflügeln Image 6

Viele weitere Besonderheiten machen den Besuch des Gotteshaues zu einem ganz besonderen Erlebnis. So stammen die alten und sorgsam geschnitzten dunklen Bänke noch aus dem 18. Jahrhundert. „In den vordersten Reihen sind sogar noch vereinzelte Namenschilder aus Messing angebracht, die gekaufte Platzreservierungen derjenigen Menschen waren, die zu den reicheren Bürgern der Umgebung gehörten“, so der Organist. In jener Zeit wurde auch öfters beklagt, dass manche Besucher des Gottedienstes nicht selten unter Müdigkeit litten. „Man muss nämlich einmal bedenken, dass die Menschen seinerzeit oftmals aus den umliegenden Ortschaften einen beschwerlichen und langen Fußmarsch auf sich nehmen mussten, um hier, in Ferndorf, das Wort Gottes zu hören“, so Christoph Meier-Kabelitz. „Jedenfalls wurde aufgrund der vielen müden Kirchgänger bald eine Regelung erlassen, dass man in der Kirche auf seinen jeweiligen Sitznachbarn zu achten hatte und ihn im Falle eines Einschlafens wachrütteln sollte.“ Diese Maßnahme aber schien wohl nicht von dauerhafter Wirkung zu sein. „Und so wurde bald von höherer Stelle erlassen, dass der Küster die Eingeschlafenen durch einen Schlag mit dem Rohrstock in den Nacken oder gegen die Banklehne zu wecken habe.“

Die evangelische Laurentiuskirche hat über die Jahrzehnte manche Veränderungen über sich ergehen lassen müssen. „So erfolgte 1929 der letzte große Umbau“, erinnert sich Christoph Meier-Kabelitz. „Dabei wurden die Emporen der neuen Kirchen auf die Höhe der Emporen der alten Kirche herabgesetzt und ebenso wie die Kanzel neu verkleidet. Außerdem erhielt die Kirche in dieser Zeit elektrisches Licht. Die alten Jugendstillampen verrichten übrigens noch immer ihren Dienst.“ An die ursprüngliche Orgel, die einst in der Laurentiuskirche in Gebrauch war, erinnern heute nur noch zwei Putten mit goldenen Engelsflügeln und langen Trompeten, die sie zu ihren Lippen führen. „Die alte Ferndorfer Orgel wurde 1929 der evangelischen Martinikirche in Netphen übergeben. Damit konnte hier in der Laurentiuskirche bald ein neueres noch größeres Instrument aufgebaut werden“, so Christoph Meier-Kabelitz. „Und selbst heute, nach so langer Zeit, ist es immer noch schön, dass noch einige Pfeifen dieser ursprünglichen Ferndorfer Orgel in der Netphener Kirche in Gebrauch sind, auch wenn das ursprüngliche Instrument schon lange nicht mehr existiert. Ihr Klang lebt aber immer noch fort. Und das ist doch ein schönes Zeichen.“

Die alte Uhr der Laurentiuskirche wiederum läuft immer noch mechanisch und ohne Strom. „Sie stammt aus dem Jahr 1952 und ist absolut präzise“, beschreibt der Organist das Schmuckstück. „Das in die Jahre gekommene Original befindet sich mittlerweile im Museum des Oberen Schlosses in Siegen – mit ihm übrigens auch die uralte mit Verzierungen geschnitzte Flügeltür aus dem Jahr 1778, von der in den 1950er Jahren ein Duplikat angefertigt werden musste. Durch diese wunderbar gearbeitete Kopie wandeln die Menschen noch heute hindurch zu den Gottesdiensten und Predigten.

Allem voran gehören zu den gut gehüteten Schätzen der Kirche auch ein prunkvoller Abendmahlskelch aus massivem Silber und vergoldetem Inneren, den kein Geringerer als Fürst Johann Moritz der Gemeinde 1664 zum Geschenk machte, eine silberne Taufschale des Frauen- und Jungfrauenvereins, die das Objekt zwischen 1861 und 1871 gemeinsam mit den Konfirmanden der Gemeinde schenkten und eine große Abendmahlskanne, ebenfalls aus Silber aus dem Jahr 1880. Zusammen mit den beiden alten und mit Messing beschlagenen Bibeln geben diese wertvollen Gegenstände ein herrliches Ensemble ab.

So lassen sich hier, zwischen Rittergräbern und Engelsflügeln, zwischen uralten Sitzreihen und mystisch wirkenden Gewölbedecken, zwischen geheimnisvollen Nischen und uralten Arkadenbögen immer wieder neue Entdeckungen machen, die der Laurentiuskirche einen ganz eigenen Charme verleihen.
     

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