INTERVIEW: Prof. Dr. Gustav Bergmann von der Universität Siegen über die Entwicklung und den Nutzen der E-Mobilität

„Wir müssen in die Kurve“

Erste E-Autos gab es bereits vor 100 Jahren. In anderen Bereichen wurde die Elektromobilität sukzessive realisiert, wie beispielsweise bei den E-Scootern. Foto: pixabay

19.08.2021

"Ein verändertes Mobiltätsangebot verändert das Verhalten.“

Ob E-Bike, Pedelec oder E-Auto – der Bereich der Elektromobilität wächst. Prof. Dr. Gustav Bergmann vom Lehrstuhl für Innovations- und Kompetenzmanagement, Forschungsstelle Plurale Ökonomik, der Universität Siegen, der mit seinem Team sechs Jahre lang die Chancen und Herausforderungen für die Einführung von Elektromobilität in einer Stadtregion am Beispiel Siegens untersuchte, wirft im Interview mit der Siegener Zeitung einen Blick auf den Nutzen der E-Mobilität, ihre notwendigen Voraussetzungen und beschreibt, wohin uns die Entwicklung führen kann.

Stichwort E-Mobilität: Wo sind wir gestartet und wo stehen wir heute?

- Prof. Dr. Gustav Bergmann: Erste E-Autos gab es ja schon vor 100 Jahren. In anderen Bereichen wurde die Elektromobilität sukzessive realisiert. So bei der Bahn für Personen und Güter, bei Straßen- und U-Bahnen. Die seit etwa 40 Jahren bekannte Problematik der fossilen Ökonomie und Industrie mit ihren jetzt deutlich erkennbaren Folgen, führen nun endlich zu einer Politik der CO2-Neutralität und der Ressourcenschonung. Die E-Mobilität kann einen Beitrag leisten.


"Die Natur verhandelt nicht mit uns."

Prof. Dr. Gustav Bergmann
Lehrstuhl für Innovations- und Kompetenzmanagement, Forschungsstelle Plurale Ökonomik, der Universität Siegen


Welche Vorteile bringt die E-Mobilität für uns mit sich?

- Es können regenerative Energien verwendet werden und es werden Emissionen (Schall, Auspuffgase) am Ort der Mobilität vermieden. Reine Luft, Lärmschutz.

Gibt es Entwicklungen, die in diesem Zusammenhang noch im Bereich unserer Infrastruktur vorangetrieben werden müssten?

- Wir brauchen mehr Ladesäulen und ein neues Nutzungsrecht von Parkraum und wir brauchen erheblich mehr regenerative Energieerzeugung – mehr dezentrale Energieerzeugung, Photovoltaik, Wind, Blockheizkraftwerke, Wärmepumpen etc..

Wie sieht es im Öffentlichen Personennahverkehr mit der E-Mobilität aus?

- Gut, da ja viele Bahnen elektrisch betrieben werden. Oberleitungsbusse wären heute wieder aktuell. Schwierig sieht es bei E-Bussen mit Akku aus, da viele Städte zwar umstellen, aber gar nicht so viele Fahrzeuge gebaut werden können. Außerdem ist das natürlich sehr aufwendig.

Muss ein Nutzer technikaffin sein, um ein E-Auto zu fahren?

- Überhaupt nicht. Die Handhabung erscheint eher einfacher als bei einem Verbrenner.

Wie viele Menschen setzen in unserer Region bzw. in NRW bereits auf die E-Mobilität?

- Wir haben sechs Jahre lang das Projekt „Remonet (Regionales E-Mobility Netzwerk)“ zur regionalen Dienstleistungsvernetzung für die Förderung der Elektromobilität am Beispiel Siegen betreut. Zu unserer Überraschung haben sich die größten Fortschritte bei den E-Bikes und Pedelecs gezeigt. In Siegen ist ja auch ein Radwegenetz entstanden und dieser Weg sollte weiter intensiviert werden. Wir können nicht darauf setzen, dass jeder einzelne Mensch privat die Veränderung vornimmt, sondern ein verändertes Mobiltätsangebot verändert dann auch das Verhalten. Die absoluten Zahlen bei E-Autos sind noch gering, aber wir erwarten bei weiteren Änderungen der Rahmenbedingungen eine exponentielle Entwicklung.

Was wir außerdem brauchen, sind ein intensiver Ausbau der Bahn, mehr Radwege und Fußwege und neue Ideen für den ÖPNV, wie Mobilitätsapps, besonders auf dem Land sind moderne Mitfahrapps geeignet, mehr Verleihsysteme, aber auch Seilbahnen und Funkbussysteme.

Wie beurteilen Sie die Alternative durch Wasserstoff?

- Wasserstoff kann eine interessante Antriebsenergie sein. Allerdings ist Wasserstoff ja nicht frei verfügbar, sondern muss zunächst energieaufwendig erzeugt werden. Also brauchen wir auch dafür eine schnelle Ausweitung der regenerativen Energieformen und/oder eine weniger energiehungrige Lebens- und Wirtschaftsweise. Die Einsparung von Energie wird unsere größte Energiequelle sein.

Rüsten auch Unternehmen bzw. Branchen ihre Fahrzeugflotte um und setzen auf die E-Mobilität?

- In vielen Bereichen der Zulieferung der Handwerkerfahrzeuge in Innenstädte sind die Umstellungen sinnvoll und werden auch zunehmend realisiert.

Können unser Stromnetz und die Kraftwerke bei der Nachfrage nach E-Autos mithalten?

- Wir brauchen eine fundamentale Umstellung unserer fossilen Industrie auf andere Energieformen. Wir können nicht nur über Probleme von Windanlagen und Sonnenkollektoren reden, sondern müssen sehen, dass die fossilen Energien unglaubliche Zerstörungen ausgelöst haben. Bergbau, Tagebau, Energiekriege in Nahost, Havarien, Raffinerien usw.

Wohin wird uns die Entwicklung führen?

- Ob wir wollen oder nicht, wir werden uns auf eine Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft einstellen müssen, wenn wir die menschlichen Lebensgrundlagen erhalten wollen. Dazu gehört neben vielen anderen Bereichen eine neue Art von Mobiltät, die weniger auf individuellem Besitzen als auf gemeinschaftlichem Nutzen besteht. Das kann aber auch eine spannende, innovative und die Lebensqualität deutlich steigernde Veränderung sein. Meine Zuversicht speist sich daraus, dass wir „in die Kurve“ müssen, weil die Natur nicht mit uns verhandelt. kano
    

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